Ducati Multistrada 1200 2015 – Fahrbericht

Ducati Multistrada 1200 2015 – Fahrbericht


Upgrade der gelungenen Art

Ducati präsentiert für das Modelljahr 2015 eine komplett neue Multistrada 1200. Etwas mehr Leistung und eine Menge Elektronik sollen dazu beitragen die Erfolgsgeschichte des anfänglich hässlichen Entleins fort zu schreiben und die zusehends nachrüstende Konkurrenz auf Abstand halten. Bikerszene durfte beide Versionen auf Lanzarote bereits fahren.

Sagte da jemand was vom hässlichen Entlein? Hallo? Die Multistrada 1200 hat sich längst zum schönen Schwan entwickelt, speziell die S-Version in Weiß gefällt sehr gut. Mit Graus und Gänsehaut erinnern wir uns an das erste Modell – optisch Nahe am Fiat Multipla auf 2 Rädern. Also schnell wieder auf die aktuelle Version konzentrieren. Die kommt in 2 Versionen auf den Markt. Die Multistrada 1200 ist mit 16.490 Euro auf den ersten Blick kein Sonderangebot. Fasst man allerdings die komplette Ausstattung ins Auge, relativiert sich der Preis und man will den Begriff „Basismodell“ nicht wirklich in diesem Zusammenhang verwenden. Die 1200er hat alles an Bord was die Hexenküche der Herren Ingenieure zu bieten hat. Mehrstufige Traktionskontrolle, Whellie-Kontrolle (ebenfalls mehrstufig), Kurven-ABS (man darf raten: natürlich mehrstufig), 4 Mappings Sport, Touring, Enduro und Urban, verstellbare Scheibe, verstellbarer Fahrersitz und neuerdings noch ein Tempomat. Das Fahrwerk ist komplett einstellbar, die Farbe Rot sollte gefallen, es ist die einzig mögliche. Die Multistrada 1200 S ist 2.000 Euro teurer und kommt damit auf 18.490 Euro. Sie ist dann allerdings auch mit dem Skyhook genannten, semiaktiven elektronischen Fahrwerk, LED-Scheinwerfern mit Kurvenlicht, nochmals besseren Bremsen und einem hochwertigen TFT-Instrument ausgestattet. Farblich hat man die Wahl zwischen dem bekannten Rot und Weiß. Letztendlich braucht sich die Multistrada also nicht vor dem Klassenprimus R1200GS zu verstecken. Obwohl die Kampfansage aus Bayern ja in Form der S1000 XR bereits in den Startlöchern steht. Auf den Vergleich freuen wir uns bereits jetzt.

Ducati Multistrada 1200 S Touring Pack 01

Motor Multistrada 1200 – deutlich zahmer aber noch immer bissig

Fans der Marke schätzen den kernigen Charakter der V2-Antriebe. Viel Feuer oben raus, da kann man gerne fehlende Manieren im Drehzahlkeller verschmerzen. Dumm nur wenn diese Charakteristik es einem schwer macht neue Kundschaft zu gewinnen. Fahrbarkeit und Alltagstauglichkeit stehen daher ganz oben im Lastenheft. Ein Problem mit dem sich die Kollegen von KTM auch herumschlagen mussten und es im Falle der 1190 Adventure und Co auch erfolgreich gelöst haben. Wer jetzt Bedenken ob der Leistungsfähigkeit hat, kann schnell beruhigt werden. 160 muntere Pferde sorgen ebenso für flotten Galopp wie die 136 Nm für ordentlich Zug an der Kette. Nun war schon die Vorgängerin der Multistrada für Ducativerhältnisse ein deutlicher Gewinn in Sachen Alltagstauglichkeit. Dennoch betreibt Ducati mit der variablen Ventilsteuerung DVT einen sehr hohen Aufwand dies weiter zu verbessern. Dies ist im Wesentlich gut gelungen. Der V2 läuft mechanisch deutlich leiser als bisher und legt im Konstantfahrbetrieb nie geahnte Qualitäten an den Tag. Niedrige Drehzahlen unter 2.500 Umdrehung sind auch weiterhin nicht seine Stärke, allerdings schüttelt er sich heute nur etwas unmutig wo er einem früher gefühlt die Antriebskette um die Ohren gehauen hat. Auch der Sound hat noch immer Gänsehaut-Qualität ohne Aggressionspotential bei der Nachbarschaft zu wecken.

Dies setzt sich auch bei den Mappings fort. Mit der alten Multistrada 1200 waren wir meistens im Touringmodus unterwegs. Der bot gutes Ansprechverhalten und war deutlich angenehmer als der aggressive Sportmodus. Auch in der aktuellen Version verspricht Ducati im Touringmodus volle Leistung bei sanftem Leistungseinsatz. Dieser geriet allerdings sehr sanft. Fast hat man das Gefühl der Gasbefehl wird verzögert umgesetzt. Ist dieser Gedenkmoment dann rum, schlägt der V2 umso vehementer zu. Alles in allem nicht wirklich harmomisch. Also in den Sportmodus. Der hat die frühere Vehemenz abgelegt und präsentiert sich als unsere erste Wahl. Jeder Dreh am Gasgriff wird spontan umgesetzt, die Leistungseinsatz erfolgt vehement aber gut kontrollierbar. Wer den Eindruck hat, Ducati hat den Antrieb der Multistrada 1200 etwas weich gespült, liegt nicht falsch. Der Performance ist weiterhin über jeden Zweifel erhaben, jedoch deutlich weicher verpackt. Das zwar insgesamt gut so, aber wir haben eine große Bitte an Ducati: nicht weiter überarbeiten. Lasst dem V2 noch genug von seiner Rauheit, seinem Charakter. Er soll weiterhin Italiener bleiben.

Fahreindrücke Multistrada 1200 – wenn wir das wüssten …

Lanzarote ist ein wunderschönes Eiland mit bizarren Lavalandschaften und sehr annehmbaren Temperaturen zum kalendarischen Frühlingsbeginn. Dummerweise ist es nicht wirklich eine Trauminsel in Sachen Motorradfahren. Um es kurz zu machen: Gelegenheiten die Multistrada 1200 mal so richtig von der Leine zu lassen und damit um die Ecken zu fliegen, haben sich kaum geboten. Also müssen wir uns das konzentrieren was möglich war. Die Sitzposition ist sehr gut. Trotz mindestens 825 mm Sitzhöhe hat man dank des schmalen Schrittbogens einen guten Stand. Langbeinige montieren die Bank auf 845 mm. Ja montieren, einfach umstecken ist leider nicht.  Die Fahrersitzbank ist hinten breiter geworden und sehr komfortabel. Der breite Lenker ist wie bisher recht nah am Fahrer positioniert und liegt sehr gut in der Hand. Der Kniewinkel ist entspannt, der Platz für die Füße ist ausreichend, aber nicht üppig. Links nimmt die Ferse mit dem Haupständer Kontakt auf, rechts mit dem Auspuff. Die Instrumente sind sehr gut ablesbar, einen Vorteil des schickeren Displays der S-Version haben wir nicht entdecken können. Die Startprozedur ist wie bisher etwas gewöhnungsbedürftig. Der Zündschlüssel verbleibt weiterhin in der Hose, ein neuer Schalter aktiviert die Zündung und das Display. Der Startknopf liegt weiterhin unter dem Killschalter, wird von diesem allerdings nicht mehr verdeckt. Ein Druck darauf lässt den Starter etwas mitleiderweckend jaulen bevor der V2 dann doch bollernd seine Arbeit aufnimmt.

Man fühlt sich vom ersten Meter an wohl. Der V2 bollert vernehmlich und schiebt richtig gut an. Dabei lässt er sich bei Ortsdurchfahrten Drehzahl- und Nervenschonend problemlos im 3. Gang bewegen. Jenseits der 50 km/h verwöhnt das problemlos verstellbare Windschild (gerne auch während der Fahrt) mit gutem Windschutz, sorgt allerdings ausgerechnet in der niedrigsten Stellung für Verwirbelungen am Helm. Die Multistrada fühlt sich im Vergleich zur Vorgängerin ein ganzes Stück handlicher an. Sie lenkt williger ein und will mit weniger Nachdruck in Schräglage gebracht werden. Einen wesentlichen Unterschied zwischen Standard- und S-Version konnten wir nicht er-fahren, was mehr an fehlenden Gelegenheiten als den Fahrwerken selbst lag. Die Abstimmung scheint bei beiden sehr gelungen, ist tendenziell straff ohne die Fahrerknochen zu malträtieren. Ein spürbares Plus ist allerdings bei den Bremsen der Multistrada S zu vermelden. Die Brembo Monoblöcke packen noch bissiger zu und liefern den besseren Druckpunkt. Wobei auch die Multistrada ohne S sich hier keine Blöße gibt.

Ducati Multistrada 1200 2015 05

Beide hatten jedoch so ihre Problemchen mit der Elektronik. So hatte unser Tester über den Tag verteilt 3 Mal während der Beschleunigung einen 1-2 sekündigen Leistungsverlust. Die Maschine nahm einfach kein Gas an, besann sich dann aber wieder und nahm die Arbeit auf als sei nichts gewesen. Bei anderen Motorrädern verabschiedete sich das Abblendlicht für einige Minuten, ein Kollege hat während eines Wheelies einen Seitenkoffer verloren. Wir sind sicher, die neue Multistrada 1200 ist wieder eine Kurvenfeile die einem die Augen leuchten und das Gesicht grinsen lässt. Wir hatten leider keine Gelegenheit dies zu prüfen. Die kleinen Vorserienmängel sind sicher schnell behoben. Wir werden uns ebenso sicher schnellstmöglich einen Tester zwecks ausführlicher Erprobung zulegen.

Fahrerausstattung: Helm X-Lite X-802R Ultra Carbon, Jacke Stadler Supervent II Pro, Hose Stadler Ace II Pro