Ducati Multistrada 1100 S

Ducati Multistrada 1100 S


Guter Jahrgang

Was haben italienische Rote und edle Weiße gemeinsam? Eigentlich nichts. Es sei denn, das Italienische rollt auf zwei Rädern und das Edle kommt als Riesling ins Glas. Wie bei Vorstellung der ersten Neuheit des 07er Jahrgangs, der Ducati Multistrada 1100 S

Es ist einer jener wunderschönen Septembertage an der Mosel, die morgens diesig beginnen und an denen dennoch die Gewissheit herrscht, dass spätestens gegen elf Uhr die Sonne durchbricht und alles in gleißender Helligkeit erstrahlt. Doch zunächst ist alles in feuchtem Nebel gebadet, Häuser, Weinhänge und Motorräder sind in ein diffuses Grau gehüllt. Und das liegt nicht an der Riesling-Weinprobe vom gestrigen Abend, die unsereinem die landläufigen Vorurteile hinsichtlich „Moselwein“ ausgetrieben hat. Vielmehr ist der Dunst der regionale Vorbote für bestes Wetter – sagen die Einheimischen. Wie dem auch sei, auf den zur Probefahrt bereit gestellten neuen Ducati Multistradas hat sich rundum eine veritable Feuchtigkeitsschicht gebildet, die nicht gerade zum freudigen Aufsitzen lockt; bekleidet mit einer Lederhose weiß man halt, wie schnell die Nässe durch die dünne Tierhaut ins Unterkleid kriecht.

Doch alles Zögern hilft nichts; kurz die Sitzbank mit dem Handtuch abgetrocknet und aufgesessen. Wer eine Multistrada kennt, wird sich gleich heimisch fühlen – an der Ergonomie haben die Entwickler in Bologna nicht gefeilt. Nach wie vor hält der Fahrer aufrecht sitzend die fast gerade Lenkstange in Händen; weil die Kniewinkel irgendwo zwischen Monster und Reiseenduro liegen, wirkt das aufgesessene Ambiente sehr entspannend. An der Ampel werden Kurzbeinige jedoch Probleme haben, mit beiden Füßen einen festen Stand zu bekommen; der Sitz ist bei 850 Millimeter Bodenabstand einfach zu hoch gehängt. Zudem bietet das dünne Polster alles andere als eine ideale Ablage fürs Gesäß, der Hintern hängt irgendwie lose auf dem ebenso langen wie breiten Sitz und findet keinen rechten Halt. Die Haltung insgesamt jedoch wird stark vorgegeben, so dass es sich nur schwerlich darauf rumturnen lässt, vom Hanging off ganz zu schweigen.

Dann wird der Motor entkorkt, sprich aufs Starterknöpfchen gedrückt. Sonor brabbelt der große Desmo-Twin aus den beiden formschönen Auspuffblenden des großen Schalldämpferkanisters, der sich unterm Heck verbirgt, doch das akustische Erlebnis fällt anders aus als zuvor: Die Kupplung läuft nicht mehr rasselnd trocken sondern wohlig gedämpft im Ölbad, was weniger ein Zugeständnis an feinfühlige Ohren als an strengere Geräuschvorschriften ist. Weitere, von außen und beim Fahren nicht sichtbare Modifikationen betreffen die Wartung des neuen Motors und schmecken nach mehr: Längere Service-Intervalle von 12000 Kilometern und weniger Aufwand bei der einzelnen Inspektion drücken die Kosten fast um die Hälfte. Das ist eine erfreuliche Änderung, die Ducati allen 2007er Modellen gewährt. Kollege Computer kümmert sich erfolgreich um die Gemischanreicherung in kaltem Betriebszustand, der von Ducati als „L“-Motor bezeichnete Triebling nimmt sofort sauber Gas an. Das luftgekühlte Herzstück schöpft seine Kraft nun aus vollen 1078 Kubikzentimeter Hubraum, wofür vier Millimeter größere Kolben gegenüber der Vorgängerin sorgen (bei 992 Kubik maß die Bohrung 92 mm). Und das spürt man deutlich, obwohl das Hubraumplus nicht in deutlich höheren Spitzenwerten mündet: Der Desmo-Twin kommt sofort zur Sache und drückt die langbeinige Multi ordentlich voran. Schön schiebt er von unten heraus und dreht munter nach oben, um erst im allerletzten Viertel eine leichte Zähigkeit anzuzeigen. Mehr Drehmoment und Leistung übers gesamte Drehzahlband statt höherer Maximalwerte zulasten der Fahrbarkeit lautet das freudvolle Geheimnis der Motorenmodifikation, die dem Aggregat nebenbei eine Lambdasonde und das Euro-3-Siegel bescheren. Diese Charakteristik lässt sich mit einer schaltfaulen Fahrweise wunderbar goutieren, was angesichts des hakeligen Getriebes nicht das Schlechteste ist. Dafür lässt sich die neue Kupplung exakt dosieren, auch wenn die Betätigungskräfte durchaus etwas geringer ausfallen könnten.

Ducati Multistrada 1100 S 20

Nur gelegentliches Fahren unterhalb 3000 Touren mag er nicht, das macht er mit ruppigem Motorlauf deutlich. Keine Frage, der neue Zweiventiler  entwickelt in der Mitte das volle Aroma, und eine kurvige Landstraße, durchfahren im Bereich zwischen 4000 und 6000 Touren, macht auf die Dauer richtig süchtig. Was auch am Rest des Packages liegt: Mit der Pirelli Scorpion Sync-Bereifung verträgt sich die Duc aufs beste, sie rollt prima geradeaus und bleibt weitgehend neutral. Bei Landstraßentempo offenbaren die Gummis keinerlei Probleme bei Grip oder Bremskraftübertragung. Wobei die Stopper eher defensiv zu Werke gehen und keinen sauber definierten Druckpunkt aufweisen. Aber die Multi soll ja als Alleskönner überzeugen und nicht als Supersportler auf der letzten Rille zusammen gebremst werden – für diesen Zweck geht das Gebotene allemal in Ordnung. Für mehr Fahrkomfort wurde der Lenker nun in Gummi gelagert, ein Umstand, der auf längeren Touren einschlafende Hände durch die Motorvibrationen verhindern soll. Auf unebenem Geläuf arbeitet das voll einstellbare Fahrwerk – 2007 arbeitet vorn eine Marzocchi-Gabel, hinten ein Sachs-Federbein statt der bislang verwendeten Showa-Elemente – klaglos und schluckt die Bodenunebenheiten einfach weg. Noch besser als die ausschließlich in Rot erhältliche Standard-Multi kann das die Schwester S: Ausgerüstet mit ebenso edlen wie sensiblen Öhlins-Federelementen sowie Kohlefaser-Ornat vermittelt diese einen tollen Fahrkomfort, der jedoch nicht auf Kosten der Präzision geht – die in Rot oder Schwarz erhältliche 1100 S pfeilt als richtiger Spaßmacher ums Eck, sie ist mithin richtig ausgereift und abgerundet. Doch sind für diesen Luxus inklusive Handrad-Federbasisverstellung des Federbeins immerhin 1500 Euro mehr hinzublättern als bei der Standardversion, die auf 11545 Euro kommt.

Ducati Multistrada 1100 S 14

Mit der neuen Generation Mulistradas entrümpelt Ducati den hauseigenen Weinkeller und konzentriert sich ganz auf das großvolumige Segment. Die bislang angebotenen, so gar nicht nach dem Geschmack des deutschen Publikums gemachten kleinen 620er Modelle fallen ganz aus dem Programm, die 1100er ersetzen die diesjährigen Tausender-Modelle - übrigens zum gleichen Preis kredenzt! Als der italienische Motorrad-Rennstall Ducati mit Dekantierung der Multistrada vor vier Jahren eine ganz neue Geschmacksnote anbot, war längst nicht alles Gold, was glänzt. Doch wie guter Wein muss ein solch neues Projekt reifen, einmal als Motorrad an sich, zum anderen in den Köpfen der potenziellen Käuferschaft. Das hatten sich die italienischen Ducati-Verantwortlichen wohl anders vorgestellt. Mittlerweile ist man in Bologna auf dem richtigen Weg ziemlich weit voran gekommen: Die neuen 1100er Multistradas sind ein guter Jahrgang, der deutlich vollmundiger im Geschmack daher kommt als die bisherigen. Was im Übrigen die Winzer auch von ihrem diesjährigen Wein behaupten.

Ducati Multistrada 1100 S 18

Weitere Testberichte Ducati Tourer:

Ducati Multistrada 1000 DS

Weitere Testberichte Ducati Tourer:

Moto Guzzi Norge 1200 2006

Kawasaki 1400 GTR

BMW R 1150 RT