Harley-Davidson Sportster Seventy-Two

Harley-Davidson Sportster Seventy-Two


Glimmer und Glitter für echte Kerle

Echt Porno – war der erste Kommentar den wir ernteten als die Seventy-Two auf unseren Hof rollte. Stimmt zum Teil auch. Verlangt die kleine Harley doch echte Nehmer-Qualitäten. Schon die Überführung war eine echte Er-Fahrung, was weder an der Vollsperrung der A3 noch an dem notwendigen Tankstopp bei gerade einmal 140 km Strecke lag. Blinkend und glitzernd steht die Sportster in der Sonne und zwinkert einen freundlichen an – um den Fahrer dann auf der Strecke mal so richtig in die Mangel zu nehmen.

Einen klassischen Chopper haben die Herren aus Milwaukee da auf die Beine respektive die Räder gestellt. Vorne dreht sich ein spindeldürrer 21-Zöller, hinten ein knubbeliger 15er. Über dem Vorderrad hängt ein zierliches Chromlämpchen, darüber ist der von Harley-Davidson als „Mini-Ape-Hanger“ titulierte Lenker montiert. Wenn dies Mini ist, wollen wir die Maxi-Variante mal sehen. Der absolute Klopfer ist dann aber die für den Disco-Auftritt verantwortliche Lackierung in Big Red Flake. Hier von einer Metallic-Lackierung zu sprechen, ist die Untertreibung des Jahres. Der Lack scheint ausschließlich aus Glitzerelementen irgendwo zwischen Rot, Schwarz und Silber zu bestehen. Was nicht in Glimmer lackiert ist, glänzt in Chrom. Einzig Rahmen, Schwinge und Öltank hüllen sich in Schwarz. WOW – hier wird nicht gekleckert sondern geklotzt. Echt starker Auftritt – absoluter Hingucker. Egal ob es einem gefällt oder nicht.

Wie es aber nun einmal bei Zweierbeziehungen ist, kehren nach anfänglicher Euphorie der Alltag und etwas Nüchternheit ein. Nüchtern betrachtet, findet der Fahrer einen sehr niedrigen und hart gepolsterten Fahrersitz vor. Die Füße müssen ordentlich nach vorne gestreckt werden, die Hände gehen in die Höh‘. Bei der ersten Sitzprobe nicht unbehaglich, cool und lässig halt. Das Instrument ist auf der Gabelbrücke montiert, das Zündschloss rechts vom Lenkkopflager. Alles Sportster-üblich. Gilt auch für den Tankinhalt. Das Fässchen ist richtig hübsch, fasst allerdings gerade einmal 7,9 Liter, in diesem Fall eher Literchen. Wer jetzt glaubt endlich mal eine grazile Harley gefunden zu haben, wird leider enttäuscht. Zwar ist die Seventy-Two mit 253 kg eine Feder unter den Harleys, aber halt immer noch ein schwerer Brocken. Und der hat seinen Preis. Im Falle der Liberace-Lackierung sind 11.095 Euro fällig, in Unilackierung spart man 300 Euronen. Preisvergleich gefällig: eine Honda VT 1300 CX mit ähnlichen Eckdaten kostet 14.590 Silberlinge …

Harley-Davidson Seventy-Two 08

Mit einem heftigen Schlag zwingt der E-Starter den 1.202 Kubik großen V2 zur Arbeitsaufnahme. Wie üblich rüttelt dieser im Standgas noch heftig am Rahmen, einmal in Fahrt ist davon nur noch wenig zu spüren. Und Fahrt nimmt die Seventy-Two recht zügig auf. Der V2 mag allerniedrigste Drehzahlen nicht so richtig, also lieber den Gang etwas weiter ausdrehen und Schub und Sound wirken lassen. Die gefühlte Drehzahl liegt dann zwischen 2.000 und 4.500 Umdrehung. Auch diese Sportster hat mit Sport wenig bis nichts am Hut, im Gegenteil. Die klassische Entschleunigung stellt sich schon nach wenigen Metern ein. Da wird maximal ein Zwischensprint eingelegt, die eine oder andere Blechdose gefühlt weg-gebollert. Mehr nicht. Chopper haben nun mal ihre Grenzen. Und im Falle der Seventy-Two kommen noch ein paar dazu.

Harley-Davidson Seventy-Two 13

Da ist zum einen die Reichweite. Schon nach 90 km springt das Reservelämpchen an und mahnt zum Nachtanken. Der Rekord lag bei zügiger Fahrweise bei 75 km. Auf der Autobahn ein willkommener Nervenkitzel. Reicht es noch bis zur nächsten Tanke? Oder lieber doch nichts riskieren und die Fuhre mit sagenhaften 4 Litern wieder volltanken? Andererseits ist nahezu jeder Tankstopp auf der Autobahn höchst willkommen. Denn kaum ein anderes Motorrad ist so wenig für die Schnellstraße geeignet wie die Seventy-Two. Die Arme weit oben, die Beine weit vorne und der Hintern haltlos auf dem harten Sitz. Krampfhaft versucht der Fahrer irgendwo auf der Sportster Halt zu finden, was schnell zu schmerzenden Körperteilen führt. Uns half nur eines: Gepäckrolle ausstopfen und als Rückenstütze auf den Fender schnallen. Dann hält man es auch auf der Bahn eine Zeit aus.

Harley-Davidson Seventy-Two 04

Auf der Landstraße geht der Komfort einigermaßen in Ordnung. Zwar zwickt es früher als auf anderen Motorrädern, aber in erträglichem Maß. Immerhin lässt sich die Seventy-Two recht einfach bewegen. Lässiges Kurven-Cruisen ist angesagt, dabei kann man sogar recht flott unterwegs sein. Gefühl für das Vorderrad sollte man nicht erwarten, hohen Komfort ebenfalls nicht. Schlechte Straßen sind sozusagen der natürliche Feind der Seventy-Two. Dann bringen die knappen und zu soft abgestimmten Federelemente Unruhe ins Fahrwerk und damit das Motorrad aus dem Tritt. Auch auf glattem Geläuf setzt die Sportster dem Vortrieb die üblichen Grenzen. Sehr früh kratzen die Fußrasten über den Asphalt, rechts herum folgt kurz darauf der Schalldämpfer. Spätestens dann ist Vorsicht geboten, sonst hebelt es die ganze Fuhre aus. Bremsen sind natürlich auch vorhanden. Für nennenswerte Verzögerung gilt es sowohl Vorder- als auch Hinterrad in die Mangel zu nehmen. Bei artgerechter Bewegung völlig ausreichend, darüber hinaus halt bescheiden.

Fahrzit

Die Stärken der Seventy-Two liegen ganz klar im optischen Auftritt. Und der ist Geschmackssache. Uns hat das Glitter- und Glimmer-Bike sehr gut gefallen. Noch ne Disco-Kugel dran, den Afro auf den Jethelm geklebt und schon hat man eine Zeitreise in die Siebziger. Für alles andere muss man kompromissbereit sein. Der Motor verwöhnt mit sattem Schlag, typischen V2-Beat und Sound. Der Rest verlangt echte Nehmerqualitäten. Entgegen der Optik halt doch ein Bike für ganze Kerle – oder Ladies.

Text & Bilder: Matthias Hirsch