Test Suzuki M1800RZ

Test Suzuki M1800RZ


Heavy Weight mit Lucky Punch

Gestatten: Suzuki – Suzuki M1800RZ – ihr therapeutischer Begleiter für den Slow-down im Alltagsstress. Lassen Sie sich von meinen Bierkrug-großen Kolben massieren, genießen Sie den Ritt auf der Drehmomentwelle und steigen ein in ein Relax-Arrangement mit Stil.

So, oder zumindest so ähnlich würde es wohl lauten, wenn Suzukis Dickschiff nicht mit eigenen Prospekten beworben werden würde, sondern der Star im Neckermann 2013 wäre. Aber vielleicht ist da ja trotzdem was dran – an der lässig, malerischen Umschreibung aus den Anfangszeilen. Woran auf jeden Fall etwas dran ist: Suzuki ist und bleibt einer der besten Copy-and-Paste-Drücker der Chopper- und Cruiser-Zunft. Vor Ewigkeiten bereicherten die ersten Intruder die heimische Motorradwelt und zeigten erstmals so etwas wie einen ernstzunehmenden Angriff auf die Vormachtstellung aus Milwaukee. An dieser Tradition hat sich bis heute im Programm von Suzuki nicht viel geändert. Wenn es um bigger, better, nicht ganz so faster und more geht, greift man in Hamamatsu immer noch in die richtigen Zutatentöpfe. Beispiel gefällig bei der M1800RZ? 347 Kilogramm freudiges Lebendgewicht, ausbalanciert über zwei wuchtige 18 Zoll Reifen im 130er Format vorne und 240er Breitformat hinten. Mit weniger Kilogramm geben sich auch die Amibikes nicht zufrieden. Zumindest meistens.

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Wie diese Ansammlung an Motorradkalorien und Fettpölsterchen entsteht, zeigt schon der schnelle Blick auf Brems- und Kupplungshebel. Gar nicht Weight-Watchers-like bringen die beiden Teile vermutlich schon allein den Zeiger der Waage über die Ein-Kilogramm-Markierung. Aus so viel Material bauen andere Hersteller ganze Fahrräder. Aber – und das muss auch gesagt sein – die Dinger fühlen sich gut an, passen zum Bike. Und verleihen so dem insgesamt nicht leichtfüßigen ersten Aufeinandertreffen mit der 1800er zumindest einen Anflug von Respekt in Bezug auf Wertigkeit und Machart. Das gefällt – das strahlt Solidität aus. Im Ohr klingt das in etwa so:„ Steigt auf, mein Lonesome-Comboy. Ich trag' dich bis ans Ende der Welt – und wenn du willst sogar noch ein bisschen weiter.“ Well...

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Wenden in drei Zügen

So einer Aufforderung darf nicht widerstanden werden. Schon gar nicht als Tester der Bikerszene mit eingebauten Berichterstattungsauftrag an die Leserschaft. Also fällt der Hintern im nächsten Moment schon aufs kuschelige Sitzarrangement in 705 mm Höhe. Das passt. Die Fußrasten nehmen wie von selbst die Füße des Testfahrers auf, während sich die Arme lässig zum breiten und leicht nach hinten geschwungenen Lenker strecken. Der Motor pulsiert im Stand sein Loblied der Zufriedenheit und mit einem sanften Klonk rastet der erste Gang in der Schaltbox ein. Jetzt schnell noch den dicken V2-Dampfer Richtung Straße rangiert und die Highways können kommen. Das ist dann allerdings schon ein bisschen tricky: Zwar steht die M1800RZ im Stand dank ihrem Schwerpunkt fast auf Grasnabenhöhe sicher auf ihren Puschen, geht’s aber nur leicht und im Schritt um Eck, rinnt eine zarte Schweißperle über die Stirn. Schuld daran trägt der Lenker. Da der Hinter auf der Sitzbank nicht nach vorne rutschen kann, müssen sich die Arme schon mächtig strecken, wenn es langsam 90 Grad herum gehen soll. Und dann merkt man die solide Stabilität vom Doppelschleifen-Rohrrahmen aus Stahl, vom 1,8 Liter Aggregat und von der insgesamt üppig bemessenen Dimensionierung aller Anbauteile doppelt.

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Nach einen kurzen „Puh, geschafft“ liegt die Ackerei hinter und das endlos scheinende Asphaltband bundesdeutscher Landstraßen vor uns. Schnell sind die fünf Gänge des Getriebes durchgesteppt und der Twin wummert zufrieden und mit ansprechender Soundkulisse zwischen den Beinen. Dieses Wellness-Gefühl überträgt sich dann auch fast augenblicklich auf den Suzuki-Piloten. Großen Anteil daran hat die satt gefüllte Drehmomentkelle des 54 Grad Zweizylinders. Mit 160 Nm stemmt er bereits bei 3.200 Umdrehungen sein Maximum und macht hektische Gangwechsel überflüssig. Einfach nur das Tempo über den Gasgriff regeln, sich lässig im inneren Ruhemodus einpendeln. So etwas sollte es ruhig öfter geben. Und gerne auch auf Rezept.

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Kraft und Kurven 

Wer es partout nicht lassen kann, mag sich auch auf die Suche nach dem Leistungszenit des dicken Twins machen. Erreicht wird es bei 6.200 U/min. 125 Pferdestärken sorgen dann für einen nachhaltigen Antritt und bei Bedarf zügige Unterhaltung im Kurvenrevier oder beim Überholen. Dass mit der Suzuki M1800RZ auch Kurven locker klappen, liegt am gut ausbalancieren Fahrwerk, das immerhin 130 mm Federweg an der stabilen Upside-down-Gabel fürs Filtern von Schlechtwegstrecken bereit hält. Auch hinten macht es die Aluminiumschwinge samt Kardan nicht viel schlechter. Immerhin bügeln hier noch 118 Millimeter Federweg das Gröbste weg. Da sitzt man auf vielen USA-Eisen deutlich härter.

Ebenfalls dem Kurvenswing zuträglich sind die Fußrasten – jedenfalls ziemlich lange. Suzuki scheint auch an europäische Biker gedacht zu haben und hat die beiden Fußauflagen so positioniert, dass sie nicht schon in jedem Kreisverkehr eifrigen Bodenkontakt suchen. So darf's dann auch ruhig mal etwas flotter durch die eine oder andere Spitzkehre gehen – ohne das der V2 auf der ganz weiten Linie drum herum getragen werden müsste. Der Nachteil der Fußrasten? Sie setzen zwar sanft auf und klappen leicht weg, danach kommt aber schon der stabile Part der Suzuki. Sprich Teil zwei der Asphaltmarkierungen übernehmen die Angstnippel am Rahmenausleger. Und der ist nicht durch ein ausweichendes Wesen gekennzeichnet. Also Obacht. Nicht zu bunt treiben mit dem Schwergewicht.

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Las Vegas auf dem Tank

Apropos bunt: Wer auf eine besonders kreative Anbringung der Instrumente steht, ist bei der Suzuki goldrichtig. Tut sich im Blickwinkel Richtung Lenker noch der digitale – jawohl digitale – Drehzahlmesser auf, muss die Geschwindigkeit im Infodisplay auf dem Tank abgelesen werden. Das ist weder praktisch noch hübsch. Und kann schon mal zur einen oder anderen Schreckbremsung führen, wenn die Augen wieder mal zu lange am Tacho geklebt haben. Das Erfreuliche: In Sachen Geschwindigkeitsabbau leistet sich die dicke Suzuki keine Schwäche. Kein Wunder, spendierten ihr die Ingenieure an der Front doch die 1A-Ware aus dem Supersportler GSX-R 1000. Mächtige, radial montierte 4-Kolbenzangen nehmen die beiden 310er Scheiben kräftig in die Mangel und überzeugen mit crispem Bremsgefühl. So kommt die Wuchtbrumme auch ohne Blockierverhinderer mit Namen ABS sicher zum Stillstand. Und das auch, wenn der eilige Cruiserdompteur die Höchstgeschwindigkeit des Bikes auskosten will. Immerhin rennt der Twin – je nach Klamotten und Oberkörperhaltung – mehr als 200 km/h. Da ist es schon ein gutes Gefühl, sich auch auf die Stopper verlassen zu können.

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Doch gehören solche Geschwindigkeitausbrüche bestimmt nicht zum Standardrepertoire der Suzuki. Viel wohler fühlt sie sich beim lässigen Cruisen, wenn das Gemisch mit sanfter Gleichmäßigkeit durch ihren DOHC-Zylinderkopf rauscht und so genüsslich zwischen fünf und sechs Liter Super für reichlich Fun auf 100 Kilometern sorgen. Das ist dann der Kolben-Lucky-Punch im Bestformat, die Seelenmassage aus genau 1783 ccm Hubraum.

Das einzige, was zwischen dieser therapeutischen Zweiradsitzung – die auch Landstraßenfeger wie den Autor mal wieder auf Normalnull zurück bringt – und einer dauerhaften Beziehung steht, ist der Preis. Immerhin ruft Suzuki 14.990 Euro für die M1800RZ auf. Das sind dann etwa 43 Euro fürs Kilo. Auch das trifft in etwas das Amerika-V2-Niveau. Nun muss man sich nur entscheiden: Kobe-Rind oder USA-Bison. Geschmack ist wohl, wenn man beides mag. Und das bei sieben Zentnern reichlich.