KTM RC390 Cup - Fahrbericht

KTM RC390 Cup - Fahrbericht


Premierenstimmung für Junior-Racer

Der ADAC Junior Cup tritt zum ersten Mal auf Viertakt-Rennern an, und auch der Hersteller der Einsatzfahrzeuge ist neu: Die jugendlichen Rennfahrer tragen die Duelle auf einer weitgehend serienmäßigen RC 390 Cup aus.

KTM, der orangene ready-to-race-Hersteller und der ADAC machen gemeinsame Sache und veranstalten in Kooperation den traditionsreichen Junior Cup. Dabei sind sich die beiden Organisatoren durchaus der Verantwortung bewusst, die eine solche speziell für den Nachwuchs konzipierte Rennserie mit sich bringt: Um die Youngster standesgemäß ans Rennenfahren heranzuführen, haben die Partner noch vor der eigentliche Saison ein viertägiges Einführungstraining im italienischen Magione organisiert. Hier haben die 27 Teilnehmer im Alter zwischen 14 und 21 Jahren, darunter auch ein Mädchen, das Racing-Schwarzbrot vermittelt bekommen. Auf dem Ausbildungsplan stand theoretischer Unterricht zu Fahrtechnik, Flaggenkunde und Verhalten an der Rennstrecke, aber natürlich auch angeleitetes Fahren auf dem 2,507 Kilometer langen und technisch anspruchsvollen Kurs. Als Instruktoren bereiteten die IDM-Superbiker Dario Giuseppetti und Michael Ranseder die Youngster auf Cup und Motorrad vor.

Das ist auch nötig, denn die neue Cup-Maschine KTM RC 390 verhält sich völlig anders als die in den letzten Jahren eingesetzte Zweitakt-Aprilia. Um den Leistungssprung zu dieser nicht zu groß werden zu lassen, sind die Cup-Bikes per Gasschieberanschlag auf 38 PS gedrosselt – das flüssigkeitsgekühlte dohc-Triebwerk der Serien-RC 390 schafft 44 PS. Weitere Unterschiede zur Serie: Die einteilige Fiberglas-Verkleidung mit höherer Scheibe ohne Blinker und Leuchten, Solositz, Ölauffangwanne, einstellbare Rasten – die ein umgekehrtes Schaltschema erlauben – und hochwertige Hebeleien, komplett einstellbares Fahrwerk und Rahmen- wie Gabelprotektoren. Rahmen und Motor bleiben unverändert, nur die Drosselklappen werden progressiv angelenkt und ein Akrapovic-Auspuff ist montiert.

Die Kosten für den Renneinsatz sind übrigens sehr überschaubar, verglichen mit dem Aufwand, den andere Rennserien verlangen. Günter Gahleitner, bei KTM mit der Leitung des Markencups zuständig, gibt Auskunft: „Die KTM RC 390 Cup mit allen Umbauteilen kostet 6500,- Euro, die Nenngebühren für acht Rennen plus Einführungslehrgang machen nochmal 2500,- Euro aus. Gaststarter, die ein Cup-Motorrad gestellt bekommen, bezahlen pro Rennen pauschal 990,- Euro.“ 

Im Anschluss an die Auftaktveranstaltung in Umbrien stand das Cup-Bike zu ersten Testfahrten bereit, und das, obwohl das Ausgangsmotorrad, die KTM RC 390, erst im Spätsommer in den Handel gelangt. Gahleitner dazu: „Für die gewünschte Umstellung auf Viertakter hat der ADAC bei KTM nach einem geeigneten Serien-Motorrad angefragt. Bei uns steckte die RC 390 als Einzylinder-Sportbike in der Pipeline. Also haben wir einige Hebel umgelegt, um einen vorzeitigen Einsatz zu ermöglichen. 2013 beim Sachsenring-GP wurde der ‚ADAC Junior Cup powered by KTM‘ schließlich vorgestellt, dieses Jahr wird das Ganze mit Leben erfüllt.“ 

Der erste Kontakt mit der RC 390 fällt für ein echtes Rennerle erstaunlich kommod aus. Anders als bei kleinen Rennmotorrädern üblich sitzt es sich auch für Normalgroße nicht so zusammengefaltet. Nach dem Druck auf den Anlasser bollert die KTM richtig erwachsen aus ihrem Akrapovic-Topf, der progressive Gasgriff lässt den Serien-Single herzhaft hochdrehen und die Sechsgangbox will mit festem Tritt bedient werden. Schon auf den ersten kniffligen Metern fallen zwei Dinge auf: Die mit 138 Kilogramm extrem leichte KTM fährt sich fast so leichtfüßig wie ein Fahrrad, und der Akrapovic verleiht dem 390er viel mehr Druck in der Drehzahlmitte als in der Duke 390, deren Motor baugleich ist. Der progressive Gasgriff erübrigt das bei der Duke noch notwendige Umgreifen beim vollen Gasaufziehen, so dass die 390er auf der langen Gegengeraden sogar fast 180 km/h rennt – was der Fahrer im Übrigen nicht sieht, denn die KTM-Jungs haben den Tacho mit einem "Ready to race"-Aufkleber abgedeckt. Kraftvoll beschleunigt der Single das mit der Serienmaschine identische Gitterrohrfahrwerk aus den langsamen Kurven, lediglich eine kleine Verzögerung beim Gasanlegen aus dem Schiebebetrieb trübt den vollgasfreundlichen Eindruck.

Das mag einem Kollegen ausgangs einer sehr engen Rechtskurve zum Verhängnis geworden sein: Das Vorderrad klappt ein, die KTM rutscht ohne mögliche Gegenmaßnahmen weg. Der Kollege rappelt sich auf, Gottseidank ist nix passiert und er kann die 390er sogar noch zurück an die Box pilotieren. Hier die Schadensbegutachtung: Bis auf den Schutzbügel des Bremshebels ist nichts wirklich kaputt. Beim Rennen würde man den gerade biegen und weiter fahren, aber da hier Fotos für die Presse gemacht werden, tauschen die KTM-Mechaniker Moritz und Zoran die Teile in der Mittagspause zwischen Hauptgang und Dessert mal eben aus.

Bei Agilität wie Dynamik macht sich die Grammfuchserei der Österreicher bezahlt, die alles abgebaut haben, was auf dem Racetrack nicht gebraucht wird: Das Rennerle wiegt lediglich 138 kg und ist damit neun Kilogramm leichter als das Serienbike. Allein 1,2 kg spart der Ausbau des ABS ein, das im Originalzustand abschaltbar ist. Ernst Bernecker vom ADAC erklärt dazu: "Die Jungs sollen das Bremsen richtig lernen, und so lange es keine Rennserie mit ABS gibt, ist dies die einzig mögliche sinnvolle Vorbereitung." Im Gegenzug stoppt die Cup-Version vorne mit einer 320er-Wave- statt herkömmlicher 300er-Scheibe, bissige Sintermetallbeläge fördern die Effektivität; Stahlflexleitungen verbessern vorn wie hinten den Druckpunkt für ein knackiges, klares Stopperlebnis, das jedem kürzeste Bremswege erlaubt. 

Hab ich jedenfalls gedacht, bis mich eingangs der ersten Rechtskurve der fliegend Tscheche Karel Hanika innen quer reinbremsend überholt. Der Strahlemannn, der am Vorabend die Torte für seinen 18. Geburtstag anschneiden konnte, soll den ADAC Youngstern als Vorbild dienen: Der Sieger des Red Bull Rookies Cup 2013 schaffte den direkten Sprung in das Red Bull KTM Ajo Werksteam, für das er in diesem Jahr schon in der Moto3 startet. Den drei Ersten des ADAC Junior Cups winkt neben Preisgeldern nämlich eine Einladung zur Sichtung des Red Bull Rookies Cup für die darauffolgende Saison mit der Möglichkeit, sich für weitere Aufgaben zu empfehlen.

Für den Autor dieser Zeilen ist dieser Zug leider längst abgefahren – zum einen ist das Verfallsdatum für den Junior Cup längst überschritten, und zum anderen hätte der mögliche Speed dafür ohnehin nie gereicht. Doch diese Cup-390er macht schon einen unbändigen Spaß, wie sie sich auf der Rennstrecke so richtig ausquetschen lässt. Es ist doch immer wieder schön zu erleben, dass es Motorräder gibt, die der Fahrer an die Grenzen bringen kann und nicht umgekehrt; als klares Indiz braucht man sich nur die Dauer und Häufigkeit eines voll geöffneten Gasgriffs anzuschauen. 

Ältere Semester oder diejenigen, die nicht unbedingt regelmäßig im Kreise rennen möchten, aber dennoch auf diesen Spaß nicht verzichten möchten, brauchen nicht zu verzweifeln: KTM zeigt sein großes Ready to Race-Herz auch Spätberufenen und bietet für echtes Racingfeeling nahezu alle Umbauteile der RC 390 im hauseigenen PowerParts-Katalog an. Jetzt muss nur noch das Serienmodell der KTM RC 390 her...

Thilo Kozik