MV Agusta Turismo Veloce 800 - Fahrbericht

MV Agusta Turismo Veloce 800 - Fahrbericht


Flotter touren mit Stil

MV Agusta, die traditionsreiche italienische Motorrad-Schmiede, erfindet sich gerade neu. Das legt zumindest der Eintritt in ein völlig neues Segment nahe: Mit der Turismo Veloce 800 wagen sich die für ihre 75 WM-Titel berühmten Italiener erstmals in den Touring-Sektor. Und beweisen nebenher eindrucksvoll, dass Motorräder in diesem Bereich nicht von Natur aus langweilig aussehen müssen, das zeigt die MV selbst bei montierten Seitenkoffern.

Nicht nur Motorrad-Ästheten geraten beim Anblick der zahlreichen Details ins Schwärmen: In die Handprotektoren integrierte LED-Blinker, ein farblich abgesetzter Gitterrohrrahmen und der markante Dreifach-Schalldämpfer machen schon was her. Und auch das steil aufragende Heck der MV mit integrierten Haltegriffen und zweiteiligen LED-Rückleuchten, die formschöne Einarmschwinge und die am Kennzeichen-Träger montierten LED-Blinker betö-ren das Auge geradezu. Nicht ganz so schlüssig wirkt dagegen die Front mit dem höhenver-stellbaren Windschild und hufeisenförmigem LED-Tagfahrlicht.

Passend für kleine wie große Fahrer ist die Sitzposition: Hat man einmal den mit 850 Millimetern mächtig hohen Fahrerplatz geentert, bietet er großzügige Platzverhältnisse bei sehr gutem Knieschluss, einen aufrechten Oberkörper und dank der schmalen Kontur auch für weniger Geübte einen sicheren Stand. Das straffe Polster liefert gute Rückmeldungen und einen Sitzkomfort, an dem auch nach 250 Tages-Testkilometern nichts auszusetzen ist – hier verweilt man gern für länger.

Antrieb MV Agusta Turismo Veloce – erstärkter Drilling mit Kraft im Keller

Neben der neu gezeichneten, eigenständigen Optik hat MV auch den bekannten Dreizylinder-Motor dem neuen Einsatzweck angepasst. Über geänderte Nockenprofile, neue Kolben sowie ein angepasstes Ansaug- und Abgassystem mit speziell für dieses Bike entwickelten Mappings macht der 798 Kubikzentimeter große Drilling flotte 110 PS bei 10.000 Touren locker. Stärker noch wirkt sich das auf 83 Newtonmeter gesteigerte und deutlich früher anliegende Drehmoment-Maximum bemerkbar. Damit ergibt sich eine sehr gleichmäßige Leistungsentfaltung mit Druck in allen Drehzahllagen, die vom Könner goutiert wird und dem Neuling durch seine Berechenbarkeit viel Vertrauen schafft.

MV Agusta Turismo Veloce 16

Fast ab der Leerlaufdrehzahl lässt sich der Dreizylinder selbst im fünften Gang ans Gas neh-men - der sechste ist eher als Overdrive für lange Verbindungsetappen konzipiert. Drehfreude, Durchzug und Antriebskultur sind tadellos, selbst in hohen Drehzahlregionen stören keinerlei Vibrationen. Lediglich recht laute mechanische Geräusche trüben den Fahrgenuss. Für Tou-renfahrer wichtig: Optimierte Motorinnereien wie ein hydraulischer Steuerkettenspanner ver-längern die Wartungsintervalle des MV-Dreizylinders von 6000 auf 15000 Kilometer; der Zündkerzenwechsel und die Ventileinstellung stehen sogar nur alle 30 000 Kilometer an.

Dank des elektronischen Ride-by-Wire-Systems lässt sich die Charakteristik des Aggregats über drei vorkonfigurierte Modi beeinflussen: "Sport" bietet volle Brause bei direkter Gasgriff-Umsetzung, "Touring" liefert 90 PS und eine sanftere Gasannahme, "Rain" kappt die Leistung auf 80 PS samt weichem Ansprechverhalten. In der vom Fahrer definierbaren "Custom"-Option lassen sich alle hinterlegten Parameter kombinieren. Dazu zählen Gasannahme, Drehmomententfaltung und Maximalleistung, Einsatz des Drehzahl-Begrenzers, Motorbremse und natürlich die achtfach einstellbare Traktionskontrolle. In der Praxis geschieht dies einmal, dann wählt der Turismo-Pilot immer nur die jeweils benötigte Variante.

MV Agusta Turismo Veloce 09

Fahreindruck Turismo Veloce – italienisch Sprinten statt Nordic Walking

Bei trockenen Bedingungen wie bei der Testfahrt wird die Sport-Einstellung gewählt, damit die MV zeigen kann, was sie drauf hat. Und das ist eine Menge: Befeuert vom ausgezeichneten Triebwerk begeistert die Tursimo Veloce als agiles, wieselflinkes Kurvensuchgerät. Mit einem Trockengewicht von 191 Kilogramm und einer sehr handlingfreundlichen Geometrie nimmt die Italienerin ihren sportlich vorderradorientiert platzierten Fahrer an die Hand und macht das kurvige Geläuf im Hinterland der Cote d'Azur zum kurzweiligen Vergnügen. Anfangs wirkt sie etwas nervös um die Lenkachse, doch schnell stellt sich ein großes Vertrauen ein: Leichtfüßig und mühelos kippt die MV in weite wie enge Radien, durcheilt Spitzkehren und beschleunigt vehement auf den wenigen Geraden dazwischen. Hier macht sich der Schalt-Assistent positiv bemerkbar, der das Hoch- und Runterschalten ohne Kupplung erlaubt. Das funktioniert ganz ausgezeichnet.

MV Agusta Turismo Veloce 04

Vor der nächsten Kurve fangen die gut dosierbaren Vierkolben-Festsattel-Stopper die Italo-Braut wieder zuverlässig ein, das serienmäßige ABS ist dazu auf der sicheren Seite angelegt und greift relativ früh ein. Der markante Rahmen aus Gitterrohr- und Leichtmetall-Gussteilen vermittelt ein direktes und dennoch stabiles Fahrverhalten. Die nicht zu straff abgestimmten Federelemente liefern gute Rückmeldungen, ohne den Komfort aus den Augen zu verlieren. Nur die Aufstelltendenz der Pirelli-Pneus beim Bremsen in Schräglage ist kritikwürdig.

MV Agusta Turismo Veloce 15

Bei der Ausstattung herrscht italienische Üppigkeit wie beim Vier-Gänge-Menü: Drei Bordsteckdosen, USB-Ladeports, höhenverstellbare Scheibe, großer 22-Liter-Tank, Rutschkupplung und ein umfangreiches, leider überfrachtetes farbiges TFT-Display - samt Bluetooth-Kopplung für Handy und Gegensprechanlagen - gehören zum Serienangebot. Die eleganten Seitenkoffer dagegen nicht, und das stört den ambitionierten Tourenfahrer schon; in die 30-l-Behälter passt je ein Vollvisierhelm, Kostenpunkt: 900 Euro.