Honda FMX 650

Honda FMX 650


Ein Motorrad wie ein Mars-Schokoriegel

„Mars macht mobil, bei Arbeit, Sport und Spiel“. Der einst für einen klebrigen Schokoriegel kreierte, heute fast Kultstatus besitzende Werbeslogan würde auch zur neuen Honda FMX 650 gut passen. Das belegen unsere Testfahrten auf der portugiesischen Trauminsel Madeira.

Honda gibt zu, was alle längst wissen. Den Motorradherstellern stirbt die Kundschaft aus, denn wir Motorradfahrer werden immer älter. „Lag das Durchschnittsalter des europäischen Motorradkunden anno 1993 noch bei knapp 35 Jahren, sind es heute bereits 45 Jahre“, erklärt Honda-FMX-650-Projektleiter Takashi Yamaguchi das derzeit größte Zukunftsproblem im Motorradhandel. Grund: die Jugend hat nicht wirklich Lust aufs Motorrad, gibt ihr Geld lieber für andere Dinge wie Mode, Lifestyle und Technikprodukte wie Handys und Musikplayer aus. Nun soll, so plant Honda, die neue FMX 650 Funmoto die Jugend aufs Motorrad locken. „Sie bietet alles, was der Nachwuchs will: Fahrspaß, pfiffiges Design und einen günstigen Preis“ sagt Takashi Yamaguchi und zitiert dazu von Honda angefertigte Marktanalysen, welche belegen sollen, dass die Jugend weniger Wert auf HighTech als auf Fun & Fashion legt. So macht die FMX 650 optisch ordentlich was her. Yamaguchi: „Wir wissen, dass die Jungen genauso wie die Alten vorwiegend auf Asphalt fahren wollen. Aber sie wollen auch Leichtigkeit, Spaß, Dynamik. Supermotard ist bei den Jugendlichen der absolute Hit. Und Supermotards sind gerade auch in der Stadt ideal, weil sie wendig sind und auch mal einen Hopser über einen Bordstein klaglos verkraften.“ Ein weiterer wichtiger Grund: Für eine kostengünstige Supermotard-Maschine lag bei Honda alles in der Schublade!

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Antiquierte Technik hübsch verpackt

So vertraut die FMX 650 auf den einfachen „Mono-Backbone“-Stahlrahmen aus der Honda SLR von 1997. In diesem einfachen Chassis steckt der luftgekühlte Einzylinder-Viertakter mit 5-Gang-Getriebe aus der NX 650 Dominator von 1988. Dieses Triebwerk ist zwar lediglich 38 PS kräftig. Doch es ist auch sehr leicht, extrem günstig im Unterhalt und selbst bei minimalster Wartung bekannt zuverlässig. Dazu schafft es - dank Sekundärluftsystem und U-Kat - trotz simplem Vergaser die aktuell gültige Euro-2-Abgasnorm. Die Honda-Ingenieure peppten diese bestens bekannte und in den letzten 10 Jahren zigtausendfach gebaute Antrieb/Chassis-Kombination mit einer wichtig aussehenden 41-mm-Upside-down-Gabel, fetten 17-Zoll-Pneus und einigen pfiffig designten Kunststoffteilen sowie trendigen Accessoires wie einem LED-Rücklicht und gold-eloxierten Bremszangen optisch auf - fertig ist das Honda-Idealkonzept eines Einsteigerbikes. Frappierend an der Geschichte ist die Tatsache, dass dieser unglaublich simple Mix aus alten Komponenten und etwas modischem Schnickschnack wie der fetten Mega-Auspuffanlage (auch für so alte Motorradler wie den Autor) begeisternd gut funktioniert.

Viel Fahrspaß im Kurvenrevier

So kommt schon in der City, später auch auf den eng gewundenen, kaum einmal mehr als 100 Meter geradeaus führenden und immer wieder von üblen Frostaufbrüchen und Moosbewuchs verunstalteten Straßen Madeiras exorbitanter Fahrspaß auf. Unglaublich handlich und bestechend wendig überzeugt die kleine Honda nicht nur im dichten Stadtverkehr mit leichter Manövrierbarkeit, sondern auch noch bei Tempi jenseits von 90 km/h. Dazu kommt eine tadellose Kurvenstabilität. Obwohl mit ebenso fetten 17-Zöllern bereift wie andere Supermotard-Maschinen, überrascht die Honda mit sehr neutralem Einlenkverhalten und minimalem Aufstellmoment beim Bremsen in Schräglage. Dabei bietet das straff abgestimmte Fahrwerk gute Rückmeldung über die Grip-Befindlichkeit am Hinter- wie am Vorderrad. Etwas unverständlich: obwohl mehr als genug Federweg zur Verfügung stehen würde, gerät die Federung arg früh in harte Progression. Auf üblen Schlaglochpisten hüpft die FMX 650 mehr, als dass sie fährt, prügelt hart aufs Rückgrat des Fahrers ein. Von der anfangs auf gutem Untergrund vermuteten Sensibilität ist da nur noch wenig zu spüren. Vermutlich liegt es am Kostendruck, dass die Gabel klar weniger gut funktioniert, als es der optische Anschein erwarten lässt. Auch die Bremsanlage bietet nicht mehr als gute Durchschnitts-Funktionalität. Bei normaler Fahrweise überzeugen zwar sowohl Wirkung als auch Dosierbarkeit und der Handbremshebel kann sogar eingestellt werden. Bei scharfer Berg- und vor allem Talfahrt allerdings neigt die Anlage zum Überhitzen und beginnt jämmerlich zu stinken. Zur Ehrenrettung sei gesagt, dass das Fading nie einen beängstigenden Wert erreicht.

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Angenehme Überraschung: Trotz 875 mm Sitzhöhe kommen selbst kleine Menschen wie der Autor (1,69 m) gut mit der FMX 650 zurecht. Das liegt zum einen daran, dass der verblüffend bequeme Sattel extrem schmal baut. Zum anderen am eher hohen Negativfederweg, also daran, dass die FMX 650 ein ordentliches Stück einsinkt, sobald der Pilot im Sattel Platz nimmt. Und die sehr gestreckte Sitzbank hat noch einen weiteren Vorteil: Auch die Sozia sitzt angenehm. Allerdings sollte, wer viel zu zweit fahren möchte, unbedingt den als Zubehör erhältlichen Gepäckträger mit den angegossenen Aluhaltegriffen ordern - der Plastikriemen zum Festhalten ist echter Mist! Doch zurück zum Fahrerlebnis: Nach der Euphorie der ersten Kurvenexstase überzeugt die FMX 650 auch bei touristischer Fahrweise. Der 38-PS-Motor läuft angenehm weich, nervt über den gesamten Drehzahlbereich niemals mit gemeinen Vibrationen. Allerdings täuscht er auch nicht darüber hinweg, dass er nicht mehr der Jüngste ist. Exorbitante Drehfreude ist ebenso wenig seine Domäne wie superbe Laufruhe bei niedriger Drehzahl.

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Unterhalb von 3.000 U/min hängt er müde in einem Drehmomenttief und hackt lustlos auf die Antriebskette ein. Dafür ballert er im mittleren Drehzahlbereich umso freudiger los, ermöglicht harmonisches Kurvenschwingen ohne allzu viel Schaltarbeit. Die mögliche Höchstgeschwindigkeit liegt, so finden wir heraus, bei knapp unter oder knapp über 160 km/h - je nachdem, wie leicht der Pilot ist und wie klein er sich zusammenfalten kann. Klasse: weil der Motor noch auf einen schnöden Vergaser vertraut, ist die Gasannahme wunderbar weich und harmonisch. Auch Konstantfahrt-Ruckeln, eine Eigenheit aller auf dem Markt erhältlichen 4-Takt-Einzylindertriebwerke mit Einspitzung, ist dem 650er-Single völlig fremd. Leider hält er sich auch akustisch fast schon zu vornehm zurück. Hier wird der Zubehörmarkt auf seine Kosten kommen. Aber wohl auch nur hier, denn alle weiteren Bedürfnisse, welche die Jugend haben könnte, deckt Honda selbst ab. So gibt es nicht nur trendige Kleber im „Tattoo“-Look sowie eine mit „Tattoo“-Symbolen verzierte Sitzbank. Auch Handprotektoren, ein Gepäckträger, ein Gepäcknetz und eine Abdeckplane sind erhältlich. Und für kleine Menschen ist eine 2 cm niedrigere Sitzbank zu haben.