KTM 690 Duke

KTM 690 Duke


Me an my Monkey

Es gibt im Leben eines Motorradmannes den Moment, in dem er mit etwas Fabrikneuem zumindest liebäugelt. Ich bin jetzt in dem Alter. Ich habe mir eine 2012er KTM 690 Duke gekauft, und das aus nur den besten Gründen. Eigentlich bin ich vom Typ her ein klassischer Gebrauchtkäufer. Ich möchte für wenig Geld viel Motorrad haben, und das schließt Neukauf eben aus. Letztes Jahr habe ich noch halbherzig nach gut dastehenden Hondas gesucht. Gleichzeitig unterhielt ich mich immer mal wieder mit meinem alten Zimmerkollegen Maik, der für Maschinen eine vielleicht höhere Empathie hat als für Frauen und daher immer neu kaufen würde: „Wenn ich mir vorstelle, da hat einer von den Kollegen das Ding kalt in den Begrenzer und dann in Wheelies gerissen!“ Und als er mich endlich ideologisch weichgekocht hatte, brauchte es nur noch: „Was is’ nu mit Motorrad kaufen? Hast doch Geld jetzt.“ Das habe ich dann gemacht.

Denn ich glaube, das ist eine Altersfrage. Früher konnte ich mir nicht vorstellen, eine Frau oder ein Motorrad als festen Lebensbestandteil für quasiimmer zu haben. Was, wenn ich mal was ganz Anderes will? Oder wenn ich Sachen irreparabel schrotte? Oder einfach keine Lust mehr habe? Mittlerweile bin ich reifer. Ich habe eine Frau, die ich behalten möchte. Ich möchte ein von Deppen unverdorbenes Motorrad. Ich möchte selber zureiten (also das Motorrad jetzt). Eigentlich war ich mir sehr sicher, dass ich eine Triumph Street Triple kaufen würde, weil sie immer mein Best Bike Evar war. Dann jedoch hat sich KTM vorgedrängelt. Der orangene Produktdingsbumsmann Jörg Schüller sagte mir in der KTM-Box beim EJC: „Du musst das Teil mal auf der Landstraße fahren. Das ist so geil.“ Auch hier ließ ich mich beeinflussen, ich manipulierbarer Mensch, und habe das nicht bereut, weil ich die neue Duke ohne den Tip niemals gefahren wäre — die Trauer über den Verlust der genialen alten Duke saß zu tief, als dass ich diesen neuen Verräter von mir aus hätte fahren wollen.

Allgemeine Relativität

Die alte Duke war sehr speziell — zu fahren, anzuschauen, alles. Die neue Duke dagegen ist ein ganz normales Naked Bike in der Klasse der Streety, in Konkurrenz zu BMW F 800 R, Suzuki Gaydius, Kawasaki ER-6n — nur ist die Duke viel, viel leichter: 163 kg vollgetankt sind knapp 30 kg besser als die gute Triumph, der Rest des Feldes ist geradezu krankhaft adipös dagegen. Sie ist die am weichsten gedämpfte KTM, die ich je gefahren bin. Ich würde es blind draufgesetzt nicht glauben, dass KTM heute solche Fahrwerke verkauft, wo sie doch früher nichts lieber getan hätten, als die Dämpfer statt mit Öl mit Kunstharz zu befüllen oder gleich mit Steinen. Die Duke hat alles Hardcore-hafte hinter sich gelassen, und weil der Motorradmarkt dasselbe getan hat, empfängt er das Krad mit offenen Armen: die 690er Naked ist ein großer Verkaufserfolg.

Wie jedes gute kleine Naked seiner Klasse, wie das Wunder aus Hinckley macht auch die neue Duke schnell, indem sie es dem Fahrer einfach macht. KTMs große Stärke war immer schon die Ergonomie, die haben sie ausgebaut auf ein Niveau, auf dem ich sie mit der Street Triple zumindest für mich gleichstellen muss. Ein besseres Lob kann es nicht geben. Auch KTM-typisch: Das Gefühl, hochwertiges Material von einem Liebhaber desselben serviert zu bekommen — in der Preisklammer des Motorrads umso beachtlicher.

KTM 690 Duke 05

Ich war nie ein großer Fan von Einzylindern und werde das wohl nimmer werden, aber der Motor ist der Grund für das erträgliche Gewicht des Krads, und von erträglichem Gewicht bin ich ein Fan. Manche sagen auch, ich bin ein Gewichts-Nazi, was ich auch nicht abstreiten kann. Leichter und simpler ist im Motorradbau immer auch besser. Jedenfalls: Wenn es nun schon ein Einzylinder sein muss, dann ist der hier noch der beste, denn er hat obenheraus eine zumindest annehmbare Bandbreite nutzbarer Drehzahl. Wegen der niedrigen Schwungmasse heißt das: Untenrum geht gar nicht. Bei unter 3000 U/min das Gas im großen Gang aufreißen macht derart laut krachende Geräusche, dass KTM-Nichtkenner denken, das Motorrad desintegriert gleich. Der Motor ist also in seinem Charakter derselbe geblieben, was gut ist. Mit Doppelzündung und anderen Detailverbesserungen soll er jetzt haltbarer und noch sparsamer sein (was auch gut ist). Das Ride-by-Wire-System hat zum Beispiel endlich wirklich keine Züge mehr, die in der Vorgängergeneration noch aus Legacy-Gründen vom Gasgriff zur Nehmerbox führten. Eine Fehlerquelle weniger. Gut.

Die Duke ist also preiswert, liebenswert gemacht, einfach fahrbar und daher in der realen Welt des Schwarzwalds sehr schnell. Mit diesem Fazit könnte ein Test eines geliehenen Motorrads auch enden. Aber kommen wir zu den Eigenheiten, dieses Teil wirklich zu besitzen:

Spezielle Relativität

Die größte Gefahr im Leben eines Motorrads ist der Händler. Meine Erfahrungen mit Händlerwerkstätten bestehen fast ausschließlich aus alptraumhaften Horrorszenarien, die einem keiner glaubt, der sie nicht auch erlebt, weil er nachschaut. Deshalb war einer der wichtigsten Punkte auf der Kaufliste, dass es einen Schrauber gibt, der (meine Ansprüche sind über die Jahre niedriger geworden) unterm Strich mehr heile als kaputt macht. Ohne Jürgen Mayer (MRS Mayer, Kornwestheim) hätte ich die Duke nicht gekauft. Jürgen ist menschlich gelegentlich rustikal, fachlich war ich immer sehr zufrieden dort, und ich gehe wegen fachlich hin. Aus den erlebten Dauertest-Orangen weiß ich, dass KTMs wenig typische Probleme haben, sondern eher streuen: ein Schalter hier, ein Montagefehler dort. KTM-typisch sind jedoch Schrauben– und Gummikorrosion. Ich habe alle meine Schrauben korrosionsschützend eingesprüht, der Freundliche tauscht aber auch nach der Garantiezeit noch diese schnell verrottenden Dinger aus.

KTM 690 Duke 02

KTM sagt in der Broschüre, dass der Motor quasi schnurrt wie ein Mehrzylinder, was nur zeigt, dass man keine Broschüren lesen sollte. Es rappelt weiterhin einzylindertypisch. In den schleifenförmig vibrierenden Rückspiegeln ist daher nicht eindeutig erkennbar, wie viele Fahrzeuge hinter einem fahren und Käufer sollten eine gewisse Belastung von Anbauteilen und Schrauben erwarten. Ansonsten überzeugt der Motor mit einem hohen Niveau an Alltagstauglichkeit und das Ride-by-Wire verhindert, dass Menschen wie Maiks Kollegen ihn kalt zu hoch drehen.

Mir war glaube ich noch nie ein Fahrwerk zu weich, aber das hier ist mir zu weich, weil der Einzylinder in bestimmten Drehzahlen das Heck ins Schwingen bringt, was für mich schwer unterscheidbar von einem kauenden Hinterrad ist, das dergestalt beginnenden Schlupf anzeigt. Selbst die alte 690 Enduro war gefühlt härter! Langfristig werde ich da wahrscheinlich einen Schritt in Richtung der alten Duke gehen — hauptsächlich, weil ich die Duke gern auch mal auf eine kleine Rennstrecke ausführen möchte, seit ich den verrückten Jeremy McWilliams das habe tun sehen.

KTM 690 Duke 01

Die beste Eigentümererfahrung ist jedoch ein Gefühl, das gesamte System zu beschummeln. Die Duke ist ein kleines Rasermotorrad, kostet aber nix. Ich zahle wegen 50 kW einen rundheraus lächerlichen Versicherungsbetrag (fragt mich, ich vermittel euch zum Kollegen von HDI Gerling). Inspektionen gibt es nur alle 10.000 km. Und sie verbraucht wirklich real gemessen noch weniger als die Alte: 3,8 l pro 100 km beim Rumbummeln des ersten Einfahrens, 4,2 beim leicht gesteigerten Einfahrtempo gestern im Schwarzwald, und 7,3 unter Jeremy McWilliams auf einer Rundenzeit, bei der 600er-Supersportfahrer bitterlich geweint haben (1:41,9 in Cartagena). Das sind die besten mir bekannten Verbrauchswerte eines ausgewachsenen Motorrads über 500 ccm. All das gibt mir ein warmes, breiiges Gefühl der schummelnden Überlegenheit über jeden, den ich mit der Duke passiere.

Als Fazit kann ich also nur ziehen: Gute Entscheidung. Nein, mehr: Die KTM zu kaufen, war meine beste Entscheidung in ganz 2012. Sie bietet viel mehr als sie kostet und man kann sie trotzdem liebhaben. Die dem Motorrad beiliegenden Dokumente werden superherzig präsentiert („Welcome to the family!“), und wer abstreitet, dass diese für den Hersteller praktisch kostenlose Maßnahme emotional funktioniert, hat noch keine KTM gekauft. Wer einen brauchbaren Händler in Reichweite hat, sollte unbedingt eine probefahren. Das Kaufen muss ihm dann wohl keiner mehr nahelegen.

Text: Clemens Gleich

Bilder: KTM