Restaurierung Vespa 50 N Spezial

Restaurierung Vespa 50 N Spezial


Schrott wird flott

"Die schönsten Formen menschlicher Artefakte entstammen der Natur. Wenn an ihnen dann noch weibliche Züge erkennbar sind, wird die Ästhetik unzweifelhaft gesteigert. Schön, rund und vergänglich!". Wer würde widersprechen, dass dies die hervorstechenden Eigenschaften eines Kult-Zweirades sind, der Vespa. (aus "Rollende Legende - Die offizielle Vespa-Biografie")

Vernachlässigte Blechformen

Wir jedenfalls nicht. Erst recht nicht, was die Vergänglichkeit der alten Blechformen und der technischen Einrichtungen im Falle der Vernachlässigung angeht. Wie wir schon in den vorangegangenen Dokumentationen unseres umfangreichen Vespa 50 N Spezial Restaurierungsunterfangens berichteten, war's um die kleine "Vespina" ja eigentlich schon geschehen. Nichts ging mehr. Alles festgegammelt und dem Lochfraß preisgegeben. Als Artefakt kann heute allerdings nur noch der Motorseitendeckel bezeichnet werden, denn mittlerweile haben wir dem Bauwerk wieder Leben eingehaucht.

Und das ging so:
Nachdem wir die Kompressionsschwäche mittels Daumentest diagnostiziert und nach dem Lösen der 4 Zylinderfußmuttern und des Abgaskrümmers den Zylinder abgezogen hatten, bot sich folgendes Bild der Zerstörung: Für 40 Euro gibt's bei RUNOs Rollerwelt einen Kolben im 1. Übermaß für den 75ccm Satz inklusive Ringe, Bolzen und Clips. Zum Preis von 1,50 Euro ist eine Fußdichtung auch noch zu bekommen. 4 Zehntel ist der neue Kolben größer als die alte Zylinderbohrung. Zylinder und Kolben geben wir in einem Fachbetrieb zum Hohnen ab.

Das kostet zwar nochmal 40 Euro, ist aber eine unbedingt erforderliche Präzisionsarbeit:

Nachdem man die Dichtflächen gut gereinigt und die neue Dichtung aufgelegt und einen Gang eingelegt hat, sollte man seine Hände und den Kolben gut einölen und vorsichtig die Ringe überstülpen. Zuerst den unteren, dann den oberen Ring. Anschließend den Kolben Zielgenau über das Pleuelauge halten und beides mit dem ebenfalls gut geölten Bolzen verbinden. Auf der Innenseite hat der vorausschauende Schrauber schon den Clip in die Bolzenbohrung eingesetzt. Deshalb den Kolbenbolzen behutsam eindrücken, bis er an den Clip stößt. Das geht ganz gut mit der bloßen Hand. Für die letzten Millimeter kann die Verlängerung einer kleinen Knarre als Druckmittel dienen - keinesfalls scharfkantiges Werkzeug benutzen. Dann den äußeren Clip einsetzten und alles auf gute Beweglichkeit prüfen. Na, den Pfeil auf dem Kolben auch in Richtung Auslass ausgerichtet? Gut!

Nun führt man den Kolben vorsichtig in die Laufbuchse ein und drückt mit der anderen Hand den oberen Kolbenring zusammen, sodass dieser in die angephaste Laufbuchse, die vorher natürlich auch gut mit Öl bestrichen wurde, gleiten kann. Jetzt sitzt der Zylinder auf dem zweiten Ring auf und kann an den Stehbolzen ausgerichtet werden. Wenn man nun den zweiten Ring mit Daumen und Zeigefinger in die Nut drückt, rutscht der Zylinder schon von selbst über den Kolben und alles wird gut.

Fazit:

Unsere "Low Budget" Restaurierung der alten Vespa kostete außer unzähligen Arbeitsstunden gut 500, -EURO, inklusive Anschaffung des Wracks! Sicherlich kann man für knapp das Doppelte eine schon restaurierte Vespa gleicher Baureihe auf dem Gebrauchtmarkt beschaffen und sich die ganze Maloche sparen. Doch erstens kauft man dabei immer die Katze im Sack und muss mit Folgekosten rechnen. Zweitens ist schließlich bei der ganzen Schrauberei der Weg das Ziel. Drittens erwirbt man nebenbei unbezahlbares Wissen über das Objekt und allgemeine Kenntnisse in Sachen Zweiradreparatur, die in Zukunft bei anderen Projekten viel Zeit und Geld sparen werden. Viertens vermittelt es ein unglaubliches Gefühl der Sicherheit, an seinem Fortbewegungsmittel jede Schraube mit Vornamen zu kennen. Und Fünftens macht es einfach Spaß. Also Leute, ran an eure Rostlauben: Schrott wird flott!


Text & Fotos: Pabi

Buchtipp "Vespa"
Von der Weiblichkeit einer Vespa weiß das neue Buch aus dem Delius Klasing Verlag ausführlich zu berichten. Als kleine textliche Kostprobe der Würdigung dieser italienischen Kultmarke möge das Zitat in der Einleitung der "Schrauberei" dienen. Wer sich auch nur annähernd für die kugeligen Fortbewegungsmittel und ihre Historie interessiert, findet in "Vespa" eine sowohl fotografisch als auch textlich sehr kurzweilige Produktpräsentation, die den westeuropäischen Aufbruch in unsere heutige mobile Konsumgesellschaft - ja nicht zuletzt Dank Vespa auch eine Geschichte der Emanzipation der Frau - eindrucksvoll dokumentiert. Unzählige Modellabbildungen, technische Details, zeitgenössische Werbeaufnahmen und die ausführlich dargelegte Historie des Vespakonzerns und seiner Protagonisten verschaffen dem Leser schnell Durchblick in Sachen Kultroller.

Vespa
Das offizielle Buch - alle Modelle seit 1945
Delius Klasing Edition Moby Dick, Bielefeld, 336 Seiten

Format 22,5 x 26,5 cm für 34, -EURO im Buchhandel oder unter der Bestell-Hotline 0521-559295 erhältlich.

www.delius-klasing.de