Aprilia Caponord 1200 Travel Pack – Fahrbericht

Aprilia Caponord 1200 Travel Pack – Fahrbericht


Bis ans Nordkap und noch weiter

Die Aprilia Caponord führt bei uns ein Schattendasein. Jeder hat mal von ihr gehört, jedoch kaum einer kennt sie. Während die Gattung Reiseenduro mit all ihren Derivaten stetig wächst, bekommt Aprilia von dem Kuchen recht wenig ab. Und zwar völlig zu Unrecht, denn die Caponord 1200 hat durchaus Qualitäten. Und in der Variante Travel Pack erst recht. Davon durften wir uns auf sehr intensiven Testkilometern in den Seealpen überzeugen.

Motorradfahrer werden im Schnitt immer älter. Die Gelenke knacken, die Bandscheiben quietschen und bei so manchem (dem Autor vorneweg) ist der Tank über die Jahre dem Bauchnabel kontinuierlich näher gekommen. Da wird der heiße Ritt auf dem Supersportler schnell zum Fall für den Physio. Spätestens wenn man sich dann auf so ein hochbeiniges Teil namens Reiseenduro oder Funbike setzt und feststellt dass man damit auf kurvigem Geläuf schnell und bequem unterwegs ist, oft sogar noch schneller als mit einer Rennsemmel, beginnen die Hirnwindungen im Schädel zu arbeiten. An Hubraum und Leistung will man nicht sparen, die Auswahl ist riesig: massenkompatibel eine R1200GS kaufen? Oder lieber was fernöstliches wie eine Honda Crosstourer oder die V-Strom 1000? Schick und immer etwas anders sind ja auch die Italiener, z.B. die Multristrada 1200. Oder eben die Caponord 1200. Und mit der Aprilia beschäftigen wir uns nun mal etwas näher.

Aprilia sieht die Caponord eher als komfortablen Sporttourer denn als Reiseenduro. Die Optik geht zwar in diese Richtung, allerdings sind 17-Zöller mit 120er Reifen vorne und 180er hinten ganz deutlich auf Straße und nicht aufs Gelände ausgelegt. Der Begriff komfortabler Sporttourer trifft es dann auch wirklich recht gut. Die Ergonomie passt perfekt. Die Sitzbank ist sehr angenehm gepolstert und sorgt auch auf einer 400 Kilometer-Tour für ein entspanntes Hinterteil. Dazu passen Lenker- und Fußrastenposition perfekt. Es sitzt sich sehr entspannt auf der Caponord, dennoch ist man gut ins Fahrgeschehen integriert.  Der Oberköper ist durch die verstellbare Scheibe gut vor dem Fahrtwind geschützt, bis zum Helm reicht es auch in der höchsten Einstellung nicht. Dafür bleibt man von Verwirbelungen verschont.

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Antriebsseitig werkelt ein 1.197 Kubik großer V2 in der Caponord. Dieser sorgt mit 125 PS bei 8.000 Umdrehungen und 115 NM bei 6.800 für ordentlich Druck und damit sehr standesgemäßen Vortrieb. Aprilia hat dem V2 die mittlerweile übliche Armada an elektronischen Helferlein mit gegeben. So ist die Caponord mit drei Fahrmodi ausgestattet: Sport, Touring und Regen. Wir sind ausnahmslos im Touring-Modus unterwegs gewesen. Der bietet die volle Leistung bei angenehm weichem Ansprechverhalten und bleibt weitgehend Lastwechselfrei. Das war nicht immer so, hier hat sich Aprilia die Kritik zu Herzen genommen und deutlich nachgebessert. AB 2.500 – besser noch ab 3.000 Umdrehungen kann getrost der Gashahn auf Durchzug gestellt werden, dann stürmt die Italienerin los als gelte es vor Balotelli davon zu laufen. Um die 5.000 Umdrehungen spürt man ein leichtes Leistungsloch, das man spätestens ab 6.000 wieder vergessen hat. Dann schiebt der V2 fast in Sportlermanier zum Angriff auf den Begrenzer.

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Und da Motorradfahren eine sehr emotionale Angelegenheit ist, kriegt der V2 von uns die volle Punktzahl auf der Emotions-Skala. Wieso? Weil er nicht nur drückt und schiebt wie ein wilder Stier, sondern auch so klingt. Kein V2, nicht einmal der Testastretta der Multistrada ballert derart und im wahrsten Sinne des Wortes geil aus dem Endtopf. Das gelingt schon dem Serientopf recht gut, ist aber bei dem am Tester montierten Arrows-Dämpfer eine echte Symphonie der V2-Klangwelten. Tief, wirklich tief bollernd mit hohem Bass-Anteil bis hin zu wildem Hämmern bei hohen Drehzahlen. Lässt wirklich keinen kalt. Wahrscheinlich auch nicht die Nachbarschaft. Da könnte die Emotion kippen. Was soll’s, freundschaftliche Beziehungen zu den umliegenden Anwohnern werden manchmal auch überschätzt. Die Gänsehaut bei jeder Beschleunigung ist ein mehr als befriedigender Ausgleich. 

Kommen wir zu weniger gefühlsbetonten Komponenten. Das Getriebe zum Beispiel. Tut genau dass was es soll. Die 6 Gänge lassen sich einfach und weitgehend lautlos einlegen. Soweit so gut. Die Übersetzung ist allerdings weniger gelungen. Die Caponord 1200 ist grundsätzlich etwas zu lang übersetzt. So nimmt man enge Kehren besser in Gang 1, ist insgesamt eher einen Gang tiefer unterwegs als man es von der Konkurrenz gewohnt ist. Tut dem Spaß aber keinen Abbruch. Denn neben dem fulminanten Antrieb mit seiner Soundkulisse sorgt auch das Fahrwerk für Freude.

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Die Variante Travel Pack der Caponord beinhaltet nämlich das ADD (Aprilia Dynamic Damping) genannte semiaktive Fahrwerk. Dieses regelt Dämpfung, Druck- und Zugstufe sowie am Heck zusätzlich noch die Federvorspannung elektronisch. An der Gabel kann die Federvorspannung manuell angepasst werden. Der Fahrer kann zwischen unterschiedlichen Beladungszuständen wählen (Ein- oder Zweipersonen, mit/ohne Gepäck) oder nimmt gleich die automatische Variante, die sämtliche Einstellung selbstständig übernimmt. Auf den ersten Kilometern waren wir genau in dieser Einstellung unterwegs. Sehr komfortabel, aber an der Front bei schnelleren Passagen etwas zu weich. Daher wechselten viele in 2 Personenbetrieb um das Fahrwerk etwas straffer zu bekommen. Die bessere Variante fanden wir bei unserem ersten Stopp. Wir haben die Federvorspannung an der Gabel etwas erhöht und sind wieder in den Automatik-Modus gewechselt. Nach wenigen Metern erkennt die Elektronik die straffere Einstellung an der Gabel und passt auch das Heck entsprechend an.

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Und schon passt die Einstellung wirklich wie die Faust aufs Auge. Bei sportlichem Angasen angenehm straff, dennoch mit hohen Reserven. So werden selbst üble Buckelpisten mit hohem Tempo genommen ohne dass es den Fahrer vom Sitz hebt. Das Feedback ist dennoch hervorragend, nie fühlt man sich entkoppelt. Im Gegenteil, gerade bei schneller Fahrt tut das Fahrwerk genau das was man möchte. Hält die Räder auf dem Asphalt und dämpft selbst üble Schläge weitgehend aus, alles in Bruchteilen einer Sekunde. Was dass für die Fahrt bedeutet? Man kann sich getrost voll und ganz auf die Linie konzentrieren und die eigenen Grenzen ausloten. Der breite Lenker sorgt für einfaches Handling, egal ob enge Kehren oder Wechselkurven. Trotz immerhin 265 Kilo Gewicht lässt sich die Caponord 1200 geradezu um die Ecken schmeißen. Und davon bieten sie Seealpen schier endlose Varianten. Die Auffahrt zum Col de la Bonette zementiert dann auch endgültig das Grinsen in die Gesichtern der Testgruppe. Und ein größeres Kompliment kann man der Caponord im Grunde genommen nicht machen.