Harley-Davidson Dyna Switchback

Harley-Davidson Dyna Switchback


Der gewollte Zwitter

Es ist schon erstaunlich wie Harley-Davidson es schafft aus einem im Grunde genommen immer gleichen Konzept eine so große Modellvielfalt zu schaffen. Sage und schreibe 31 Modelle haben die Jungs aus Milwaukee in Deutschland am Start. Zum Vergleich: lässt man Scooter und 125er weg, kommt Suzuki gerade mal auf 19 Modelle. Die Dyna Switchback übernimmt die Rolle des Schweizer Taschenmessers. Macht mit Koffer und Scheibe einen auf Tourer, ohne Anbauten mimt sie den lässigen Cruiser. Funktioniert das?

Das Erscheinungsbild hat etwas von einer Road King light, wobei „light“ bei einem Leergewicht von 330 kg sich nicht auf die schiere Masse bezieht. Vielmehr wirkt die Switchback etwas zierlicher als die große Schwester, was ihr allerdings hervorragend steht. Preislich lässt sie der Schwester allerdings keine Chance. Mit einem Grundpreis von 16.895 Euro ist sie 5.400 Silberlinge günstiger. Auch der Vergleich mit Modellen aus Fernost überrascht. Eine VN 1700 Classic Tourer kostet gerade einmal 400 Euro weniger. Ein schwerwiegendes Argument für die gewichtige Switchback. Der Clou ist aber ihre Wandelbarkeit. Das große Windschild bietet hervorragenden Schutz für den Oberkörper und befreit den Fahrer vom lästigen Winddruck. Gerade auf der Autobahn auf längeren Strecken extrem vorteilhaft. Am Ziel angekommen, lässt sich die Scheibe ohne Werkzeug kinderleicht entfernen. Einfach nach vorne kippen und abnehmen. Nachteil: die Scheibe ist nicht gesichert, daher kann jeder Langfinger die Scheibe ebenso kinderleicht klauen. Die Koffer sind – da abschließbar – besser gesichert und ebenfalls leicht zu entfernen. Das Konzept ist genial, man schlägt tatsächlich zwei Fliegen mit einer Klappe. Guten Wetterschutz und Gepäckraum auf der einen Seite, ungestörtes Cruisen mit der „nackten“ Switchback auf der anderen.

Antrieb Dyna Switchback

Als erstes Modell der Dyna-Baureihe erhält die Switchback den Twin Cam 103 Motor, der in den anderen Baureihen nach und nach den Twin Cam 96 ablöst. Der Hubraum steigt auf 1.690 Kubik, die Leistung und das Drehmoment auf 76 PS respektive 126 NM. Die Eckdaten lesen sich im Vergleich zum 96er nicht wirklich aufregend. In Realität ist der Unterschied allerdings jederzeit spürbar. Der 103er hängt noch besser am Gas und setzt jede Regung der rechten Hand in Vortrieb um. Dies macht den 96er nicht zur lahmen Ente. Tatsächlich sind die Fahrleistungen annähernd identisch, allerdings fühlt sich der 103er einfach spritziger an und macht daher im direkten Vergleich einen Ticken mehr Spaß. Im Grunde genommen ist alles wie gehabt. Früh hochschalten und sich vom stets reichlich vorhandenen Drehmoment nach vorne ziehen lassen.

Harley-Davidson Dyna Switchback 15

In der Regel ist man mit Drehzahlen zwischen 2.000 und 3.000 Umdrehungen schon zügig unterwegs. Da kommt keine Hektik auf, der V2 fühlt sich gut an und verschont den Fahrer mit lästigen Vibrationen. Der riesige Auspuff im Ofenrohrdesign verwöhnt mit typischem Harley Sound. Blubbernd und unter Last Dank Drosselklappe im Auspuff schön röhrend ohne die Nachbarschaft aus dem Bett zu bollern. Ein aber gibt es dennoch. Mit der Performance einer Victory kann auch der Twin Cam 103 nicht mithalten. Die Konkurrenz legt in so ziemlich allen Belangen nochmal einen drauf und lässt den Twin Cam hinter sich. Dafür kann sie im Sound nicht mithalten, klingt nach V2 ohne den markentypischen Schlag den die Harley hat.

Fahreindruck Harley Switchback

Touren und Cruisen ist das Programm. Der Fahrer sitzt angenehm tief auf einem breiten Sessel, die Füße finden massig Platz auf den Trittbrettern, der Lenker ist breit, hoch und liegt gut in der Hand. Kurz gefasst: entspannt und bequem. Sofort verfällt man als Fahrer in den Harley-Modus. Jegliche Hektik ab, Eile oder gar sportliche Herausforderungen spielen keine Rolle. Sollen die anderen doch mit kreischenden Motoren vorbeiziehen. Man genießt Fahrt und Umgebung und kommt auch nicht später ans Ziel. Immer wieder herrlich. Im Rahmen ihrer Möglichkeiten lässt es sich mit der Switchback flott um die Ecken biegen. Dies liegt vor allem an der für Harley-Verhältnisse recht straffen Abstimmung des Fahrwerks. Bei Federwegen von 98 mm vorne und 54 mm hinten ist da zwar ohnehin nicht viel Spielraum, in der Vergangenheit haben solche Werte dennoch für schwammiges Fahrverhalten gesorgt. Nicht so bei der Switchback. Kein Aufschaukeln auf Bodenwellen, kein Durchschlagen der Federbeine bis auf den Block.

Harley-Davidson Dyna Switchback 25

Wo die Gashand früher Zurückhaltung üben musste, freut sich der Fahrer heute auf mehr Linientreue bei flotter Kurvenfahrt. Natürlich geht dies zu Lasten des Komforts. Der ist aber in Verbindung mit der dick gepolsterten Sitzbank immer noch in Ordnung. Warum Harley-Davidson nicht einfach beim Federweg etwas drauflegt, bleibt deren Geheimnis. Die Sitzhöhe wäre immer noch niedrig genug, das Fahrwerk einfacher abzustimmen und die Bodenfreiheit auch noch höher. Einmal in Schwung setzen die Trittbretter nämlich recht schnell Grenzen was den Schräglageneinsatz betrifft. Gleiches gilt auch für die Bremsen. Eine einsame Scheibe am Vorderrad bei 330 kg Gewicht plus Fahrer ist einfach zu knapp bemessen. Für nennenswerte Verzögerung muss zwingend Fuß- und Handbremse mit ordentlich Kraftaufwand zur Arbeit aufgefordert werden. Immerhin ist ABS serienmäßig an Bord.

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