Aprilia Caponord 1200 Rally - Fahrbericht

Aprilia Caponord 1200 Rally - Fahrbericht


Querfeldein zum Nordkap

Adventure ist schwer angesagt. Bis dato hat Arpilia den Begriff strikt gemieden. Die Caponord sei ein Sporttourer, hat mit Abenteuer nix am Hut. Damit ist es jetzt vorbei. Die neue Caponord 1200 Rally trägt die Schotterpiste ja quasi schon im Namen. Aber reichen die Änderungen um einen Sporttourer zu einem Adventure-Bike zu machen? bikerszene.de hatte auf Sardinien Gelegenheit sich von den Abenteuer-Qualitäten der Caponord Rally zu überzeugen.

Wie schon vermutet hat auch die Caponord 1200 Rally mit dem Abenteuer so viel gemein wie ein 4-Rad-Fullsize-SUV mit der Paris-Dakkar. Wer wirklich auf Abenteuer aus ist, sucht sich keinen 250-Kilo-Plus-Hobel aus, egal ob der nun R1200GS, 1290 Super Adventure oder eben Caponord Rally heißt. Zwar sind Speichenräder grundsätzlich geländetauglicher und ein 19-Zöller an der Front ebenfalls. Aber die Reifendimensionen 120/70 19 vorne und 170/60 17 hinten lassen doch eher die Straße als Einsatzgebiet vermuten. Gleiches gilt für die Bereifung Metzeler Tourance Next. Die können zwar auch Feldweg, sind aber mit gutem Gripp auf der Straße mehr On- als Offroad. Es zählt also einmal mehr das Gefühl man könnte – wenn man denn wollte (und tatsächlich könnte). Neben dem genannten 19-Zöller an der Front kommen noch weitere Abenteuer-Attribute hinzu: Handschützer, Motorschutz, deutliche größeres und verstellbares Windschild und LED-Zusatzscheinwerfer. Traktionskontrolle, semiaktives Fahrwerk, Zweikanal-ABS, 3 unterschiedliche Mappings, Koffersatz und ein Tempomat sind ebenfalls serienmäßig an Bord. Das alles für 16.390 Euro inklusive Nebenkosten. Nicht wirklich ein Schnäppchen, aber auch kein Wucher.

Aprilia Caponord Rally 09

Als erstes fällt die hohe Sitzposition auf: 840 mm sind nicht ohne, zumal sich der Sitz nicht in der Höhe einstellen lässt. Der Lenker ist sehr breit und relativ flach montiert, die Fußrasten angenehm tief angebracht. So ergibt sich eine sehr entspannte, aber wenig fahraktive Sitzposition. Der Windschutz der deutlich breiteren und höheren Scheibe ist bereits in der tiefsten Stellung recht gut. Ganz oben entwickelt die Scheibe allerdings Turbulenzen am Helm. Die Bedienung ist ein Thema für sich. Das Fahrwerk wird über (unbeschriftete) Knöpfe direkt an den Instrumenten verstellt, die Mappings über den Starterknopf. Problemlos wenn man weiß wie es geht, aber in keiner Weise selbsterklärend. Davon abgesehen sind die Instrumente mit Gang- und Tankanzeige weitgehend komplett und vor allem recht gut ablesbar.

Antrieb Caponord 1200 Rally: ein alter Bekannter

Der seidenweich laufende V2 stemmt satte 125 PS und noch stämmigere 115 NM aus 1.197 Kubik. Wie schon im Schwestermodell Caponord Travel Pack leidet die Leistungsentfaltung etwas unter der deutlich zu langen Getriebeübersetzung. Beispiel gefällig: bei 100 km/h liegen gerade einmal 4.000 Umdrehungen an, allerdings im 4. Gang. Der 6. bleibt im Landstraßeneinsatz komplett arbeitslos. Will man zügig unterwegs sein, ist man eher im 2. oder 3. Gang unterwegs und nutzt das sehr breite Drehzahlband. Durch den fast vibrationsfreien Motorlauf und die stets sehr gute und sanfte Gasannahme hat man dabei niemals das Gefühl die Maschine zu quälen. Überhaupt sind schlechte Manieren dem V2 völlig fremd. Er nimmt selbst bei niedrigen Drehzahlen ruckfrei Gas an, lässt es aber außerhalb seines Wohlfühlbereichs etwas an Vortrieb missen. Begleitet wird dies von einem herrlichen V2-Sound, es bollert und trompetet aus dem seitlichen Endtopf als sei Schalldämpfung in Italien unbekannt. So sehr dies im ersten Moment Spaß macht, so nervt es auf Dauer. Die Caponord Rally ist schlicht und einfach deutlich zu laut. Wir sind übrigens vor allem im Tour-Modus unterwegs. Die einzelnen Modi lassen sich per Druck auf den Starterknopf verstellen. Wie üblich ist der Rain-Modus in Leistung und Vehemenz der Gasannahme begrenzt. Tour hat die volle Leistung bei einem sanften Gaseinsatz, Sport volle Leistung und spontanem Leistungseinsatz.

Aprilia Caponord Rally 13

Fahrwerk Caponord Rally mit semiaktiver Dämpfung

Die Caponord Rally ist mit einem semiaktiven Fahrwerk ausgerüstet. Die Hardware kommt dabei aus dem Hause Sachs, die Software steuert Aprilia zu. Grundsätzlich regelt das System die Dämpfung an Heck und Front automatisch. Dabei verzichtet Aprilia auf die bei der Konkurrenz üblichen Voreinstellungen wie Komfort, Normal und Sport. Laut Aprilia ist dies nicht notwendig, da die Software für jeden Fahrbahnzustand in Kombination mit dem vom Fahrer gewünschten Fahrbefehlen immer die optimale Lösung bereithält. Da hintere Federbein lässt sich noch je nach Beladungszustand (mit Beifahrer, Gepäck, Beifahrer und Gepäck) in der Vorspannung elektronisch einstellen. Als Clou überwacht die Software den Beladungszustand und übernimmt die Vorspannung voll automatisch. An der Gabel wird die Vorspannung manuell eingestellt. Am Heck funktioniert dies alles ausgezeichnet. Die Hinterhand ist wunderbar ausbalanciert und wirkt weder bretthart noch zu soft. Tatsächlich hat das System auf die meisten Fahrbahnzustände die passende Antwort.

Aprilia Caponord Rally 06

An der Front sieht dies leider anders aus. Die Dämpfung ist zwar ähnlich gut, aber die Feder ist viel zu lasch. Als Folge ergibt sich ein diffuses Einlenkverhalten, lässt es die Caponord Rally an Feedback für die Straße vermissen. Dazu gesellt sich ein unangenehmes Aufstellmoment. Das Motorrad richtet sich nicht komplett auf, sondern zieht über die Gabel nach oben. Nicht schön. Ohnehin ist flinkes Handling nicht die Stärke der Caponord, sie will mit Nachdruck in Schräglage gebracht werden. Also schnell das Werkzeug gezückt und an der Gabel die Vorspannung deutlich erhöht. Der Effekt ist bereits auf den ersten Metern spürbar. Die Caponord lenkt jetzt präzise ein und man hat endlich ein gutes Gefühl für das Vorderrad. Auch die Aufstellneigung beim Bremsen in Schräglage hat deutlich abgenommen und ist leichter beherrschbar. Die geringen Einbußen an Komfort nimmt man für diesen Fortschritt gerne in Kauf. Wer es sportlich mag, stellt auch im Solobetrieb die Vorspannung am Heck auf Soziusbetrieb mit Gepäck. Dann kommt das Heck etwas nach oben, die Aprilia lässt sich etwas handlicher bewegen und kratzt später mit den Fußrasten. Der Komfort ist auch dann noch auf einem guten Niveau.

Fahrerausstattung: Helm X-Lite X-551 GT, Jacke & Hose Okovango II