Kawasaki Versys 1000 – Fahrbericht

Kawasaki Versys 1000 – Fahrbericht


Der zweite Frühling

Selten trifft der Begriff Facelift so zu wie im Falle der Versys 1000. Die war schon immer grundsätzlich gut zu fahren aber fürchterlich anzuschauen – einfach grottenhässlich. Daher ist sie mit gerade einmal 2 Jahren schon zum Schönheits-Doc geschickt worden. Das Face ist jetzt wahrhaftig geliftet und gleich noch ein paar andere Macken beseitigt. Operation gelungen – Patientin fährt gut und ist dabei noch hübsch anzuschauen.

Die wichtigste Änderung bei der Versys 1000 ist so offensichtlich wie die Brust-OP von Pamela Anderson. Kawasaki hat der Versys endlich eine knackige Ansicht verpasst. Sportliche Front mit Doppelscheinwerfer im Style der Z1000SX. Passt sehr gut und gefällt ungemein, zumindest uns. Leider brennt auch hier nur ein Scheinwerfer, Einauge lässt grüßen. Wieso dies so ist und nicht beide Augen blinzeln dürfen, konnten uns auch die Ingenieure aus Japan nicht plausibel erklären. Im Gegensatz zu so mancher Hollywood-Schönheit kann die Versys 1000 auch nach dem Eingriff die Stirn noch bewegen. Das Windschild lässt sich jetzt (ohne Werkzeug) insgesamt 75 mm in der Höhe verstellen, immerhin 35 mm mehr als bisher. Doch wo Hollywood-Beauties beim Doc auch Pfunde lassen, kamen im Fall der Versys 1000 ein paar dazu: 250 Kilo vollgetankt gibt Kawasaki an, immerhin 11 Kilo mehr als bisher.

Das Thema Komfort und Tourentauglichkeit stand scheinbar ganz oben im Lastenheft für das Facelift. Der Lenker ist jetzt 20 mm höher montiert, sowohl Brems- als auch Kupplungshebel sind jetzt einstellbar. Um den Fahrer möglichst vibrationsfrei zu Betten, sind sowohl Motor als auch Lenker Gummi-gelagert. Einen deutlichen Fortschritt gibt es am Heck zu vermelden. Das optionale Koffersystem ist jetzt direkt am Heckrahmen aufgehängt und damit deutlich besser in das Fahrzeug integriert. Sowohl Koffer als auch Topcase lassen sich nun mit dem Zündschlüssel bedienen, bis dato war immer ein zusätzlicher Schlüssel für Koffer und für Topcase notwendig. Das Topcase hat ein Volumen von 47 Litern und schluckt bei Bedarf 2 Integralhelme, die Koffer haben jeweils 28 Liter und Platz für einen Helm. Für sicheren Stand und eine einfache Kettenpflege sorgt der serienmäßige Hauptständer. Wer unbedingt möchte, kann seine Versys 1000 noch mit weiteren Features ausstatten: LED-Nebelscheinwerfer, Handprotektoren, Griffheizung, Ganganzeige, Bordsteckdose, Sturzpads und mehr. Preislich beginnt der Spaß bei 12.190 Euro.

Eindruck Versys 1000

Ein sehr angenehmes Motorrad war sie ja schon immer. Die Überarbeitung hat auch jenseits der Front positive Spuren hinterlassen. Der Fahrer sitzt noch aufrechter, der höhere Lenker sorgt für eine absolut entspannte Sitzposition. Die Sitzbank hat Sofa-Qualitäten, der Kniewinkel ist sehr angenehm. Die Instrumente sind unverändert, die Bedienung ist eingängig. Die Testmaschine ist mit allerlei Zubehör ausgestattet. Handprotektoren, Ganganzeige und Griffheizung funktionieren tadellos, hinterlassen aber irgendwie einen faden Beigeschmack. Sie wirken so wie sie halt sind: nachträglich dran gebaut und nicht wirklich ins Bild passend. Die Ganganzeige beispielsweise leuchtet grell in Rot und wirkt eher wie eine Warnleuchte. Ein anderes Bild ergibt sich beim Gepäcksystem. Die Koffer sind perfekt ins Fahrzeug integriert und lassen sich ohne großes Getue an- und abbauen. Zusammen mit dem Topcase ergibt sich enormer Stauraum. Wenn man ohne das Geraffel unterwegs ist, erinnert lediglich die Topcase-Platte an das Gepäcksystem.

Kawasaki Versys 1000 14

Fahreindruck Kawasaki Versys 1000

Sollte sich je einer gefragt haben ob ein Reihenvierer in ein solches Motorrad passt, ist er/sie noch nie Versys 1000 gefahren. Der Antrieb ist über jeden Zweifel erhaben. Beispiel gefällig? Fahrt mal mit einer 1200er GS, einer Multistrada oder auch einer Honda Crosstourer im 6. Gang durch Ortschaften. Die einen werden sagen geht erst gar nicht, die anderen maximal geht – macht aber keinen Spaß. Die Kawasaki läuft ohne Mucken selbst im letzten Gang mit Standgas durch die Käffer und schiebt am Ortsausgang dennoch unglaublich souverän aus dem Drehzahlkeller. Im Falle der überarbeiteten Versys 1000 leistet der Reihenvierer bei unveränderten 1.043 Kubik jetzt 120 PS und drückt 102 NM auf die Straße. Die vibrationsmildernden Maßnahmen zeigen durchaus Wirkung, allerdings finden ab 5.500 Umdrehung doch Schwingungen über Tank und Sitzbank den Weg zum Fahrer. Es ist allerdings erstaunlich wie selten man sich in diesen Drehzahlregionen aufhält. Dank des bulligen Antritts bei niedrigen Drehzahlen schaltet man entsprechend früh hoch, ist oft im 6. und letzten Gang unterwegs. Das Getriebe kommt schaltfaulem Fahren auch entgegen, die Schaltbox an unserer Testmaschine ist hakelig und braucht immer etwas Nachdruck.

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Den Fahrspaß stört dies nicht im Geringsten. Die Auslegung der Versys 1000 ist sehr komfortabel. Dank Verstellmöglichkeiten an Front und Heck findet man schnell seine persönliche Wohlfühlzone. Wer es komfortabel möchte, wird mit echtem Sänftenkomfort um die Ecken getragen. Wer lieber sportlich unterwegs ist, stellt die Versys entsprechend straffer ein. Damit bietet die Kawa ein sehr breites Einsatzspektrum: taugt sowohl für die ganz lange Tour als auch für die zügige Hatz um die Ecken. Ein wesentlicher Wohlfühlfaktor ist dabei der Antrieb. Der Schub im Drehzahlkeller ist einfach der Hammer und verleitet zu einer sehr ruhigen und dabei durchaus sehr zügigen Fahrweise. Hohe Drehzahlen sind auch kein Problem, braucht man aber einfach nicht. Selbst wenn die Kehre enger wird als gedacht, zieht der Reihenvierer die Versys auch im 3. Gang um noch so enge Radien.  Trotz des gestiegenen Gewichts lässt sich die Kawa handlich um die Ecken bringen, der breite Lenker ist da die perfekte Unterstützung. Die Gabel war im Vorgängermodell etwas störrisch im Ansprechverhalten, dies hat sich mit der Überarbeitung erledigt. Sie Front spricht jetzt deutlich besser an und vermittelt ein gutes Gefühl für das Vorderrad. Das Einlenkverhalten könnte dennoch präziser ein, Lenkbefehle werden gefühlt etwas träge umgesetzt.

Kawasaki Versys 1000 03

Fahrerausstattung: Helm X-Lite X-802R, Jacke & Hose Büse ADV STX