Yamaha YZF-R3 - Fahrbericht

Yamaha YZF-R3 - Fahrbericht


Sandwich-R für die Mittelklasse

Bei Yamaha steht das R bekanntlich für die Supersportler der Marke: Angeführt von der faszinierenden YZF-R1 rangiert der 600er-Supersportler YZF-R6 darunter, für Einsteiger gibt es die beliebte YZF-R 125. Die neue YZF-R3 schließt die letzte Lücke im Supersport-Programm.

Die Japaner füllen damit die große Leistungs- und Preislücke zwischen der 12.595 Euro teuren und 124 PS starken 600er und dem 15-PS-Leichtkraftsportler für 4395 Euro mit der rundherum neu entwickelten Sandwich-R, der YZF-R3 – diese bietet einen 42 PS starken Reihenzweizylinder und kostet 5395 Euro. Natürlich fügt sich die Neue rein optisch nahtlos in die rassig gestylte Familie ein. Wie die Geschwister zeigt die R3 eine geduckte Front mit hohem Heck, die dynamische Linie wird von der aerodynamisch ausgefeilten Verkleidung noch betont. Vorn macht die spitz zulaufende Nase mit den beiden schräg nach hinten auslaufenden Scheinwerfern einen aggressiven Eindruck, überhaupt wirkt das ganze Motorrad sehr erwachsen und vollwertig. 

Trotz der supersportlichen Proportionen hält dieser Eindruck auch dem Aufsitzen stand. Obwohl das Polster in erdverbundenen 780 Millimeter Höhe angebracht ist, fühlt man sich nie eingeengt, im Gegenteil: Die oberhalb der oberen Gabelbrücke montierten Lenkerstummel, die flache Sitzkontur und der schmale Knieschluss bieten selbst Menschen über 185 cm eine bequeme Unterbringung, die so gar nicht supersportlich ausfällt. Auf der R3 kann man es gut und gerne den ganzen Tag ohne Rücken- oder Nackenschmerzen aushalten.

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Antrieb Yamaha YZF-R3: 42 Pferde aus 321 Kubik

Für den Mittelklassesportler haben die Entwickler einen vollkommen neuen Motor erdacht, der so noch nie in einem Yamaha-Fahrzeug seinen Dienst tat: Einen flüssigkeitsgekühlten Reihenzweizylinder mit besonders kurzhubig ausgelegten 321 cm3 Hubraum – dem sportlichen Fahrerlebnis mit hoher Drehfreude wegen. Maximal leistet der Vierventiler 42 PS und knapp 30 Newtonmeter Drehmoment, die unerwartet harmonisch über das gesamte Drehzahlband versammelt sind. Ein sehr kurz abgestufter erster Gang des geschmeidig und exakt bedienbaren Sechsganggetriebes und die leichtgängige Kupplung erleichtern das Anfahren, und schon ab 6000 Touren entwickelt der Twin verwertbaren Schub. Auch darunter lässt er sich ohne Murren ans Gas nehmen, doch richtige Freude entwickelt der Motor erst mit steigender Drehzahl: Bis über 12.000/min dreht das Aggregat freudvoll und leichtfüßig nach oben mit sehr harmonischem Schub, der nie hinterlistig, aber stets gut spürbar einsetzt. Etwaige Vibrationen eliminiert eine Ausgleichswelle sehr effektiv, selbst bei 13.000 Umdrehungen benimmt sich der Motor noch höchst anständig. Das schafft die aktuelle Konkurrenz nicht. Wie druckvoll der 321er die R3 tatsächlich antreibt, zeigt eine lange Bergaufpassage: Klein gemacht hinter der durchaus wirksamen Scheibe steigen die Ziffern des Digitaltachos immer weiter an, bis bei 175 km/h ein ausscherender LKW zum Abbremsen gemahnt.

Fahreindrücke YZF-R3: leichtfüßig und stabil

Mit solchen Geschwindigkeitsorgien hat das Basis-Fahrwerk der Yamaha mit nicht einstellbarer Telegabel, Stahlschwinge mit Zentralfederbein und einem robusten Gitterrohrrahmen keine Probleme – nichts wackelt, keine Stabilitätsschwäche trübt den Auftritt. Doch auch wenn sich die R3 aufs Autobahnbolzen versteht, ihre wahre Bestimmung findet sie auf den gewundenen, erfreulich verkehrsarmen Landstraßen im Hinterland der Costa Daurada. Hier flitzt die gerade mal 169 Kilo leichte Yamaha über den Asphalt, dass Sportfans ihr Glück kaum fassen können. Dank der handlingfreundlichen Reifendimensionen mit schmalem 140er-Hinterreifen biegt die R3 spielerisch in die Ecken, folgt dem kleinsten Lenkimpuls aufs Wort und begeistert mit einer Agilität, die jeden „großen“ Supersportler vor Neid erblassen lassen dürfte. Denn: Dieses Mittelklassegefährt beweist, dass nicht nur Beginner, sondern auch versierte Zweiradtreiber mit vergleichsweise kleinen 42 PS einen Heidenspaß haben können. Und dass potente Bikes auf diesen Landstraßen vermutlich keinen Deut schneller unterwegs sind, dabei aber viel mehr Stress produzieren.

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Bei der Fahrwerksabstimmung haben sich die japanischen Testfahrer um einen guten Kompromiss aus Stabilität und Komfort bemüht, heraus gekommen ist eine für den normalen Alltagseinsatz gelungene Mischung. Nur auf extrem engagiert gefahrenen Abschnitten mit welligem Belag macht sich die komfortable Ausrichtung im leichten Pumpen von hinten bemerkbar. Doch wer mit der YZF-R3 beispielsweise an Rennstreckentrainings teilnimmt, wird erstens die Michelin Pilot Street-Pneus gegen griffigere austauschen und zweitens Geld für andere Federelemente investieren. Und ganz sicher die Bremsbeläge gegen giftigere wechseln, denn die Stopper sind selbst für Anfänger noch eine Spur zu defensiv ausgelegt – dafür tragen sie ja ein serienmäßiges ABS. 

Diese Kritikpunkte treten besonders beim gnadenlosen Angasen über den Circuit de Calafat zu Tage, wenngleich die Streckenkenner dem 300er dermaßen die Sporen geben, dass selbst hochwertigere Komponenten ins Schwimmen geraten. Doch auch für hier gilt: Es macht einfach viel mehr Laune, den Motor bis an den roten Bereich ausquetschen zu können, als nur darüber nachzudenken, wie weit ich das Gas denn nun öffnen kann ohne vom Bock zu fallen.

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An der übrigen Ausstattung gibt’s aber nichts zu meckern oder zu verbessern. Das sehr sportlich geschnittene Cockpit bietet neben dem dominanten Drehzahlmesser in der LCD-Anzeige reichlich Informationen bis hin zum Kraftstoffverbrauch, viele kleine Details wie das LED-Rücklicht oder die klappbaren Sport-Fußrasten und der niedrige Stummelauspuff lassen die YZF-R3 richtig hochwertig wirken – viel wertiger jedenfalls, als es der schmale Preis von 5395 Euro vermuten lässt.