Aprilia Shiver 750 - Update

Aprilia Shiver 750 - Update


Geschichte wird gemacht, es geht voran!

Vom ehemalig silbern-kapriziösem Aprilia-Gerät namens Shiver, jetzt erstarkt, verfeinert und durchaus weit mehr dem Bodenpersonal zugewandt – heute passend in feurigem orange

Na, das mit dem Kapriziösen stimmt so auch nicht in voller epischer Breite: Der Shiver in seiner Erstausführung konnte durchaus und quasi fast auf Anhieb die gierig wartende Betreibermenge befriedigen. Kleine Anfangsschwächen im Mapping ließen die heißblütigen Italiener nicht auf sich sitzen. Also ging’s über die dumpfe Winterzeit rasend schnell ans Verbessern. Schließlich, Aprilia hatte weder Kosten noch Mühen gescheut, dem Volk ein völlig neues Motorenkonzept im Zeichen der neuen Zeit zu präsentieren. „Ride by Wire“ lautet die Zauberformel - um das brisant schnell machende Engineering des Rennsports auch an den gemeinen Motorradfahrer weiterzureichen, rührten die Italiener nach neu erfundener Rezeptur ein rasantes Triebwerks-Menü an. Den 90° V2-Reaktor mit seinen 95 Cavallos, freigelassen aus 750 cm³ Hubraum, erfanden die Mannen in Noale ganz neu, geben seitdem statt mit schnöden Seilzügen per elektronisch geregeltem Management Feuer und lassen den beseelten Betreiber voll einschenken. Noch im Rohstadium griffen aber Gremlins ins elektrische Geschehen ein, wollten den Energieschub, selten zwar, aber nicht immer sofort in Schub umwandeln. Nun aber präsentiert uns der Shiver ganz neue Schauer der Glückseligkeit in seiner neuen Art des „multiple choice“.

 „Tri-Map“ triple mapping

…lautet die Zauberformel, die uns die Jungs aus Italien am frühen sonnigen Morgen vor der Phalanx des feurig orangenen Shiver im südfranzösischen Cannes aus dem Zylinder ziehen. „Ihr könnt von nun an nicht nur auf die volle und unmittelbar sofortige Marie am Gasgriff glauben und vertrauen, nein, wir geben Euch sogar noch einen weiteren Spiel-Trick mit ins Geschehen“, verheißen sie uns heißblütig. Am Display erscheint uns dann auch die neue Art der Religion: „T“ steht da für Touring geschrieben, „R“ für Rain dürft ihr vertrauen, wenn die Himmelspforten sich öffnen um sich in Regenschauern zu ergehen, „S“, wenn ihr Spiel, Sport und Spannung ersehnt.  Einfach die Handhabung, um dem Modifikanten-Trieb nachzugehen: „Ihr tippt kurz den Killschalter an und schwarz untermalt präsentiert sich euch der eingestellte Modus. Einfach durch nochmaliges Antippen bis in den Gefühlsbereich wechseln, dem ihr euch gerade aussetzen wollt.“ Okay, bei zugedrehtem Gasgriff, easy im sinnlichen Dahinrollen, wählen, was das Herz begehrt. Und der Kopf fordert.

Triebwerk

Wunderbar positioniert

Doch vor dem Vergnügen, da setzt uns das eigene Dasein vielleicht noch Grenzen, die es zu überwinden gilt. Zu arg hagelten nämlich auch die Proteste aus den Reihen der Menschen unter Gardemaß, die sich solch einer erfühlten Sitzhöhe von bestimmt, ich sage, bestimmt 84,5 cm mit dünner Luft angefüllten Position aussetzen mussten. Erwartest Du bei einem derartig edel, hilfreich und gut gestyltem Äußeren eines unverkleideten Straßenmotorrades – und lasst mich jetzt mal eben ausschweifend schwärmen – mit einem wunderbar anzusehenden, Vertrauen erweckendem Gitterrohrrahmen, diesen wertigen Motordeckeln wie im noblen Sandguß-Verfahren obhutvoll geboren, dieser ach so wohlgeformten Schwingen-Kultur, dem scharf endenden Heck mit dieser pikfeinen Underseat-Emission – ja, wer will dann da auf solch einer edlen Skulptur drauf zum Sitzen kommen, als hätt’s ihn in die Subkultur des Off-Roads verschlagen. So hoch sitzen doch sonst nur die, die sich im Dreck suhlen, wohl vertrauend auf Federwege bis in die Unendlichkeit, um dem nächsten Schlammloch geziemend zu entkommen.  Nein, auch die Leute, die sich mit Körpermaßen unter einmetersiebzig ins Vergnügen stürzen wollten mit dem selig-edlen Designer-Krad italienischer Machart, forderten gleich nach dem Debüt vehement ihr Recht auf allzeitige Landeerlaubnis auf glatt asphaltiertem Geläuf des täglichen Lebens. Also, sie ließen sich überreden, die Mannen aus Noale. Das seitlich angeordnete Federbein, fein von Sachs auserkoren, hatte ganze vier Zentimeter seines Seins einzubüßen, um den drahtigen Kleineren auch ein hurtiges Aufsitzen zu gewährleisten und ein ebenso geschmeidiges auf den Füßen aufkommen, wenn es denn dem Verkehrsfluss mal wieder einfällt, eine Pause einzulegen. Mithin darf der Rider darauf vertrauen, seinen Allerwertesten auf ein immer noch kommodes aber schmaler sitzendes Polster positionieren zu dürfen.

Bodenkontakt

Ja, dürfen wir nun wirklich die wackeligen High-Heels abstreifen, die klobigen Plateau-Sohlen von uns werfen? Der spannende Moment ist da am frühen Vorfrühlingsmorgen, die Sonne wetteifert mit ihren Strahlen um den Glanz am funkelnden Krad, der Shiver scheint sich namentlich in den Sehnen breit zu machen. Die 1,61er Generation hält den Atem an – und landet mit den Fußballen auf dem Planeten. Was wollen wir mehr? Ja, ein befreiter Aufschrei durchfährt den menschlichen Testkörper und ran geht’s an den Full-Throttle-versprechenden Gasgriff. Vor lauter Aufregung fast unerhört, aber dann drängt sich doch noch mit Vehemenz dieser einzigartige, pulsierende Sound des Triebwerks tief in den Gehörnerv – welch eine Sinfonie aus fest verwobenen Basswellen, so zuvor noch nie vernommen… Und dann: Das reiselustig viel versprechende „T“  blinkt aufmunternd im Display auf, die Meute stürzt sich ins südfranzösische Verkehrsgewühle um dem in der Sonne glitzernden Mittelmeer gelöst entgegen zu sehen.  An der Küste entlang, mit den sich in leichter Brise schwingenden Palmenblättern, dem blauen Himmel, der sich über Meer, Sand, Strand und buntes Volk wölbt, das sich auf der Croisette  neugierig unserer orange blinkenden Gesellschaft zuwendet. „Das soll ein Mittelkasse-Krad sein? Schaut doch eher aus, als hätte es Franco Sbarro erdacht und Rinspeed auf die OZ-gestylten, wertig geschmiedeten Räder gebracht.“ Das Ufer ward gewonnen, da stürmt es sich geschmeidig nun den Les Alpes entgegen, rauf zu all den kurvenverliebten Col de Irgendwas - immer aber wild und schnell, Straßen, die sich, ebenso wie ihre in der Nachbarschaft befindlichen, reißenden Gebirgsflüsse hier zum Wildwasser-Reiten, da zum freudig agilem Anreißen anerbieten, ja, unter der zwar noch kühlen, dennoch südlichen Sonne  die Laune des Reiters zum Erglühen bringt. Selbst die aufgespannten Dunlops fühlen sich aufgefordert, ihr Bestes an Grip zu geben. Und das bei Sonnen-abgewandten Bergseiten, die sich noch feuchtkühl in ihrem Geläuf nur zögerlich dem bunten Treiben eröffnen wollen.

Aktion 2

Volle Weltraumtauglichkeit

Touring? Das geht doch jetzt schon wie die wilde Luzie. Was passiert dann erst bei „S“ wie Speed? Jetzt nichts Falsches sagen, denn sofort pressiert es am Hinterrad, wie wenn Du einen Magura-Kurzgasgriff angespannt hättest. Eine noch direktere Gasannahme, vorher weder vermisst noch für möglich gehalten, erfordert auf der Stelle die volle Aufmerksamkeit im Verkehrsgeschehen. Ja, wie konnte diese Idee denn ausgerechnet beim Einrollen ins nächste Gebirgsdörfchen Gehör und Umsetzung finden? Ja hey, beim nächsten Ampelstart bist du damit der absolute König. Und Wheelie-affine Temperamentsbolzen sollten da einer noch agiler zu steigernden Präsenz frönen können, wenn sie den Shiver quasi ad hoc auf die Hinterhand stellen wollen. Okay, bei den nachfolgenden Kurvenkombination und dem nun entspannten Anreißen bringt der Touring-Modus weitaus harmonischeres Fahrverhalten an den Tag. Denn Vollstrecken ist nun angesagt, den Mitkollegen zeigen, was nach den Stop-and-Go Foto-Stops nun endlich in der Racerseele an Potential vorhanden ist. Selbst nahezu unvorsichtig genommene Bodenwellen in Kurvenpassagen lassen sich mit dem rigiden Fahrwerk im Endspurt nehmen, bringen kleine, glücksselige Adrenalinschübe, wenn der Shiver nach Sprunghügeln wieder und sicher den Untergrund berührt. Und siehe da, Kleinsein hat ja manchmal den Nachteil, sich nicht jeden der aktuellen, so geilen Böcke erschließen zu können – aber der mit geringer Körpergröße manchmal auch einhergehenden Gewichts-Vorteil lässt sich damit geschmeidig in den entscheidenden Vorsprung beim Rausbeschleunigen aus engen Kurven und in lang gezogenen Passagen in der absolut erreichbaren Endgeschwindigkeit umsetzen. Ääh, die da lautet? Nicht wirklich wahrgenommen, völlig unwichtig… Denn natürlich und viel wichtiger: auch noch der letzte Journo wird im Highspeed-Modus bei hungrig lauernder Mittagszeit final abgehängt. Okay, der Schnellste, der erfahrene Guide, muss regelgerecht der Sieger bleiben. Aber zuletzt war auch der Letzte noch bezwungen. Aufatmen. Der Shiver macht dich allzeit zum Sieger. Zum edel Adligen dazu. Wer könnte solch einem Design schon widerstehen?

Aprilia Shiver 750

PS: Rain für das „R“ gab es zwar nicht, aber bei diesem Fahrzustand kann der Puls auch beim größten angenommenem Gau eines Schauerwetters ganz in Ruhelage bleiben. So viel ist gewiss. Eine Gasannahme um 30 Prozent gesenkt bringt absolute Ruhe ins Gebälk und an die Hinterhand. Doch, wer will das schon?

Text: Sabine Welte

Fotos: Werk

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