Aprilia Caponord 1200

Aprilia Caponord 1200


Italo-Nachzügler mit Innovationen

Aprilia geht mit der Caponord 1200 als letzter Hersteller ins Rennen bei den großen Reiseenduros. Dafür hat die Travel Pack-Version der Italienerin das umfassendste Elektronikpaket aller Wettbewerber zu bieten.

Von einer Tour zum Nordkap träumen viele Motorradfahrer. Ob dieses Ziel immer ein erstrebenswertes ist, sei mal dahingestellt – die Anfahrt dorthin gestaltet sich bisweilen recht öde. Eine Caponord hatte Aprilia schon einmal im Programm, das war zu Beginn dieses Jahrtausends. Damals war die Vau-Zwo-Großenduro mit dem Fokus auf Straßenbetrieb ihrer Zeit voraus, heute zählen die eher fürs Reisen denn für Geländeausritte ausgelegten zweirädrigen SUVs zu den beliebtesten Motorrädern überhaupt. Und zu den technisch interessantesten: Hinsichtlich technologischer Innovationen haben die Reiseenduros dem ehemals dominierenden Supersportsektor den Rang abgelaufen. Ein perfektes Beispiel dafür ist die neue Aprilia Caponord 1200, standesgemäß motorisiert mit dem aus der Dorsoduro 1200 stammenden flüssigkeitsgekühlten 90-Grad-V-Motor. Das mit Vierventiltechnik, Doppelzündung und Einspritzanlage modern konstruierte 1200-Kubikzentimeter-Aggregat wurde für den Einsatz in der Caponord auf 125 PS und ein Drehmoment von 115 Newtonmetern abgemildert. Kleinere Drosselklappen-Durchmesser, je eine Lambdasonde und zwei Einspritzdüsen pro Zylinder sowie eine Auslassklappe im Auspuff domestizieren den großen Vau, im Verbund mit einer längeren Endübersetzung sollen sie den bekannten Durst des Aggregats zügeln.

Aprilia Caponord 1200-8

Motor Aprilia Caponord

Wie mittlerweile bei Motorrädern mit Ride-by-Wire-Drosselklappensteuerung üblich, stehen drei Fahrmodi zur Verfügung, mit denen sich die Charakteristik der Leistungsentfaltung beeinflussen lässt: Sport, Touring und Rain unterscheiden sich vor allem durch das Ansprechverhalten des Motors. „Touring“ ist für flottes Vorwärtskommen völlig ausreichend, das Ansprechverhalten ist geschmeidig, im „Sport“-Modus gibt's derbere Lastwechsel, doch spricht der mächtige V2 spontan und direkt auf Gasgriffbefehle an. Im Regenmodus bleiben 100 PS übrig, der Motor agiert sehr sanftmütig. Unabhängig vom Modus mag der 1200er unter 3000 Touren nicht rund laufen; wer hier Gas gibt, erntet erst einmal unwilliges Schütteln. Darüber dreht der Motor jedoch sehr gleichmäßig und druckvoll nach oben, der Vortrieb ist insbesondere bei „Sport" gut beherrschbar. Ab 6000 Umdrehungen künden Vibrationen zunehmend vom kernigen Verbrennungsablauf, die gute Eignung des V2 als ausgewogener Tourenmotor mag das jedoch kaum beeinträchtigen.

Aprilia Caponord 1200-15

Fahreindrücke Caponord

Wie die Fahrmodi lässt sich eine Traktionskontrolle, die Aprilia Traction Control ATC, vom linken Lenker aus in drei Stufen anwählen. Wie beim Superbike RSV4R greift sie zunächst sanft über die Drosselklappenstellung ein, bevor sie bei heftigeren Drehmomentattacken die Frühzündung zurücknimmt. In Stufe 3 reduziert sie die Leistungsabgabe fürs Fahren auf nassen Straßen sehr sensibel, der Eingriff wird im Cockpit von einer flackernden Leuchte signalisiert und verleiht dem Fahrer ein sehr beruhigendes Gefühl.

Eine komplette Neuentwicklung ist das Fahrwerk, angefangen bei der 43er Upside-Down-Gabel über den schicken Rahmenmix aus Gitterrohr und Gussprofilen bis zur Einarmschwinge mit schräg stehendem Federbein. Innovatives Alleinstellungsmerkmal selbst in der Meute der Reiseenduros ist aber das semiaktive Fahrwerk Aprilia Dynamic Damping ADD, das serienmäßig bei der Caponord im Travel Pack an Bord ist. Dieses bietet auf holprigen Geraden einen außergewöhnlich hohen Fahrkomfort, egal, ob tiefe Auswaschungen oder Asphaltbuckel das Fahrwerk malträtieren. Bei forcierter Gangart und durch Wechselkurven sorgt das ADD für eine ausgeprägte Stabilität, die sich stets verändernde Dämpfung verlangt jedoch etwas Anpassung. Hat man sich einmal an die unterschiedlichen Fahrwerksreaktionen gewöhnt, ist alles bestens.

Aprilia Caponord 1200-3

Besonders leichtfüßig macht das ADD die Caponord aber nicht, daran ändert auch die reine Straßenbereifung nichts: Vorn wie hinten rollt die Aprilia auf Dunlop Qualifier II-Pneus im 17-Zoll-Format. Zur schrägen Lage und zum Einlenken bedarf es ein wenig Nachdruck, sie will mit etwas Körpereinsatz auf Linie gehalten werden. Hier zollt die voll ausgestattete Travel Pack-Version ihren fahrfertig 265 Kilo Tribut, die zwar für eine gute Stabilität sorgen, die Leichtfüßigkeit jedoch nehmen. Für einen ausgeprägten Tourer ist die gebotene Winkelwerk-Agilität indes hinreichend.

Keine Mühe mit den Pfunden haben die Brembo-Vierkolben-Festsattelzangen mit abschaltbarem Bosch-ABS. Sehr guter Effektivität steht hier eine nicht ganz perfekte Dosierbarkeit gegenüber, die hintere Bremse fällt von der Wirkung zudem sehr zurückhaltend aus. Für ausgezeichnete Bremsstabilität sorgt allerdings wieder das ADD: Wird der Anker heftig geworfen, verhärtet sich die Gabel spürbar entsprechend und verhindert, dass das Heck leicht und unruhig wird. Die leichte Aufstelltendenz beim Bremsen in Schräglage kann das ADD jedoch nicht verhindern.

Aprilia Caponord 1200-6

Dem Touringansatz entsprechend zeigt sich die Ergonomie mit gutem Knieschluss und aufrechter Haltung in gut erreichbaren 840 Millimeter Höhe. Das Ambiente fällt für durchschnittsgroße Fahrer ideal aus, etwas größere Piloten wünschten sich dagegen eine höhere Sitzbank mit größerem Abstand zu den Fußrasten. Einen guten Wind- und Wetterschutz steuern die schnell und einfach per Hand verstellbare Scheibe und die serienmäßigen Handprotektoren bei, die angesichts der restlichen geschliffenen Caponord-Erscheinung etwas zu abenteuerlustig daher kommen. Weniger perfekt sind die in der Travel-Version serienmäßigen Koffer in Fahrzeugfarbe geraten, die sich nur umständlich bedienen lassen und wegen des zerklüfteten Innenlebens schwierig zu beladen sind. Dass die Travel Edition darüber hinaus noch einen Tempomat bietet, ist für lange Autobahnetappen durchaus hilfreich. Im Alltag macht der serienmäßige Hauptständer dieser Edition mehr Sinn, der die Kettenpflege und den Ausbau des Hinterrades erleichtert. Wie modern die neue Caponord wirklich ist, verdeutlicht die App-Option: Per Bluetooth kann ein Smartphone verbunden werden, das eine Reihe verschiedener Anzeigen vom Schräglagenwinkel über den Reifenschlupf bis zum Kraftstoffverbrauch bietet, dazu gibt's eine Navi-Funktion und weitere Infos. Verglichen mit der 2.400 Euro günstigeren Standard-Version stellt die vollausgestattete Caponord Travel Pack für 16.190 Euro das komplettere und dank ADD höchst innovative Reisemobil dar, das im Gegensatz zur Vorläuferin von 2001 gerade zum richtigen Zeitpunkt kommt. 

Text: Thilo Kozik

Bilder: Werk