Aprilia SL 1000 Falco

Aprilia SL 1000 Falco


Egoist

Mit der Falco hat Aprilia einen Volltreffer in die Herzen der Italo-Fans gelandet - dort verdrängt der Egoist jeglichen anderen Sport-Tourer.

Unwissende Zeitgenossen könnten die Namensgebung der neuen Aprilia "Falco" als Hommage an den vor zwei Jahren verstorbenen österreichischen Sänger missverstehen. In der Tat vermittelt der Kontakt mit dem neuen Sporttourer ein Gefühl, dass Hansi Hölzl - alias Falco - in seinem letzten Hit treffend ausdrückte: "Die ganze Welt dreht sich um mich, denn ich bin nur ein Egoist." Die Aprilia beschleunigt fulminant aus dem Drehzahlkeller, sticht präzise in die Kurve, läuft exakt auf der angezielten Linie und lässt sich spielerisch einfach abwinkeln, kurz: Sie macht einfach mordsmäßig Spaß. Dem Fahrer steht das Grinsen breit ins Gesicht geschrieben, denn er hat dieses Feeling der Überlegenheit, das er in dem Moment um nichts in der Welt mit anderen teilen möchte. Eben Egoist. Und die gesamte (Verkehrs-)Welt dreht sich um ihn und die Aprilia. Danke Falco! Die wunderschön gezeichnete SL 1000 Falco besticht durch filigrane Details. Der ungewöhnliche Dreifachscheinwerfer unter einer Glasabdeckung und Außenspiegel, die den Begriff "Design" auch verdienen. Das Rücklicht gehört zum Hübschesten, was jemals an Motorrädern dem rückwärtigen Verkehr heimgeleuchtet hat. Besonders ins Auge fällt der filigrane Rahmen. Aprilia übernahm nicht etwa den voluminösen Kastenrahmen der RSV Mille, sondern fertigte aus zwei übereinander angeordneten, dünnen Leichtmetallstücken einen trotzdem sehr steifen Rahmen. Überhaupt macht die Falco einen sehr durchsichtigen Eindruck. Geschickt angebrachte Löcher und Aussparungen verleihen ihr in Verbindung mit einer wohlausgewogenen Mischung aus Kanten und schwungvollen Rundungen einen sehr leichten Eindruck.

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Der kräftige Rotax-Motor beeindruckt nachhaltig. Er stammt aus der RSV Mille und zeigte sich dort schon als souveräner Antrieb: 118 PS aus 998 cm3 und ein Drehmoment von 96 Newtonmetern bei bereits 7000 U/min lassen keine Wünsche offen. Zumal der der V2 auch noch kürzer übersetzt ist als in der RSV. Da steigt das Vorderrad auch im zweiten Gang manchmal heftig nach oben.

Kennfeld der Einspritzung wurde geändert und die Abgase entfleuchen bei der Falco über zwei Auspufftöpfe ins Freie. Ganz wichtig: Das unangenehme Kettenpeitschen bei niedrigen Drehzahlen, wie es an der RSV auftrat, ist an der SL 1000 nicht mehr festzustellen. Der V2 läuft trotz des Zylinderwinkels von 60 Grad erstaunlich ruhig - zwei Ausgleichswellen kämpfen erfolgreich gegen die Vibrationen an. Untenrum geht der Motor zwar nicht kraftlos, doch etwas verhalten an. Doch oberhalb von 5000 U/min brennt er ein wahres Feuerwerk ab, das erst bei 10500 Touren endet - der Drehzahlbegrenzer legt hier sein Veto ein. 

Komfortabler Sporttourer

Einzig das markerschütternde Krachen beim Einlegen des ersten Ganges trübt das positive Bild des gut abgestuften Sechsganggetriebes. Dank der hervorragenden Durchzugswerte braucht die Schaltung allerdings selten bemüht zu werden. Die hydraulische Kupplung trennt sauber. Als besonders angenehm erweist sich das PPC-System, das beim Herunterschalten ein Hinterradstempeln verhindert - Schalten mit Zwischengas gehört auf der Aprilia der Vergangenheit an. Die Faszination der Falco liegt in der Selbstverständlichkeit mit der sie agiert. Selten ist ein Fahrer mit so wenig Mühe derart schnell unterwegs. Spielerisch lässt sich die 219 Kilo schwere Aprilia in Schräglage bringen. Die griffigen Metzeler MEZ 3 verdauen auch forcierte Gangart klaglos, zeigen aber beim Bremsen in Schräglage ein deutliches Aufstellmoment. In der Grundeinstellung lässt sich das Fahrwerk am treffendsten mit "straff" beschreiben. Die Upside-Down-Gabel und das Sachs-Federbein an der Schwinge arbeiten hart, aber zuverlässig. Die möglichen Kurventempi sind erstaunlich - der Fahrer tut gut daran, des Öfteren einen Blick auf den Tacho zu werfen. Dabei will die SL 1000 als Sport-Tourer verstanden werden. Die Sitzposition ist nur leicht vornübergebeugt und komfortabel, die Handgelenke werden kaum belastet. Allerdings muss weit nach vorne gegriffen werden, denn der 21-Liter-Tank ist nicht gerade kurz ausgefallen. Die Betonung liegt bei der Falco erst auf Sport, dann auf Tourer. Die Halbschalenverkleidung hält den Winddruck verblüffend gut vom Chauffeur fern - und der bläst bei maximalen 255 km/h schon recht heftig ins Gesicht. Der Wert spricht für die ausgiebige Windkanalarbeit der Aprilia-Ingenieure. Um aus diesen Geschwindigkeiten wieder sicher und schnell zum Stillstand zu kommen, kamen zwei 320-Millimeter-Bremsscheiben von Brembo am Vorderrad zum Einsatz.

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Wohldosierbar und souverän verzögernd fördern sie das Vertrauen in die Maschine. Weniger erfreulich ist der große Durst der Falco. Zwar will ein ganzer Liter Hubraum gefüttert werden, aber ein Durchschnittsverbrauch von 7,5 Litern auf 100 Kilometern ist für einen modernen Motor mit Einspritzanlage kein Ruhmesblatt. Immerhin sind Distanzen von knapp 300 Kilometern bis zur nächsten Tankstelle möglich, bei gemäßigtem Tempo nochmal 50 Kilometer mehr - was den Langstreckenfahrer erfreut. Wer nach einem schnellen und dennoch tourentauglichen Motorrad mit hohem Auffallfaktor sucht, hat es in der Aprilia SL 1000 Falco gefunden. Der Preis von 19.998,- Mark geht in Anbetracht des fantastischen Motors, der sorgfältigen Verarbeitung und des angenehmen Fahrverhaltens völlig in Ordnung.

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Text: Ingo Gach

Fotos: Gach, Aprilia