California 1400 Touring, Chief Vintage und Road King - Vergleich

California 1400 Touring, Chief Vintage und Road King - Vergleich


Von Häuptlingen, Straßenkönigen und italienischen Californiern

Indian is back – und wie! Endlich ziert wieder ein Häuptlingshaupt den Frontfender eines Motorrads. Unter den 3 Modellen ist die Chief Vintage mit Scheibe und Koffer der Tourencruiser im Modellprogramm. Bei Harley-Davidson hat die Road King seit einer Ewigkeit diese Rolle inne und zählt zu den beliebtesten Modellen der Marke. Europäischen Flair ganz ohne Plagiatsverdacht verkörpert die im letzten Jahr neu auf den Markt gekommene Moto Guzzi California 1400 Touring. Wir waren mit allen 3 Dickschiffen auf Tour.

Cruiser – dicke Motoren mit viel Schub aus dem Drehzahlkeller, Trittbretter, viel Komfort und dank großer Scheibe und Koffer auch für die ganz lange Tour tauglich. Hier sind Saft im Drehzahlkeller und bulliger Sound gefragt. Spitzenleistung und Schräglagenfreiheit spielen genau so wenig eine Rolle wie Leichtbau und Höchstgeschwindigkeit. Cruiser sind zeitlos, unterliegen keinen Trends. Das beste Beispiel ist die Road King aus dem Hause Harley-Davidson. Oft kopiert und doch nie erreicht. Doch jetzt kommt mit der Indian Chief Vintage eine daher die der Road King genau diese Rolle streitig machen kann. Steht Harley-Davidson für Tradition und lange Historie, steht Indian für Legende. So ist es halt mit denen die jung sterben. Wer anders sein wollte (und es sich leisten konnte), kaufte eine Harley. Wer etwas Besonderes wollte (und es sich erst recht leisten konnte), kaufte eine Indian. An der prallen auch sämtliche Plagiatsvorwürfe ab, baute die Indianermarke doch ebenfalls seid Ewigkeiten große V2 und ist dazu noch die ältere Marke. Alles andere als eine Kopie ist auch die California 1400 Touring. Sie pflegt bei ähnlichen Eckdaten ein ganz eigenes Erscheinungsbild, ist bei aller Ähnlichkeit zur eigenen Vergangenheit deutlich moderner – sowohl aus optischer als auch technischer Sicht.

Vergleich California, Road King & Chief Vintage 06

Harley-Davidson Road King

Auf den ersten Blick hat sich nicht viel getan. Wer genauer hinschaut kann die Änderungen im Rahmen des „Projekt Rushmore“ erkennen und was noch besser ist: er-fahren. Eine zentrale Rolle übernehmen diverse Klappen im Luftfilter und Auspuff. Die halten den Sound im Stand und bei Konstantfahrt im nachbarschafts-verträglichen Bereich. Sobald man jedoch am Kabel zieht, bollert die Road King zum nächsten RTL-Nachbarschafts-Streit. Damit verbinden sich Schub und Sound zu kongenialen Partnern, besonders im unteren und mittleren Drehzahlbereich. Trotz gleicher Eckdaten schiebt die Rushmore-Road-King wie keine andere zuvor. Ständig zieht man am Kabel, über den Bauch fühlst du den Schub, über die Ohren stellt der (Klappen-)Sound die Körperbehaarung auf Gänsehaut. Ständig lädt man durch und genießt – Emotion pur. Nüchtern betrachtet ist die Road King aber doch langsamer als das Package sich anfühlt. Die California zieht ihr beispielweise in allen Lagen davon, egal ob beim Sprint oder im Durchzug. Juckt nicht, wir drehen wie süchtig am Gas und sind begeistert wie die Kleinkinder. 1.690 Kubik, 87 PS und 138 NM bei 3.750 Umdrehungen sind übrigens die nüchternen Daten.

06 Harley-Davdson Road King

Der Rest vom Harley-Programm weiß auch zu gefallen. Der Fahrersessel ist ultrabequem, taugt für eine Ewigkeit. Die Füße stehen bequem auf dem Trittbrett und sowohl Fußbremse als auch Schaltwippe lassen sich optimal bedienen. Der Lenker geriet uns etwas zu hoch, ein halber Ape wurde da an der Road King verbaut. Die Sitzposition geht dennoch als sehr entspannt durch. Der Windschutz macht es einem gerade auf langen Strecken sehr angenehm. Allerdings ist die Höhe der Scheibe etwas unglücklich, da der Fahrtwind ab ca 120 km/h so stark auf den Helm trifft, dass dieser ein unangenehmes Eigenleben entwickelt. Gilt aber für die beiden Konkurrenten in gleichem Maß und ist zusätzlich von der Größe des Fahrers abhängig. Der bleibt im Übrigen besser alleine, denn der Soziusplatz ist wenig tourentauglich. Das Fahrwerk dafür umso mehr. Die Road King geht als komfortabler Gleiter durch. Dank etwas mehr Bodenfreiheit als die meisten Schwestermodelle auch gerne zügig. Wohl gemerkt zügig – nicht sportlich. Die Bremsen ankern nach einem kräftigen Händedruck gut, ABS ist Serie. Preislich sind wir natürlich in der Oberliga. 23.995 Euro kostet die Road King zweifarbig. Wer mit einer Farbe auskommt, beginnt mit 770 Euro weniger.

02 Harley-Davidson Road King

Indian Chief Vintage

Opulent – besser lässt sich die Indian nicht beschreiben. Metallbau ist angesagt. Und von besagtem Material ist mächtig viel verbaut. Aus dem geschwungenen Frontfender werden in Indien sicher ganze Kleinwagen verbaut. Doch wer die Vergangenheit der Marke kennt, weiß um solche „Kleinigkeiten“. Überhaupt kommt die Chief Vintage mit einer Wertigkeit daher, die ihresgleichen sucht. Und die Konkurrenz, speziell die Harley, alt aussehen lässt. Beispiel gefällig? Die Bedienelemente der Road King sind aus Kunststoff. Die der Indian aus verchromten Metall. Sieht einfach klasse aus und fühlt sich noch besser an. Dazu dieses Monument von einem Motor. Für uns der schönste Motor auf dem Markt. Und dazu mit Qualitäten: fette 1.811 Kubik, 92 Pferde und die viel wichtigeren 139 NM bei niedrigen 2.600 Umdrehungen. Damit stempelt die Indian die Konkurrenz zu Drehorgeln ab, denn die drehen ja gerne mal über 3.000! Skandal! Hier genügen in der Regel 1.000 weniger. Quasi der Diesel unter den Cruisern. Passt perfekt zum Charakter der Maschine.

06 Indian Chief Vintage

Riesig ist sie. Fette 18 cm länger als die Road King und die California. Der Sitzkomfort ist nochmal besser als bei der Harley, dazu passt die ultrabreite Lenkstange irgendwie besser als der Miniape. Ein No-Go sind allerdings die Fransen. An den Packtaschen, am Sattel und sogar an den Trittbrettern sind diese ledernen Spottbringer zu finden. Gäbe es den Entfall der Fransen gegen Aufpreis, wir würden ihn zahlen. Überhaupt spielt Leder eine große Rolle, denn es ist großzügig verbaut worden. Die Packtaschen sind tatsächlich und einzig aus schwerem Leder. Und damit zwar schön aber weder dicht noch praktisch. Wer sie tatsächlich nutzen möchte, kommt um wasserdichte Innentaschen nicht herum. Doch kommen wir zu den wesentlichen Dingen. Den Charakter des Motors haben wir ja bereits beschrieben. Ein echtes Kellerkind. Dazu passt der gebotene Sound bestens. Jede Zündung muss sich über ein langes Rohr Gehör verschaffen. Und entsprechend klingt die Fuhre auch: wohlig bollernder V2 Sound. Etwas mehr Bass würde uns zwar noch besser gefallen, aber dann schwingen wahrscheinlich umstehende Gebäude mit. Die Performance ist ähnlich wie die der Road King. Komfortables Gleiten mit früher aufsetzenden Trittbrettern. Auch eine Möglichkeit die scheußlichen Fransen los zu werden. So viel Motorrad mit einem so klangvollen Namen hat (wie erwartet) seinen Preis: 25.299 Euro verlangt der Indian-Händler deines Vertrauens.

02 Indian Chief Vintage

Moto Guzzi California 1400 Touring

Auch die California blickt auf eine lange Tradition zurück und wurde anfangs ja speziell für die Amis gebaut. Denn ihren Ursprung hatte sie als Polizeimotorrad. Jetzt also die California 1400 Touring. Eine sehr bemerkenswerte Erscheinung. Da ist zum einen die eigenständige Optik, zum anderen das eigenständige Konzept. Moto Guzzi baut seine V2 halt quer ein. Daher neigt sich die California auch im Stand bei jedem Gasstoß erst auf die eine und dann auf die andere Seite. Zwar wirkt auch die Guzzi opulent, ist aber in allen Bereichen etwas zierlicher als die Konkurrenz aus USA. So bringt sie mit 337 kg etwa 34 Kilos weniger auf die Waage. Auch der Motor geriet kleiner. Nicht optisch, aber vom Volumen her. 1.380 Kubik reichen zwar für 96 Pferde, das Drehmoment liegt mit 120 NM aber deutlich unter der Konkurrenz. Dafür kommt die California mit einer Traktionskontrolle und 3 unterschiedlichen Fahrmodi daher. Und die Traktionskontrolle hat durchaus ihre Berechtigung. Denn der Motor hat ordentlich Druck. Tritt zwar im tiefsten Drehzahlkeller nicht ganz so vehement an wie die Harley und noch mehr die Indian, dafür legt sie mit steigender Drehzahl um ein Vielfaches nach. Da hat der 200er Schlappen am Hinterrad seine liebe Mühe und die Traktionskontrolle bei heftigem Angasen ordentlich Arbeit.

06 Moto Guzzi California Touring

Die Vorgängerin litt noch an einem Drehmomentloch so tief wie die Stimme von Barry White. Alles Vergangenheit, jetzt läuft die Kiste super. Und klingt auch gut. Leider bekommt der Fahrer davon wenig mit. Zum einen weil die Auspuffrohre gefühlt erst hundert Meter hinter ihm aufhören, zum anderen weil Getriebe und Antrieb unter Last heftiges Gejaule von sich geben. Erst bei höheren Drehzahlen trommelt der V2 spür- und hörbar aufs Trommelfell. Da geht mehr als gemütliches Gleiten. Die California ist mit Abstand die wendigste und am einfachsten zu bewegende Maschine im Vergleich. Das nutzbare Drehzahlband ist deutlich breiter, das Fahrwerk steckt wesentlich mehr Einsatz weg. Ja, auch sie kratzt mit den Trittbrettern, aber halt deutlich später als die Amis. Und Nein, auch sie ist nicht sportlich. Die Guzzi leistet sich dann auch ein paar italienische Macken. So muss man vor jeder Fahrt per Knopf die Wegfahrsperre ausschalten. Und nach dem die Mühle abgestellt ist, aktiviert sich diese wieder nach einigen Momenten mit einem lauten Piepton. Die Koffer sehen schick aus, sind in der weißen Lackierung allerdings mega-empfindlich. Dazu lassen sie Wasser zwar rein, aber nicht wieder raus. Dafür hat die California den kommodesten Sitzplatz von allen, sowohl für Fahrer als auch den Beifahrer. Das schönste kommt dann am Schluss: mit 19.990 Euro ist die Guzzi das Schnäppchen im Vergleich und hat dazu noch die beste Ausstattung.

02 Moto Guzzi California Touring