KTM RC8R

KTM RC8R


Wenn dein Hintern dir sagt, was geht

Wer in die Technikzutaten einer KTM RCR8 blickt, entdeckt viel Feines. Da explodiert ein 75 Grad V-Twin und schiebt mehr als 175 PS auf die Rolle. Da drückt ein Drehmoment von über 125 Nm die kantig gestylte Skulptur nach vorn. Da lockt ein Zutatenfeuerwerk der Extra-Klasse.

Und dennoch: Die Zeiten, die ändern sich. Ohne einem gewissen Barden namens Dylan zu nahe treten zu wollen, aber soviel ist klar: Rollt ein Supersportler an den Start, versammelt er heute allerhand Bits und Bytes, um sie durch seinen gewichtsoptimierten Kabelbaum von einem Sensor zum nächsten und zurück zum Steuergerät zu schicken. Im Marketing-Jargon steht dann die Fahrbarkeit an erster Stelle, denn jedes elektronische Helferlein ist kein Selbstzweck, sondern einzig und allein das probate Mittel, um Ross und Reiter noch schneller durch die Umlaufbahn zu schicken. Beim sportlich-gemütlichen Landstraßenritt. Oder eben auf dem Racetrack. Was das Ganze mit der KTM RC8R zu tun hat? Nichts! Der potente Kraftprotz aus Österreich verzichtet auf all die Gimmicks namens Traktionskontrolle, ABS und Fahrmodi. Hier gibt es immer nur die volle Brause. Und ob du sitzen bleibst oder nicht, ist allein deinem Talent geschuldet. Bleibt natürlich die Frage: ist das nun besser – oder etwa nicht?

KTM RC8R 08

Wenn einen die persönliche Pace bis ganz nach oben in den Zeitenlisten gespült hat, dann ist es das Fahrfeeling, das richtig schnell macht. Wer das Gas ausquetscht wie eine reife Orange, spürt auch genau, wann das Rad beim Rausfeuern nicht mehr nur rutscht, sondern in die fließende Gleitreibung übergeht – abschließendes Asphaltschurfing nicht ausgeschlossen. Oder eben ein ordentlicher Gruß an die Straße per Highsider. Gottlob bewegen die meisten Mopedtreiber sich diesseits dieser Grenze. Und Hand aufs Herz: So richtig ausquetschen, das schafft fast niemand mit den aktuellen Sportskanonen. Egal, ob sie eine japanische Flagge tragen, einen Propeller spazieren fahren oder eben aus Austria kommen. Dass die KTM die erwähnten Kontrollgimmicks nicht hat – das soll sogar schneller machen, von wegen Beherrschbarkeit und so. Das verspricht zumindest der RC8R-Prospekt. Womit bewiesen wäre, dass Marketing-Sätze eindeutig nur die Perspektive des Verfassers wiedergeben. Und da wir per se weder dem einen noch dem anderen glauben, greift der Zündschlüssel nun sachte ins Schloss und der Anlasser kämpft in ersten Zügen gegen die Motorverdichtung von 13,5 zu 1. Wenn er seinen kurzen Kampf als Sieger beendet, bohren sich Eruption ins Gehör, die sofort alle nicht anwesenden technischen Helferlein vergessen machen.

Das ist schön, das lebt, das zeigt ganz klar: Ich hab‘ Kraft. Und die steht sofort als Live-Erlebnis in 3-D ins Haus, wenn das Fahrerhirn ans Handgelenk meldet: Einmal umklappen, bitte. Dass die KTM RC8R als „Ready-to-Race-Bike“ auch langsam kann, verdankt sie der neuesten Evolutionsstufe ihres Antriebs. Wo es früher in niedrigen Drehzahlen rüttelte wie auf einem Presslufthammer, kümmern sich aktuell eine angepasste Kurbelwellenschwungmasse, eine Doppelzündung und die neue Abstimmung der Keihin-Einspritzanlage um glatten Motorlauf. Zumindest geben sie es vor. Unter 3.000/min macht der Motor immer noch nicht so richtig Spaß, peitsch mit der Kette und hört sich einfach nicht gesund an. Fast wirkt er ein bisschen gequält. Dass das alles trotzdem besser funktioniert als beim Vorgänger, verdeutlich nur, wie sperrig die erste Variante in diesem Drehzahlbereich zu fahren war. Wer es beim aktuellen Exemplar auf eine gute Kupplungsdosierung bringt, schafft mit Glück den vierten Gang auch mal in der Stadt. Ansonsten ist die Phase zwischen den beiden Ortsschildern mit streng limitiertem Tempo nicht das Einsatzgebiet, in dem die KTM vornehmlich bewegt werden möchte. Muss sie ja auch nicht, schließlich folgt auf jeden Ortsschild-Anfang auch ein Ortsschild-Ende. Und dann dürfen die beiden Zündkerzen der Doppelfeueranstalt gerne einmal zeigen, wie oft sie den glühenden Funken im Brennraum entfachen. Satt liegt die KTM dann am Gas, dreht fast lastwechselfrei immer höher und verhält sich auch bei wilden Schaltorgien lammfromm. Wenn der Drehzahlbereich stimmt. Sonst: Bitte noch einmal die Hinweise zum Stadtverkehr lesen.

KTM RC8R 15

Dass die RC8R auch außerhalb geschlossener Bebauungen nicht oft den sechsten Gang ihrer Schaltbox benötigt, liegt an der Übersetzung. Schließlich dreht sie bei Höchstleistung gerade einmal 10.250/min. Und das macht entspannt, weil der V-Zwo früh gehörig Drehmoment stemmt und dieses linear und sauber steigert. Sprich: Wenn du dich oberhalb der Schütteldrehzahlen bewegst, greifst du immer und überall in den großen Power-Topf. Das sagt zumindest das Gefühl. Denn alles an der KTM RC8R vermittelt dir in Fahrt, dass du schnell bist. Richtig schnell. Der Motor arbeitet unter dir, du spürst die Explosionen, fühlst dich angestachelt und gierst nach der nächsten Kurve. Das ist der Stoff, der Helden macht. Leider – und das schreibt der Autor dieser Zeilen mit tief empfundener Betroffenheit – stimmt das nicht ganz. Die KTM ist schnell – ohne Frage. Doch leider sind seelenlose Vierer-Brenner nicht langsamer. Sie gaukeln es wie bei der 1.000er Fireblade nur vor. Und tragen dich dann leicht und lässig bei zurückhaltendem Motorsummen genau so zügig ums Eck wie die KTM. Selbst erlebt.

KTM RC8R 02

Und doch weckt die Rotznase aus Mattighofen den inneren „lieb-haben-Instinkt“. Neudeutsch würde man wohl sagen: I like. Warum das so ist, hat mindestens zwei Gründe. Der eine heißt Emotion, heißt Vertrauen, heißt: Dein Hintern sagt dir, was geht. Das Fahrerlebnis mit der KTM ist völlig real, Sinne erfüllend, vom Leben getragen, mit Herzschlag gefüllt. Neben der Affinität des Autors für große Schießzylinder in V-Anordnung trägt dazu die Machart der KTM bei. Wo nichts per Elektronik kaschiert oder in den Hintergrund gerückt werden kann, muss alles beim ersten Aufschlag sitzen. Und das tut es. Allein das Fahrwerk des leichten Brummers rapportiert so haargenau über alle Fahrbahnpickel und Asphaltfurchen, das jeder Grenzbereich blitzschnell zum Fahrer durchdringt. Das schafft Vertrauen – und macht schnell. Dazu werkeln Bremsen im Fahrwerk, die sich mit Vehemenz gegen den Vortrieb stellen, sich durch die feinen Radial-Bremszangen aber millimetergenau dosieren lassen. Auch das macht schnell. Für etwas langsamere Verzögerung sorgt dann nur der fällige Tankstopp. Im normalen Spaß-Modus fließen immer so um die sechs Liter Super (oder auch Super Plus) durch die Einspritzdüsen. Im Viel-Spaß-Modus lässt sich dieser Wert aber leicht noch steigern. Ein Pluspunkt: Das wohl informativste Cockpit-Display seiner Art warnt rechtzeitig, bevor eine ausgeprägte Ebbe im Tank droht.

KTM RC8R 01

Doch zurück zum „fast way of live“: Was dann beim die letzten Sekunden bringt – direkt auf dem Racetrack, oder sinnbildlich übertragen auf der Hausstrecke – ist die Ergonomie der RC8R. Sitz ich bequem, hab ich alles im Blick – dann klappt’s viel schneller mit dem Vertrauen. Und das macht eben auch schnell. Bei der KTM heißt das: Sitzbank 825 oder 805 Millimeter über null? Sie haben die Wahl. Vier Schrauben raus und rein, und schon passt es. Oder noch nicht ganz? Die Füße weiter vorn, oder etwa weiter unten? Vier Positionen stehen als individuelle Einstellung bereit. Dazu dann noch schnell den Lenker in der Höhe angepasst und im persönlichen Anstellwinkel konfiguriert. Da fällt’s dann kaum noch ins Gewicht, dass sich selbstverständlich auch die Handhebel zigfach einstellen lassen. Die Krönung des Ganzen ist dann das KTM-Bordwerkzeug. Das reicht nämlich aus, um alle persönlichen Einstellungen vorzunehmen. Und der obligatorische Flaschenöffner findet sich KTM-typisch auch noch im Equipment. Fürs schnelle Abschlussbier nach erfolgreicher Kurvenjagd. Schließlich ging es ja doch ganz flott ums Eck – mit der alten jungen Dame Kati.