Sehen und verstehen...Teil 1

Sehen und verstehen...Teil 1


Fahrphysik für Nicht-Physiker. Folge 1: Die Geradeausfahrt - das Einfachste.

Wenn Kawa-Kalli sich auf seinen Hobel setzt, will er vor allem eins: Schnell sein. Also rauf auf den Bock, möglichst zeitgleich mit Erreichen der Betriebstemperatur auf die fast leere A 31 einbiegen, um dann die Ton in Ton im gleichen Kawa-Grün gewandete Gashand bis an den von der Natur eingebauten Handgelenks-Anschlag zu überdehnen.

Kalli hat Glück, die Bahn ist frei. Kein Wunder, sonntagmorgens um halb sechs... Und so erreicht das giftgrüne Geschoss alsbald die 250er Marke. Eine schlaftrunkene Taube startet vom Standstreifen zum Querverkehr, aber Kalli ist Gott sei Dank vorbei, bevor sie vom Boden loskommt. Super-Geradeauslauf heute, aber ein bisschen wibbelig auf der Hinterhand! Die neuen Pneus machen sich bezahlt. Trotzdem komisch... irgendwie dreht sie heute höher als sonst bei 250 und will auch nicht drüber. Egal, da ist ja schon Lathen. Ui, und ist das schon der Emstunnel? Nach knapp über 1 Stunde Fahrt ist Kalli am Ziel seiner Träume: Einem frisch gefangenen Matjesbrötchen im Emdener Hafenviertel.

 

Die Matjes Synthese

Während der Matjes in seinem Verdauungstrakt eine innige Synthese mit einer Tasse Milchkaffee eingeht, denkt unser Biker nach. Bottrop-Emden, 240 km in 1 h 6 min, ein ordentlicher Schnitt also. Wieso eigentlich, wo er doch fast permanent knapp unterm roten Bereich gefahren ist? Hm... Kalli rechnet auf dem Handy nach: 240 geteilt durch 1,? Ach ja, 6 min sind 1/10 h, also 240 / 1,1 = 218. Als Schnitt ganz o.k.

Aber wieso war er letzte Woche, als er mit Gitti hinten drauf hier war, in unter einer Stunde am Hafen? Ganz einfach, Kalli: Weil du Gitti hinten drauf hattest! Das Hinterrad eines Motorrades macht nämlich bei hohen Geschwindigkeiten und wenig Belastung bis zu 15 % Schlupf, es dreht genau genommen somit immer ein wenig durch. Kein Wunder also, wenn die Kawa hinten mal unruhig wird. Gitti war also quasi dein Achsbeschwerer und deine Anti-Schlupf-Regelung. Nicht, dass die Kawa zu wenig Leistung hätte für echte 250, sie bringt sie solo einfach nicht auf den Asphalt. Rechne mal: 250 + 15% = 287,6 auf der Hinterpelle. Ohne Gitti musste die Kawa diesmal für echte 250 am Vorderrad also bis ins Rote drehen.

Energie wie ein LKW

Immerhin war Kalli aber auch mit der Bewegungsenergie eines LKW unterwegs. Die Formel dafür lautet nämlich W= ½ m v² . Puh! Vergiss es. Kurz gesagt: Kalli + Kawa (m) =  300 kg. Geschwindigkeit (v) = 250 km/h = 69,4 m/s. Ergibt rund 722 Kilojoule. Rein rechnerisch schlägt das grüne Duo somit ungebremst auf ein Stauende auf wie ein 40-Tonner mit  ca. 22 km/h. Interessant in dem Zusammenhang auch, dass Kallis Spätstartertaube, hätte sie ihn denn am Kopf erwischt, mit ihrem Gewicht von ca. 300 g auch genauso gut als 1-kg-Ziegelstein aus 72 m Höhe gegen seinen Fontanellenschoner hätte knallen können. Hm... Besser nicht drüber nachdenken. Oder doch? 

Stabile Lage im Raum

Immerhin, und das sei abschließend noch zu unserem kleinen Exkurs in die Abgründe der Physik gesagt, hat das hohe Tempo auch ein Gutes. Mit zunehmender Drehzahl der Räder stabilisiert sich deren Lage nämlich immer mehr im Raum. Will sagen: Eine einmal in Rotation versetzte Scheibe (und nichts anderes ist ein Rad physikalisch gesehen) behält ihre Lage bei, egal welche Kräfte auf sie einwirken. Je schneller, desto stabiler. In der Luftfahrt auch Gyro genannt, nutzt man diese Tatsache für (Kreisel-)Kompass und künstlichen Horizont. Kennen wir Moppedfahrer aber auch alle: Langsam an die Ampel ran, du musst am Lenker korrigieren und eierst rum. Ist die Fuhre erst mal wieder in Gang, geht ’s zügig geradeaus. Leider zu zügig, wenn ´s denn auf der Bahn mal wieder eng wird. Da hilft dann meist nur ein massiver Impuls in Form eines Lenkerschlages. Wer dazu mehr wissen möchte, dem sei die Teilnahme an einem Fahrsicherheits-Seminar (ADAC, BGs etc.) empfohlen oder einfach der Besuch des Phänomedia-Erfahrungsfeldes in Essen. Hier kann man nebenbei auch noch andere Dinge lernen. Zum Beispiel, wie Bären sich im Dunkeln anfühlen.  

 

In Kürze mehr über Kurven, Beschleunigung und Bremsen...

     

Wingleader