Suzuki Smooth Freewind Roadrunner

Suzuki Smooth Freewind Roadrunner


Strammes Gespann

Auch wenn nur ca. 1% der Motorradfreaks Gespannfahrer sind, so fahren doch über 40.000 in Deutschland zugelassene Motorräder mit Seitenwagen auf unseren Straßen herum. Was treibt diese Randgruppe der Motorradszene dazu, sich mit diesen oft recht teuren Fahrzeugen zu beschäftigen? Im Straßenverkehr müssen sie sich wegen ihrer Zweispurigkeit in die Autoschlange einreihen und bleiben dabei Wind und Wetter ausgesetzt. Motorradgemäß in die Kurve legen geht nicht und das Vorwärtskommen durch schnelles Überholen ist durch die Breite des Fahrzeuges eingeschränkt. Die Frage lässt sich mit dem Wort "Faszination" schnell beantworten. Sind es doch gerade die durch die Asymmetrie entstehenden Unzulänglichkeiten, die den Spaß beim Gespannfahren ausmachen. Um es deutlich zu sagen, ein Motorradgespann kann alles, aber nichts richtig. Beim Beschleunigen zieht es durch den angehängten Seitenwagen nach rechts, verzögert man durch Gaswegnehmen, drückt die Fuhre nach links, weil der Seitenwagen schiebt, und exakt Geradeausfahren geht schon gar nicht. Doch gerade hier liegt der Reiz des Gespannfahrens. Der geübte Fahrer hat das Gefühl, als könne er durch eine unsichtbare Verbindung jedes der drei Räder einzeln beeinflussen und so das Fahren perfektionieren. Dies geschieht durch stärkeres Beschleunigen in Rechtskurven, durch Verzögern am Beginn der Linkskurve. Nun mag sich das alles recht schwierig und technisch anhören, ist es aber nicht. Jeder kann das Gespannfahren im Training erlernen. Dabei empfiehlt es sich, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Gerade im Frühjahr bieten viele Gespannbauer entsprechende Schnupperkurse und Lehrgänge an, die das nötige Anfangswissen vermitteln und die preislich durchaus erschwinglich sind.

SuzukiSmoothFreewindRoadrunner_4

Roadrunner

Ein qualitativ gutes Einsteigergespann hat uns Erich Kaletta von der Firma Roadrunner-Motorradgespanne, An der Obstwiese 1, 24398 Brodersby, zur Verfügung gestellt. Er und sein Zweiradmechaniker Armin Plaumann setzen als Zugmaschine eine Suzuki XF 650 Freewind ein. Die Reiseenduro wird von einem kraftvollen Einzylindermotor angetrieben. Dieser Viertakter mit Luft-/Ölkühlung hat einen Hubraum von 644 ccm und eine Leistung von 46 PS bei 7000 U/min. Sein maximales Drehmoment von 52 Nm erreicht er bei einer Drehzahl von 5500 U/min, also recht interessante Werte für effektiven Gespannbetrieb. Der Seitenwagen "Smooth" wird von Roadrunner gebaut. Sein zeitlos schickes Erscheinungsbild kann überzeugen. Als Einsitzer mit großer, aufklappbarer Haube und festem Trittbrett macht er seinem Passagier das Ein- und Aussteigen besonders einfach. Hat der Mitfahrer auf dem gut gepolsterten 480 mm breiten Sitz Platz genommen und der Einsteig ist wieder verriegelt, wird er vor Regen, Wind und Turbulenzen durch eine halbhohe Frontscheibe geschützt. Das GFK-Boot wird komplett vom Polyesterspezialisten Jörg Bosse in sehr aufwändiger Handlaminierung gefertigt. Es ist rundum sehr sauber verarbeitet, was sich auch in exakten Spaltmaßen ausdrückt. 

Geschobene Schwinge

Das konventionelle Fahrwerk des Seitenwagens stellt Gespannbauer Uwe Schmidt her. Der Unterflurrahmen mit geschobener Schwinge rollt auf einem Stahlrad 4,5Jx13 aus dem Pkw-Regal und der Reifengröße 135/80R13. Dabei übernimmt es ein einstellbares Hagon-Federbein, die Bodenunebenheiten der Fahrbahn zu eliminieren. Die Freewind hat einen Zentralrohrrahmen, der im unteren Teil in eine Doppelschleife übergeht. Daher wurde ein Kastenhilfsrahmen nötig, der eine Lastverteilung auf beide Holme übernimmt. Dies ist nicht nur für das Betriebsfestigkeitsgutachten erforderlich, sondern gibt dem Gespann insgesamt eine bessere Stabilität. Dabei ist besonders erwähnenswert, dass die Verbindung der Bremsleitung über Bajonettverschluss geschieht. Dieses macht beim An- oder Abbau des Seitenwagens ein zusätzliches Entlüften der Bremsen unnötig. Die Vorderradgabel der Freewind wurde mit vorgespannten, progressiven Wirth-Federn ausgerüstet und bleibt erhalten. Das bedeutet zwar, dass im Fahrbetrieb höhere Lenkkräfte erforderlich sind, ist aber andererseits ein wichtiger Faktor für die Zulassung der "wahlweisen" Nutzung in den Fahrzeugpapieren. Wahlweise bedeutet, die Maschine kann solo und als Gespann benutzt werden. Dabei ist ein besonders einfacher An- und Abbau des Seitenwagens besonders wünschenswert. Ein einstellbarer Lenkungsdämpfer verhindert ungewolltes Pendeln im Steuerkopf.

SuzukiSmoothFreewindRoadrunner_3

Trotz winterlicher Wetterverhältnisse schien sich die Freewind/Smooth-Kombination darauf zu freuen, endlich mal wieder bewegt zu werden. Choke-Zughebel betätigt, Druck aufs Knöpfchen und schon brabbelt der Einzylinder los. Verschluckt sich einige Male, wie es zu seiner Bauart gehört, und läuft dann zusehends runder. Und dann ab, vom Hofplatz in Brodersby. Der bullige Motor mit einem tollen Sound treibt das Gespann zügig voran. Bereits nach wenigen Kilometern stellt sich ein Gefühl der Sicherheit ein. Schnelle Schaltvorgänge unterstützt die leichtgängige Kupplung. Die Drehzahl sollte aber immer über 4.000 U/min liegen wenn das Drehmoment spürbar bleiben soll. Aber da bei 6.000 U/min im großen Gang bereits 120 km/h vom Mäusekino angezeigt werden und der rote Bereich des Drehzahlmessers erst bei 8000 U/min beginnt, ist ausreichende Beschleunigung vorhanden. 

Charakterfrage

Der Einzylinder verleugnet seine drehenden Massen nicht und sagt dem Fahrer deutlich, was unter seinem Sitz vor sich geht. Aber störende Vibrationen am Lenker und an den Fußrasten sind nicht zu spüren und auch der Passagier im Boot bleibt davon verschont. Und obwohl der Auspuff der Freewind auf der Innenseite liegt, ist von unangenehmen Verbrennungsgasen im Boot nichts zu spüren, auch nicht bei schneller Verzögerung. Die Bremsanlage wird mit der kinetischen Energie gut fertig. Dabei ist es aber zwingend notwendig, wie bereits in der Fahrschule gelernt, beide Bremsen gleichzeitig zu benutzen. Betätigt man nur oder zuerst die Bremseinheit des Vorderrades, tritt zwangsläufig ein Schiebemoment des Gespannes nach links auf. Diese Wirkung vermeidet das gleichzeitige Bremsen des Seitenwagenrades über die Fußbremse. Verzögert man dagegen nur mit der Fußbremse, dann erzeugt der Stopper des Seitenwagenrades einen Rechtsruck im Gespann. Diese Vorgänge sind physikalisch leicht erklärbar und keineswegs sicherheitsrelevant, weil sie jederzeit korrigierbar sind. Ich fahre durch die auch im Winter landschaftlich reizvolle Region Schwansen und muss vor der neuen Klappbrücke in Kappeln einen Zwangsstopp einlegen. Die Brücke ist jetzt vierspurig befahrbar und wurde erst vor kurzer Zeit für den Verkehr freigegeben. Weiter geht es über die Nordstraße (B199) in Richtung Flensburg. Hier zeigen Reiseenduro und Smooth, dass sie den Erfordernissen des Straßenverkehrs voll gewachsen sind. Kraftvoll geht es voran. Der Geradeauslauf ist gut und das Gespann folgt willig den Lenkeingaben des Fahrers. Und trotz Telegabelführung des Vorderrades hält sich der benötigte Kraftaufwand beim Lenken in Grenzen. Bei der verkehrsreichen Durchfahrt Flensburgs, mit vielen Ampelstopps und "Stop and Go", bleibt das Gespann sauber in der Spur. Auch schlechtere Wegstrecken mit Schlaglöchern und Kopfsteinpflaster werden ohne Probleme überrollt. In einer Sänfte fährt man dabei allerdings nicht und die Fahrwerke sagen schon recht deutlich wie die Fahrbahn unter den Rädern beschaffen ist. Ab Flensburg benutze ich die Autobahn nach Süden und das Gespann kann auch im fließenden Autobahnverkehr gut mithalten. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei ca. 140 km/h und reicht damit zum zügigen Überholen von Lkw voll aus. Bei einer Dauerreise-Geschwindigkeit von ca. 130 km/h laufen Motor und Gespann am besten. Und das dürfte auch für die Urlaubsreise ausreichen. 

Gut und günstig

Bei einer Kaffeepause im Autohof Jagel stellte sich das Gespann auch als echter Hingucker heraus. Mehrere Trucker, die ausnahmslos alle schon einmal ein Gespann gefahren hatten, ließen sich das Fahrzeug ausführlich erklären und freuten sich, dass es doch noch Gespannbauer gibt, die an "Otto-Normalverbraucher" denken und Kostengünstigkeit in den Vordergrund stellen. Dies ist einer der Grundgedanken von Erich Kaletta, dem Chef von Roadrunner-Motorradgespanne. Er möchte Gespanne anbieten, bei denen das Preis-/Leistungsverhältnis stimmt und die sich auch ein Motorradfahrer mit kleinerem Einkommen leisten kann. Teure Gespanne gibt es mittlerweile genug. Aber wer weniger Geld ausgeben will und sich für Ural/Dnepr/Jawa nicht begeistern kann, der kann sich an der Schaufensterscheibe des Gespannbauers die Nase plattdrücken und Boss-Hoss, V-Rod oder BMW-LT Gespanne bewundern. Das Roadrunner-Team nimmt bereits im Markt vorhandene Bauelemente der Firmen Motek, Hedingham, Brookland, Stern usw. als Grundlage für kostengünstige Bauweise. Dabei bleibt die Indivitualität keineswegs auf der Strecke und Kundenwünsche werden auch weiterhin im vollen Umfang berücksichtigt. Der gefahrene Seitenwagen Smooth kostet inklusive einer umfangreichen Serienausstattung und in qualitativ hochwertiger Bauweise 4950 Euro ab Brodersby.Infos bei Roadrunner-Motorradgespanne, Telefon 04644/ 973225 oder unter www.roadrunner-motorradgespanne.de

Text und Bilder: Günter Pfeifer 

Weitere Testberichte Suzuki Enduro/Reiseenduro:

Suzuki DR Z400 SM

Weitere Testberichte Suzuki Enduro/Reiseenduro:

Yamaha XT 660 R

BMW F 650 GS

Aprilia Pegaso 650 Strada