Harley-Davidson Street Glide – Fahrbericht

Harley-Davidson Street Glide – Fahrbericht


Modern Classics

Auch bei Harley-Davidson ticken die Uhren im Takt moderner Zeiten. Die Street Glide aus der Touring-Reihe ist dafür ein gutes Beispiel. Wenn sich gesetzliche Vorgaben ändern, muss sich halt auch ein Kultobjekt bewegen. Es war sogar von wassergekühlten Varianten bereits die Rede! Hardcorefans bekommen Schnappatmung – wir genießen solange die Qualitäten der Street Glide.

Das in USA Marketing quasi erfunden wurde, durfte die Gemeinde bei der letzten Überarbeitung der Touringmodelle erfahren. Vom Projekt Rushmoore war da die Rede und das Infotainment nennt sich jetzt Boom-Box und was sonst nicht alles. Wir haben die aktuelle Street Glide auf dem Hof stehen und auf den ersten Blick ist sie glücklicherweise auch gleich als solche zu erkennen. Der zweite Hingucker erkennt dann doch die eine oder andere Änderung. Da ist zum einen die neue Instrumentierung und besagte Boom-Box. Wir nennen es einfach mal Radio und Navi. Jetzt deutlich moderner mit Blauzahn und allem Drum und Dran. Und noch genauso kompliziert zu bedienen wie eh und je. Die weißen Rundinstrumente sind dafür wunderschön und lassen sich gut ablesen. Vom Radio mal abgesehen, geht die Bedienung grundsätzlich in Ordnung und ist weitgehend intuitiv. Auf der Autobahn ist der Tempomat ein angenehmer Begleiter, die neu gestaltete Scheibe lässt sich per Lüftungsklappe hinterströmen. Damit zieht der Fahrtwind nicht ganz so extrem auf die Augen wie früher.

Harley-Davidson Street Glide 07

Überhaupt sitzt man als Fahrer sehr bequem. Der breite Sattelt schmeichelt dem Allerwertesten, die Füße stehen bequem auf den Trittbrettern, die Arme umarmen über den breiten und hohen Lenker den Horizont. Das gefällt einem oder halt nicht – bequem ist es in jedem Fall. Und langstreckentauglich. Ein Fall für Zwei ist auch die aktuelle Street Glide nicht. Der schmale und nach hinten abfallende Soziusplatz ist nur etwas für ganz kurze Strecken oder Sado-Maso-Fans. Für Freunde der Zweisamkeit hat Harley-Davidson ja bekanntermaßen noch einige Alternativen im Programm. Der Stauraum der beiden Koffer ist daher auch eher etwas für Singles. Die Form verhindert eine optimale Beladung, für das Gepäck einer Person sollte es allemal reichen.

Beilbt noch der Preis. Mindestens 25.995 Euro will der Händer für die Street Glide haben. Mit allerlei Zubehör kann man den Preis noch nach oben treiben. Kleiner Trost: der Wiederverkaufswert ist in der Regel recht hoch.

Antrieb Harley-Davidson Street Glide: es bollert und geht ordentlich voran

Der V2 dürfte für viele Fans der ausschlaggebende Grund sein eine Harley fahren zu wollen. Und immer wenn man denkt dem betagten Triebwerk muss es so langsam an den Kragen gehen, zaubern die Herren aus Milwaukee eine neue Version aus dem Hut. Wobei man mit der Formulierung „neu“ vorsichtig umgehen muss. Denn das Grundkonzept bleibt weitgehend unberührt – bis jetzt. Anbauteile und innere Werte werden allerdings tatsächlich ständig modernisiert. So produziert der 1.690 Kubik große V2 mittlerweile 87 PS bei 5.010 Umdrehungen. Das stämmige Drehmoment von 138 Newtonmetern liegt bereits bei 3.500 Umdrehungen an. Dabei ist erstaunlich wie kultiviert der V2 seine Arbeit verrichtet. Lediglich beim Start schüttelt sich der Antrieb heftig im Gebälk um danach im Stand die Fuhre sanft zu schaukeln. In Fahrt ist von Vibrationen nichts zu spüren.

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In der Magengegend kribbelt es dennoch. Denn die Street Glide schiebt in allen Lagen sehr souverän nach vorne. Dabei sorgt vor allem das sehr vernehmliche, typische Harley-Bollern für das Wohlbefinden des Fahrergemüts. Der Gasgriff wird zum Taktstock, der V2 zum Orchester. Und da sich die Wahrnehmung aus unterschiedlichen Faktoren zusammensetzt, hat der Sound wahrscheinlich mehr Anteil an der Schubwahrnehmung als man denkt. Ein positiver Nebeneffekt ist dabei die nicht mehr vorhandene Scheu vor hohen Drehzahlen. Bei hohen Drehzahlen reden wir wohl gemerkt von so um die 4.500 Umdrehungen. Bei Überholvorgängen lässt man da mal den kleineren Gang drin und hat nicht gleich das Gefühl der V2 schlägt einem gleich die Innereien um die Ohren. Wobei im Alltag die Gänge 4, 5 und 6 fast immer genügen. Der dicke V2 schiebt und drückt ab Standgas, und bollert dabei halt so schön. Aber das hatten wir ja schon. Das Getriebe funktioniert unauffällig, ab und an klackt und klongt es, aber wer will ihm das übelnehmen.

Fahreindrücke Street Glide: Zügig Gleiten statt sportlich Rasen

Wer denkt mit einer Harley-Davidson kann man nur geradeaus fahren, war noch nicht mit einer Street Glide unterwegs. Natürlich gibt es Harleys die nicht wirklich für Kurvengeschlängel gemacht sind, nachzulesen im Test der Softail Breakout. Die Street Glide ist da aus anderem Stahl geschmiedet. Nein, sie hat keine sportlichen Ambitionen und wird auch nicht zum GS-Schreck. Sie kann dennoch auch die zügige Art der Fortbewegung. Man muss sich halt darauf einstellen. Feedback vom Fahrwerk sollte man dabei allerdings nicht viel erwarten. Das Vorderrad ist weit vorne und damit fern jeder Wahrnehmung, das Hinterrad hat mit den knappen Federwegen zu kämpfen. Allerdings hat Harley-Davidson die Dämpfung entdeckt. Denn wo das Vorderrad früher noch in jede Bodenwelle gefühlt reingeplumpst ist, wird dies jetzt dank strafferer Dämpfung besser absorbiert. Gleiches gilt für die Hinterhand. Früher eher ein Objekt zum Aufschaukeln, heute spürbar verbessert. Zumindest solange die Straße in einigermaßen ordentlichen Zustand ist.

Harley-Davidson Street Glide 21

Die Trittbretter setzen der schrägen Fahrzeugführung weiterhin enge Grenzen. Allerdings kann man sich damit recht ordentlich arrangieren. Die Linienwahl etwas angepasst und die Kurven flüssig mit Zug am Gas umrunden – schon ist man erstaunlich schnell unterwegs. Hektisches Bremsen und abrupte Lenkmanöver bringen die Street Glide nur aus dem Tritt. Man wird also auch hier nicht vom Gejagten zum Jäger, aber so manchen Möchtegern-Großwildjäger kann man mehr als überraschen. Also lieber einen Gang hochschalten, den V2 bollern lassen und die Trittbretter vom Asphalt fern halten. Dann massiert die Street Glide die Seele, fühlt man sich bei um die 110 Sachen sauwohl und lässt anderen gerne den Vortritt. Die Boom-Box ist da schon längst verstummt. Das V2-Bollern verdrängt den Boxensound ins Nirvana – und das ist gut so.

Fahrerausstattung: Helm Shark Evoline 3, Jacke Vanucci Nubuk Leder, Hose Büse Jeans Kevlar