Kawasaki Ninja H2 / H2R - Fahrbericht

Kawasaki Ninja H2 / H2R - Fahrbericht


Ritt auf der Kanonenkugel

Wahnsinn! Das ist surreal, ich komme mir gleichzeitig vor wie Baron von Münchhausen auf der Kanonenkugel und wie auf der Kommandobrücke der USS Enterprise bei Warp 10: Rechts und links zoomen die Tribüne und die Boxengasse geradezu vorbei auf der 1068 Meter langen Start-Zielgeraden des Losail Circuit in Katar, und der Bremspunkt für die folgende Rechts nähert sich im Affentempo – klar, dass sich in einem solchen Moment niemand traut, auf dem Tacho die wahnwitzige Höchstgeschwindigkeit abzulesen. Das haben die Entwickler dieses Geschosses namens Kawasaki Ninja H2R natürlich gewusst, weshalb sie im Cockpit eine Memory-Funktion implantiert haben, mit der man nachher in aller Ruhe das schnellste erzielte Tempo einer Session abrufen kann.

Sorry, das musste jetzt erst einmal raus, denn so unter Strom stand ich schon lange nicht mehr, und das Adrenalin muss ja irgendwie abgebaut werden. Mit noch leicht zittrigen Fingern auf der Tastatur können wir jetzt aber zum informativen Teil übergehen: Kawasaki war schon immer für Motorräder mit einem speziellen Ruf bekannt, das hat sich der japanische Motorradhersteller durch so legendäre Modelle wie die 1969 vorgestellte H1 500, die H2 750 Mach IV und die Z1, beide 1972, und die GPz900R von 1984 erworben. Das Jahr 2015 markiert den nächsten Paukenschlag in dieser Reihe: Mit der Ninja H2 und der nur für die Rennstrecke gebauten Ninja H2R bringen die Grünen kompromisslose Motorräder mit Kompressoraufladung auf den Markt, die seit den Herbstmessen im Brennpunkt von Medien und Motorradfahrern stehen.

Kawasaki Ninja H2: radikal, radikaler, Ninja H2R: am radikalsten!

Mit dem ersten Rollout auf der Strecke von Losail in Katar, wo am 29. März die MotoGP mit dem ersten Rennen in die Saison 2015 startet, lüften die Grünen den Schleier um ihr Prestigeobjekt. Unheimlich präsent nimmt die Kawasaki die Boxengasse mit ihrer futuristischen Andersartigkeit in Besitz – wo Supersportler mit windschlüpfigen Vollverkleidungen fast uniform daherkommen, beeindruckt die H2 mit einem innovativen Fahrwerksdesign, das einen grünen Gitterrohr-Stahlrahmen und die erste Einarmschwinge bei Kawasaki hervor bringt. Vollends radikal wird der Look durch die kantige Kohlefaser-Verkleidung mit reflektierendem Hochglanz-Chromlack, den riesigen doppelläufigen Schalldämpfer und das luftige Heck mit dem knappen Einzelsitz. Noch radikaler treibt es die Ninja H2R: Die Verkleidungsteile sind aus Kohlefaser und anstelle des Scheinwerfers ragt der zweifache Ram-Air-Einlass nach vorn. Die Voll-Titan-Auspuffanlage mündet in einem megaphonartigen Schalldämpfer und gibt den Blick auf die tolle Sternfelge am Hinterrad frei, statt Spiegeln prangen zwei von der Schwesterfirma Kawasaki Aerospace entworfene Winglets an den Seiten.

Wird das H2-Kompressor-Triebwerk angelassen, vervollständigt die eigenständige Akustik mit charakteristischem Lader-Zwitschern das besondere Erlebnis. Hier arbeitet ein flüssigkeitsgekühlter 998 cm3 Reihenvierzylinder mit dem gleichen Hub-Bohrungsverhältnis wie in der ZX-10R, von einem hinter der Zylinderreihe zentral platzierten Kompressor zwangsbeatmet. Sämtliche Komponenten der Kompressortechnologie hat Kawasaki übrigens selbst entwickelt und gefertigt – hier nutzt die vergleichsweise kleine Motorradsparte das Knowhow der Gasturbinen- und Luftfahrtsparten sowie der Technologieabteilung, auch die aerodynamischen Spiegelstreben entstammen der Kooperation mit der Luftfahrtabteilung Kawasaki Aerospace.

Antrieb Ninja H2 und Ninja H2R: Teilchenbeschleuniger aus Fernost

Der in einem Alugehäuse untergebrachte, nach dem Zentrifugalprinzip arbeitende Lader wird über ein Planetengetriebe direkt von der Kurbelwelle angetrieben. Dabei erhöht das Planetengetriebe die Drehzahl des Verdichterrads auf das 9,18-fache der Kurbelwellendrehzahl, bei Höchstdrehzahl des Motors (ca. 14000/min) dreht sich das Verdichterrad fast 130.000mal pro Minute! Die Pumpkapazität des Laders überschreitet 200 l/s (bei Luftdruck gemessen), wobei die Ansaugluft Geschwindigkeiten von bis zu 100 m/s erreicht. Nach Durchströmen des Laders ist die Ansaugluft auf das 2,4-fache des Umgebungsdrucks „aufgeladen“. Damit pumpt die neue Ninja H2 200 PS bei 11.000/min ans fette 200er Hinterrad, mit entsprechender Staudruckaufladung durch den Fahrtwind sind sogar 210 PS möglich. Noch imposanter fällt das Drehmomentmaximum von 133,5 Nm bei 10.500/min aus.

Kawasaki Ninja H2-09

Grundsätzlich sind Aufbau und Komponenten beider H2-Versionen identisch, wobei die primäre Entwicklung auf dem potenteren Aggregat der H2R lag – die dort gewählten Materialien, Wandstärken und Verstärkungen halten den Druck des H2-Antriebs spielend aus. Abgesehen von den Nockenwellen, Zylinderkopfdichtungen und der Kupplung ist der Motorblock mit dem der Ninja H2R identisch. Was kaum zu glauben ist, wenn man diesen Treibsatz zündet: Augenblicklich herrscht MotoGP-Atmosphäre, die H2R brüllt infernalisch aus dem Einzelrohr, ohne Kopfhörer ist das Mark und Bein erschütternde Gebrüll nicht auszuhalten. Lohn des akustischen Infernos ist eine Mustangherde von unfassbaren 310 Pferden bei 14000/min und eine fast erdrückende Drehmomentflut von 165 Newtonmetern bei 12500/min. Nimmt man den leistungssteigernden Effekt des Ram-Air Systems hinzu, galoppieren 326 PS über den Asphalt!!!

Fahreindruck Kawa Ninja H2 und H2R – wenn das Motorrad zur Kanonenkugel wird

Was sich so beeindruckend liest, fährt sich auf der Strecke nicht minder faszinierend. Den tiefgreifenden Eindruck der Durchzugsrakete H2R habe ich ja am Anfang schon dargelegt, dieses Erlebnis euphorisiert in unermesslicher Weise – selbst gestandene Zweirad-Kollegen, sonst um keinen Spruch verlegen, stammeln nach ihrem Turn nur was von „Wahnsinn“, „du glaubst des ned“ und Ähnliches. Alle setzen den Helm mit dem gleichen verzückten Gesichtsausdruck ab, zugleich sprachlos, freudig lächelnd und immer noch ungläubig guckend.

Auf dem flüssig gesteckten Kurs in der katarischen Wüste beschleunigt die Kawa aus mittleren Drehzahlen bis an den Drehzahlgipfel, als gäbe es kein Morgen – natürlich in der R-Version atemberaubend, doch wären wir diese nicht gefahren, hätte die Ninja H2 schon mächtig Eindruck gemacht. Der Zusatzschub durch den Kompressor macht den Vierzylinder drehfreudig und gleichzeitig enorm durchzugsstark. Dank Schaltautomat flutschen die sechs Stufen des Dog-Ring-Getriebe besonders präzise und leichtgängig in Eingriff und sorgen für eine wunschgemäße Kraftübertragung ans Hinterrad; für die Kupplung selbst ist erstaunlich viel Handkraft vonnöten. Gleich zwei Ausgleichswellen bescheren dem Triebling einen kawa-untypisch weichen Motorlauf bei einer gefühlt mit der Drehzahl überproportional ansteigenden Leistungsexplosion. 

Zur Anpassung der Motorcharakteristik steht neben dem Normal- nur ein Regenmodus zur Verfügung, der die Höchstleistung des Motors um die Hälfte kappt und Gasgriffbefehle deutlich zurückhaltender umsetzt. Im Standardtrimm spricht der H2-Motor dagegen über Gebühr hart an, was das Gasanlegen in Schräglage mit einem gewissen Spannungsmoment versieht und oft zum Abweichen von der gewählten Linie führt. Das haben die Kawa-Ingenieure ganz bewusst so gestaltet, um dem Fahrerlebnis „mehr Würze“ zu geben – etwas weniger hätte es auch getan.

Kawasaki Ninja H2R-03

Beispielsweise so wie in der Ninja H2R: Wesentlich sanfter geht diese Waffe ans Gas und entwickelt ihren brachialen Druck je nach Handgelenksstellung. Klar, dass ich hier erstmal eine ganze Ecke vorsichtiger am Gas zupfe, doch die Traktionskontrolle funktioniert  tadellos, am Kurvenausgang wird überschüssiges Drehmoment wirkungsvoll eliminiert. Je nach Ambitionen können alle H2-Fahrer aus drei Betriebsarten – Rennstrecke, Straße, rutschiges Geläuf – auswählen, die einen zunehmend stärkeren Eingriff bewirken und jeweils drei Ansprechempfindlichkeiten zur Wahl stellen, um das Ausmaß des Eingriffs zu programmieren. Insgesamt gibt es also neun Einstellmöglichkeiten. Für den Rennstreckenbetrieb ist die Reduzierung des recht starken Motorbremsmoments zudem sinnvoll, was sich ebenfalls elektronisch anwählen lässt.

Damit rast die Kawa geschmeidig über den makellosen Wüsten-Asphalt und biegt neutral und erstaunlich leichtfüßig in die Ecken. Hätte man der 238-Kilo-Wuchtbrumme namens Ninja H2 diese Agilität am wenigsten zugetraut, so kann die satte 22 Kilo leichtere H2R hier nochmal nicht einen, sondern gleich drei drauflegen. Beim Tempobolzen auf der Start-Zielgeraden bietet der Solositz dem nach hinten gerutschten Fahrer-Po seitliche Führungspolster, was der Stabilität sehr zuträglich ist. Dass die mit der H2 erzielbaren Geschwindigkeiten von rund 280 km/h keine Schweißausbrüche unterm Helm hervorrufen, liegt am ausgezeichneten Stoppwerk Marke Brembo und den ausgeklügelten aerodynamischen Details, die auch in Extremsituationen besten Fahrbahnkontakt fördern. Die Vierkolben-Festsattelzangen mit Radialpumpe lassen sich glasklar dosieren und agieren bei Bedarf brachial effektiv, ohne dass das implantierte ABS zu früh die sportliche Verzögerung und die ruhige Lage stört.

Ein wenig anders geht es auf der Top-Ninja zu. Aus der letzten Ecke nimmt die Grüne mit Macht Anlauf in Richtung Ende, lupft aber über eine kleine Welle bei Tempo 220 km/h ungeniert das Vorderrad, was den Adrenalinausstoß anfangs enorm erhöht. Doch daran gewöhnt man sich fast mit zunehmender Fahrdauer, denn der elektronisch angesteuerte Lenkungsdämpfer von Öhlins beruhigt die Front recht bald wieder und es heißt klein machen auf der Suche nach der schnellsten Zeit. Davon abgesehen wird das Fahrwerk mit den neuen KYB-Federelementen auf dem pottebenen Asphalt vor keine nennenswerten Herausforderungen gestellt. Zwar arbeitet das Heck beim forschen Angasen aus tiefer Schräglage ein wenig, doch zwei Klicks mehr Druckstufe am Federbein stellen alles wieder ruhig.

Beim Kleinmachen hinter die Verkleidung auf der Geraden bleiben Sekundenbruchteile, um sich an der ausgeprägten Detailliebe und der außergewöhnlich guten Verarbeitung zu erfreuen. Allein der Blick auf die eigenständige Hightech-Instrumentierung im Kampfjet-Stil kann anmachen: Der analoge Drehzahlmesser ist dunkel, nur der von der Nadel zurückgelegte Bereich wird illuminiert und die LCD-Anzeige beherbergt einen „Boost Indicator“, der den steigenden Ladedruck visualisiert – das kann sonst kein Motorrad.

Kawasaki Ninja H2-19

Trotz aller Begeisterung für die neue Dynamikwelt – warum hat Kawa der Ninja H2 nicht etwas mehr als die 200 PS erlaubt, die sie von der aktuellen Supersportler-Fraktion BMW S1000 RR, Aprilia RSV, Ducati 1299 und Yamaha YZF-R1 noch stärker unterschieden hätte? Und warum gibt es von Hause aus nichts anderes als das Brüllrohr für die Ninja H2R, mit dem sie auf keiner Rennstrecke Deutschlands wird fahren dürfen – auf eine Wildcard beim MotoGP wird wohl niemand hoffen dürfen?

Ungeachtet dieser geradezu ketzerischen Fragen wird das besondere H2-Erlebnis ohnehin nicht vielen Motorradfreunden vergönnt sein – Kawa bringt zunächst lediglich 50 Ninja H2 zum Stückpreis von 25.000 Euro und fünf Exemplare der 50.000 Euro teuren Ninja H2R-Modelle nach Deutschland. Und wer unbedingt wissen will, was der Autor auf seinem Höllenritt in den Vmax-Speicher gebrannt hat, darf die Ram-Air-PS-Zahl mit km/h versehen...

Text: Thilo Kozik

Fotos: Kawasaki