Moto Guzzi V7 Fahrbericht

Moto Guzzi V7 Fahrbericht


Alles beim Alten

In Mandello del Lario scheint die Zeit still zu stehen. Wem sich das rosenrote Werkstor mit den ausgebreiteten Schwingen des Adlers öffnet, der betritt eine vergangene Welt. Ein industrielles Märchenschloss, in dem Träume wahr wurden. Die Träume der Firmengründer Giordio Parodi, Carlo Guzzi und ihres verstorbenen Fliegerfreundes Giovanni Ravelli. Heute steht Moto Guzzi wie kaum eine andere Marke für typisch italienische Motorräder, von denen gemeinsam mit Ducati eigentlich nur noch zwei namhafte Firmen übrig geblieben sind.

Während Ducati sich vorwiegend der sportlichen Historie verpflichtet fühlt und sich in den letzten Jahren mit einer modernen Produktpalette stetig neu erfunden hat, steht Guzzi seit über einem viertel Jahrhundert für klassischen Motorradbau. Manifestiert in einem quer zur Fahrtrichtung eingebauten, luftgekühlten V-Motor und Kardanantrieb. Als man den Rückzug aus dem Motorsport beschloss und sich die, fortan im Ruhestand befindliche Rennsportabteilung daran machte, mit dem genannten Zweizylinder und längsliegender Kurbelwelle eine erfolgreiche Modellreihe von Straßenmotorrädern zu entwickeln, war es dann 1967 soweit: Die Geburtsstunde der V7.

Die V7 avancierte zum Verkaufserfolg und gelangte als Polizeimotorrad konzipiert weltweit zu Ruhm und Ehre. So gehört noch heute der nordamerikanische Markt neben dem heimischen zu einem der wichtigsten Absatzfelder der Marke vom Comer See. 1976 wurde die V7 durch die V 850 Le Mans ersetzt. 2008 reanimierte man die V7 und seit dem zählt das Motorrad zur Stütze des, seit einigen Jahren zur Piaggio-Gruppe gehörenden, Betriebes. Über 3.250 Exemplare der  V7 in den Varianten Stone, Special und Racer hat man 2013 verkauft. Das entspricht der Hälfte des gesamten Absatzes. Für das Modeljahr 2014 avisiert das Management sehr optimistische 4.500 Einheiten. Zumal wichtige Neuerung wie ABS weiterhin auf sich warten lassen.

Moto Guzzi V7 Special 06

Tatsächlich verkündet man uns zwei neue Farben und eine neue Lichtmaschine. Wobei sich die Farben auf mattschwarze Akzente bei der „Stone“ und mehr Chrom an der „Spezial“ beschränken. Und die Lichtmaschinen ist auch nicht gänzlich neu, sondern erhält lediglich einen Deckel aus Metall anstelle von Kunststoff. Und diese verrichtet nun ihre Arbeit in Öl gebettet. Ansonsten bleibt alles beim Alten. Muss ja bei einem klassischen Motorrad nicht unbedingt schlecht sein. Nie war das Verlangen nach der „guten alten Zeit“ so groß wie heute. Und Moto Guzzi hat seine Wurzeln nie verloren. Man ist in der Region des norditalienischen Seenlandes verwurzelt. Die wichtigsten Zulieferer sitzen hier. Drei von ihnen lernen wir auf der Präsentationsfahrt kennen.

Der erste Weg führt uns zu Domino, einem Hersteller von Griffen, Lenkern und Armaturen. Von ihnen bezieht Moto Guzzi unter anderem die Brems- und Kupplungshebel der V7. Das trifft sich gut. Bereits nach wenigen Fahrkilometern habe ich mich gefragt, warum die Hebel mir so hohe Handkräfte abverlangen. Während man das an der Kupplungshand noch mangels Hydraulik erklären kann, ist es bei der Bremse, die in stolzen Lettern „Brembo“ auf ihren Sätteln trägt, schwer nachvollziehbar. Handkraft und Bremsdruck stehen sich diametral gegenüber.

Moto Guzzi V7 Special 01

Sicherlich wird es nicht an den Hebeln selbst liegen. Viel wahrscheinlicher sind stumpfe Beläge schuld. Immerhin kompensiert man so das fehlende ABS. Ein Überbremsen des 18 Zoll Vorderrades erscheint fast unmöglich, relativ lange Bremswege sind die Folge. Defensives Fahren ist also angesagt, insbesondere, da spontane Richtungswechsel des italienischen Guides immer wieder überraschen.

Moto Guzzi V7 Special

Die von mir zu Beginn der Ausfahrt gewählte Special in Schwarz/Orange erinnert optisch an die 70er Jahre. Und nicht nur optisch. Das Fahrverhalten verdient ebenso das Attribut „klassisch“. Besonders beim Einlenken. Die Erklärung liegt auf der Hand. Früher gab man Motorrädern einen relativ flachen Lenkkopfwinkel, um einen sauberen Geradeauslauf zu gewährleisten. Die schmale Bereifung mit 100/90 vorne und 130/80 hinten alleine hätte mehr Handlichkeit erwarten lassen. Und die Bereifung aus dem Hause Pirelli scheint weder mit dem Fahrwerk noch dem rutschigen Bergasphalt warm zu werden.

Moto Guzzi V7 04

Die V7 Special sieht nicht nur alt aus, ihr Fahrverhalten ist wohlwollend ausgedrückt als authentisch zu bezeichnen. In einer Zeit in der jeder nach Entschleunigung sucht, kann das genau richtig sein. Für einen Journalisten, der ein Fahrzeug jedoch am aktuellen Stand der Fahrzeugtechnik bewertet, gilt es umzudenken.

Im Sattel des V2 wiegt man sich wie in einem Boot auf dem Comer See. Ab dem ersten Druck auf den Anlasser schaukelt einen die Kurbelwelle in einer Woge der Gelassenheit hin und her. Erst lange nach dem Abstellen des Motors ebbt dieses Gefühl im leisen Knistern der Kühlrippen ab. Es ist, wie an einem Sommerabend am Lagerfeuer zu sitzen und in die Flammen zu starren. Beruhigend.

Moto Guzzi V7 Racer

Mit 48 PS gewinnt man heute keine Rennen mehr. Auch wenn man im Sattel des chromblitzenden Racer sitzt. Die Soziusabdeckung aus Kunststoff mit Startnummerntafeln an beiden Seiten will nicht ganz zum hochwertigen Eindruck des Fahrzeuges passen. Ansonsten ist das Bike bis in die Speichen hinein ein absolut stimmiger Cafe-Racer. Man erhält einen Eindruck davon, was Rennfahrer früher leisten mussten und das man sich im Kampf um den Sieg nicht nur gegen andere Fahrer durchsetzen musste. Gerade durch den schmalen Lenker in Verbindung mit bereits erwähntem 62 Grad Lenkkopfwinkel wollen Kurskorrekturen bewusst herbeigeführt und anschließend möglichst beibehalten werden.

Moto Guzzi V7 02

Moto Guzzi V7 Stone

Wir halten Kurs auf den nächsten Zulieferer. Alpina deckt Moto Guzzi nicht mit Farbe, sondern mit Speichenrädern ein. Nun ist die Herstellung von Speichen nicht wirklich spannend. Handwerklich betrachtet sind Speichenräder jedoch meisterlich gefertigt und an Special und Racer absolute Hingucker.

Dagegen wirken die schlichten Gussräder des Basismodells Stone schon fast langweilig. Doch gerade die mit 7450,- Euro günstigste Variante der V7 lädt zum Individualisieren ein. Auf unserer Rückfahrt zum Werk begegnen uns zahlreiche Umbauten. Junge Leute auf alt wirkenden Motorrädern. Ich fange an mich zu fragen, ob meine vom moderner Fahrzeugbau verwöhnten Maßstäbe nicht längst überholt sind. Die Menschen wollen wieder das Leben spüren. Fühlen, was das Fahrzeug unter einem tut. Sicher, die konventionelle Telegabel bietet keinerlei Einstellmöglichkeiten. Und die Dämpfungsrate der beiden hinteren Federbeine reicht auch nach optimierter Einstellung auf mein Fahrergewicht kaum aus, um die konstruktiven Mängel der relativ kurzen und ohne Umlenkung angebrachten Kardanschwinge auszumerzen. Besonders kurze Stöße dringen zum Fahrer durch. Dennoch hat man einen fast kindlichen Spaß. Denn darum geht es doch eigentlich. Wir fahren Motorrad, um etwas zu spüren. Keine Verkleidung, die uns vom Fahrtwind trennt. Kein Fahrwerk, das uns in Watte packt.

Moto Guzzi V7 05

Besonders in den neuen Führerscheinregelungen ist genug Platz für Menschen, die sich genau an dieses Gefühl erinnern. Männer und Frauen, denen es familiär oder finanziell nicht möglich war, in jungen Jahren zum Motorrad zu finden. Die in den 70ern aufwuchsen, mit genau solchen Motorrädern wie der V7. Die so aussahen und die sich genau so anfühlten.

Für Leute, die vor dem 1. April 1980 ihren Autoführerschein gemacht haben, hat Moto Guzzi sicher noch diesen großen Namen. War damals ein Traum und ist es geblieben. Und für Leute wie diese ist seit letztem Jahr ein problemloser Einstieg in die Führerscheinklasse A2 möglich, wo die V7 mit der passenden Leistung von 48 PS wartet. 

Die V7 ist wie für sie gemacht. Sie wartet schlafend, wie eine Prinzessin auf ihren Prinzen. Fast wie im Märchen. Keine Ahnung, wer sich da im Werk an einer Spindel gestochen hat, aber eine zeitgemäße Bremse könnte die Dornenhecke durchbrechen. Am liebsten würde man die liebenswerten Italiener wachrütteln -  „Aufwachen, Prinzessin!“ - nicht dass sie ihr hundertjähriges Firmenbestehen 2021 verschlafen. 

Ihr Stolz hat Moto Guzzi am Leben erhalten. Es ist Zeit für ein Happy End wie im Märchen. Sie haben sich immer wieder neu erfunden. Sie können es wieder tun. Und wenn sie nicht gestorben sind ...

Text: Vic Mackey

Bilder: Moto Guzzi