Yamaha XVS1300 Custom

Yamaha XVS1300 Custom


Nippon Customized

Soll noch einer sagen die Kollegen aus Fernost kriegen in Sachen Chopper nur langweilige Massenware hin. Die XVS1300 Custom ist der lebende Gegenbeweis. Pflegt einen eigenen Style mit Knick in Rahmen und Auspuff. Mit Verlaub: für eine Japanerin im Serientrimm ist das schon echt gewagt.

Echt knackig schaut sie aus, die XVS1300 Custom aus dem Hause Yamaha. Wer grundsätzlich was gegen diese Gattung Motorräder hat oder diese auf die bewusste amerikanische Marke reduziert, wird damit nix anfangen können oder vielmehr wollen. Wir sind da offener: uns gefällt die Yamaha wirklich gut. Das große Vorderrad steht vorne noch weiter ab als gewohnt und bestimmt die Optik. Mit dem 21-Zöller und einem 120er Reifen drehen die Japaner ein recht großes Rad. Vorne hoch, hinten extrem tief und ein bisschen breit – so lässt sich die Sache am besten beschreiben. Im wuchtigen Heck verbirgt sich ein recht breiter Schlappen mit den Maßen 210/40 R18. Alles in allem vielleicht nicht ganz so radikal wie ehemals Hondas VTX1300 CX, dafür aber mit 10.995 Euro ein echtes Schnäppchen. Zum Vergleich: eine VN1700 Classic kostet 14.195 Euro, eine Harley-Davidson Street Bob kommt auf 14.695 Euro.

Yamaha XVS 1300 Custom 03

Auf die XVS1300 Custom steigt man eher ein statt auf. Gefühlt kratzt das Steißbein den Asphalt, tatsächlich liegen 670 mm dazwischen. Die tiefe Sitzkuhle bringt den Fahrer bequem unter und der untere Rückenbereich erfährt auf längeren Strecken ausreichend Unterstützung. Die Fußrasten sind arttypisch weit vorne angebracht, glücklicherweise nicht zu weit. Selbst kurzbeinige Zeitgenossen können Schaltung und Bremse einwandfrei bedienen. Ähnliches gilt für den Lenker, der kommt dem Fahrer nämlich mächtig entgegen und sorgt somit für eine entspannte, Chopper-typische Sitzposition. Bedienelemente und Schalter sowie Instrumente sind japantypisch einfach und auf hohem Niveau. Durch die Unterbringung der Instrumente auf der Gabelbrücke liegen diese gut im Blickfeld. Die Verarbeitung ist gut und durchweg hochwertig – die Materialwahl weniger. Fast alle Anbauteile sind aus Kunststoff, da fragt man sich schon wo das üppige Gewicht von 293 Kilo vollgetankt herkommt.

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Der Antrieb ist ein alter Bekannter. Er ist in ähnlicher Ausführung im Schwestermodell XVS1300A verbaut. Der flüssigkeitsgekühlte V2 schöpft aus 1.304 Kubik 72 PS bei niedrigen 5.500 Umdrehungen. Für das maximale Drehmoment von 103 NM reichen sogar bescheidene 3.000 Umdrehungen. Der V2 leistet sich dabei exakt das korrekte Maß an Lebensäußerungen. Vibrationen sind vorhanden, aber jederzeit erträglich. Der Sound ist dumpf und nicht zu laut. O.k., er könnte doch ein Tick vernehmlicher sein, alles in allem ein gelungener Kompromiss. Die Eckdaten mit ordentlich Newtonmeter und 5 Gängen lassen Trecker-ähnlichen Antritt und viel Power im Keller vermuten. Die Realität sieht leider etwas anders aus. Genug Leistung ist grundsätzlich vorhanden, allerdings nicht dort wo man sie vermutet. Denn die XVS1300 Custom ist zu lange übersetzt. Genauer gesagt: es fühlt sich an als hätte Yamaha einfach den ersten Gang weggelassen. Man ist immer ein Gang höher unterwegs als man es mit einem solchen Motorrad gerne hätte. Den engen Kreisverkehr nimmt man besser im ersten Gang und innerhalb geschlossener Ortschaften sollte der dritte vermieden werden. Dann ruckt die Yamaha heftig und schlägt aufs Gemüt. Also die Gänge besser länger halten, dann schiebt die XVS schön an und bollert dumpf aus den Knick-Töpfen. Die Gasannahme ist recht harsch, teilweise sind die Lastwechsel recht heftig. Das Getriebe schaltet sich etwas hakelig und mitunter auch geräuschvoll.

Yamaha XVS 1300 Custom 02

Dennoch kann die XVS1300 Custom begeistern. Lässige Sitzposition, V2-Bollern – entschleunigen ist angesagt. Die Pole-Position sollen sich andere sichern. Auf der XVS genießt man die Gegend, nimmt sich Zeit, entspannt und schlägt sich den Alltag aus dem Kopf. Bis die ersten Unbillen des bundesdeutschen Straßenbaus kommen. Denn die Yamaha ist recht straff abgestimmt und gibt grobe Schläge ein gutes Stück an den Fahrer weiter. Dafür verkneift sie sich lästige Schaukeleien und hält tapfer die eingeschlagene Linie. Easy-Handling sollte man mit dem großen Vorderrad und dem breiten hinteren Schlappen nicht erwarten, aber die Yamaha lässt sich insgesamt einfach und berechenbar fahren. Wer meint den Sportler im Chopper finden zu müssen, wird spätestens von den früh aufsetzenden Fußrasten und der Bremse eingefangen. Die einsame Scheibe am Vorderrad braucht für nennenswerte Verzögerung nämlich unbedingt die Unterstützung der hinteren Scheibe. Selbst dann muss noch ordentlich zugelangt werden. Wer gleich mit Bärenkräften in die Eisen steigt, sollte vorsichtig sein. Die XVS1300 Custom muss ohne ABS auskommen.

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