BMW R1200RS Fahrbericht

BMW R1200RS Fahrbericht


Boxer-Sport

Wenn man genau hinsah, konnte man im Boxerprogramm bei BMW eine kleine Lücke erkennen. Einen Tourensportler hatten die Münchener nämlich nicht mehr im Programm. Die neue R1200RS komplettiert dann auch die Riege der Bayern-Boxer und ist dabei alles andere als ein Lückenfüller.

Tourensportler haben bei BMW eine lange Tradition. Die Herren von BMW beanspruchen gar das Segment mit der R100RS in den 70ern begründet zu haben. Warum sie es dann solange nicht besetzt haben, wollten sie uns nicht verraten. So mancher war nicht traurig als die R1200ST zu Grabe getragen wurde. Was die Designer geraucht hatten als diese Zyklopen-Front erdacht wurde, bleibt wohl auf immer verborgen. Eines ist sicher, sie hatten das Zeug von den Kollegen die den Fiat Multipla erdacht hatten. Damit hat die neue R1200RS zum Glück nichts am Hut. Denn die ist richtig gut gelungen. Schaut auf den ersten und auch zweiten Blick gut aus. Uns gefällt sie sogar ausgesprochen gut, speziell in der Lackierung Weiß/Blau. 

Technisch basiert der Tourensport-Boxer auf  der nackten R1200R. Motor, Rahmen, Fahrwerk bleiben weitgehend unangetastet. Die Sitzbank ist jedoch 30 mm höher und der Lenker etwas tiefer positioniert. Da die Fußrasten an der gleichen Stelle verbleiben, ist die Sitzposition in Sachen Kniewinkel auf der RS um einiges entspannter als bei der Nackerten. Wem diese Variante zu hoch ist, kann bei Bestellung ohne Aufpreis eine tiefere Sitzbank ordern. Bei Bedarf auch eine noch höhere. Wer dies später tut, zahlt Aufpreis. Wie üblich ist unsere Testmaschine bis unter die Halskrause mit allerlei Optionen ausgestattet.

BMW R1200RS 07

Zum Basispreis von 13.500 Euro kommen damit für das Touringpaket (Dynamic ESA, Tempomat, Bordcomputer Pro, Hauptständer, Kofferhalter, Tempomat, Gepäckbrücke und Navi-Vorbereitung) 1.430 Euro hinzu, 590 Euro für das Dynamik-Paket (Dynamische Traktionskontrolle DTC, Fahrmodi Pro, LED-Blinker und Tagfahrlicht), 400 Euro für das Comfort-Paket (Heizgriffe, verchromter Auspuff und Reifendruckkontrolle) sowie weitere 400 Euro für den sehr empfehlenswerten Schaltassistent Pro und nochmal 255 Euronen für das Keyless Ride. Macht in Summe 16.575 Euro, wohl gemerkt ohne Koffer und Navi. Aber High-Tech hat nun einmal seinen Preis, zumal die Konkurrenz von solcher Technik in der Regel noch ein gutes Stück entfernt ist.

BMW R1200RS Antrieb – Boxer mit viel Punch in der Mitte

Der Motor ist unverändert von der nackten R1200R übernommen. Dementsprechend leistet der Zweizylinder-Boxer 125 PS und schöpft 125 NM aus 1.170 Kubik. Drehzahlorgien sind bekanntermaßen nicht notwendig. Die Nennleistung liegt bei 7.750 Umdrehungen an, das maximale Drehmoment bereits bei 6.500. Das bedeutet jede Menge Druck ab 2.000 Umdrehungen. Optimal beim Herausbeschleunigen aus Kurven, dann liefert der Boxer einen unglaublichen Punch. So vehement schiebt kaum ein anderes Moped aus der Schräglage. Kurzer Dreh am Gasgriff und ab geht es. Dazu brummt der Boxer sehr vernehmlich aus dem Endtopf und untermalt den Vorgang sehr passend. Vibrationen sind kein großes Thema. Sicher spürt man den Zweizylinder, aber niemals störend.

BMW R1200RS 23

Bei der Ausstattung sollte man unbedingt beim Schaltassistent Pro ein Kreuz machen. Der ermöglicht Hoch- und Runterschalten ohne Kupplung. Hochschalten funktioniert nicht ganz so perfekt wie bei der S1000XR, liegt bei der R1200RS nicht genug Gas an, kann schon mal ein spürbarer Ruck durch die Fuhre gehen. Bei Vollgas funktioniert es allerdings tadellos. Einfach am Gas bleiben und den Schalthebel betätigen. Die Zugkraftunterbrechung ist minimal, der Gangwechsel geht blitzschnell von der Bühne. Herunterschalten klappt sogar noch besser. Einfach Gas wegnehmen und schalten. Anfangs etwas ungewohnt, nach kurzer Zeit hat man sich komplett vom Kupplungshebel entwöhnt. Den braucht man tatsächlich nur noch zum losfahren. Schöner Nebeneffekt: der sonore Plopp in der Auspuffanlage beim runterschalten. Insgesamt gefällt uns der Schaltassistent sogar besser als die manuelle Betätigung der DCT-Getriebe bei Honda. Und das obwohl Getriebe bei BMW ja eine gewisse Tradition haben.

Fahreindruck BMW R1200RS – hervorragender Allrounder für nahezu alle Fälle

Die erste Sitzprobe fällt sehr positiv aus. Der höhere Sitz und die damit verbundene Sitzposition ist deutlich angenehmer als auf der R1200R. Damit ergibt sich ein wesentlich komfortablerer Kniewinkel. Der Lenker ist etwas flacher montiert, man sitzt daher leicht nach vorne orientiert, aber noch immer aufrecht genug. Die Bedienung ist trotz maximaler Ausstattung kinderleicht. Links der Schalter mit dem Federbein-Symbol ist für das Fahrwerk, rechts ist der für die Fahrmodi. Sämtliche Einstellungen werden dann auch im Display gezeigt. Hier kann der Fahrer zwischen unterschiedlichen Layouts wählen – im Grunde unnütze Spielerei. Das Windschild lässt sich einfach verstellen, auch während der Fahrt. Einfach die Scheibe nach oben ziehen, dann kippt sie in die obere Einstellung oder nach unten drücken, dann ist sie in der flachen. Der Fahrer hat damit (je nach Körpergröße) die Wahl zwischen entlasteten Schultern (oben) oder zumindest entlastetem Oberkörper (unten). Der Helm liegt auch in der hohen Einstellung im Fahrtwind, hat aber nicht mit lästigen Turbulenzen zu kämpfen. Die R1200RS nimmt auch weiter die Rolle des Musterknaben ein. So ist die Sicht nach hinten über die an der Verkleidung angebrachten Spiegel sehr gut und auch der Beifahrer findet ein sehr kommodes Plätzchen vor.

Unsere erste Fahrt führte uns direkt 400 km über die Autobahn. Also Windschild nach oben und die Sache so schnell wie möglich hinter uns bringen. Hohe Dauergeschwindigkeiten um die 180 km/h sind völlig problemlos. Trotz hoher Scheibe und montierten Koffern liegt die R1200RS auch bei 220 km/h wie ein Brett. Auch Turbulenzen von vorausfahrenden oder überholten Fahrzeugen bringen die BMW nicht aus der Ruhe. So bringen wir die 400 km erstaunlich schnell und entspannt hinter uns. Die wahre Domäne der RS entdecken wir dann auf den Testfahrten durch den kurvigen Odenwald. Hier zieht die BMW nämlich den nächsten Trumpf: Dynamic ESA. Es ist sehr überraschend wie flink die doch recht groß wirkende RS durch den Odenwald fegt. Sie steht der nackten Schwester gefühlt in nichts nach. Im Gegenteil. Man hat durch die mehr nach vorne orientierte Sitzposition ein etwas besseres Feedback vom Vorderrad. In Verbindung mit dem spielerischen Handling ist man deutlich flinker unterwegs als man es erwartet. Das Fahrwerk steht dabei auf Dynamic mit der Vorspannung auf „Fahrer mit Gepäck“. Damit dämpft die BMW recht straff ohne dabei bockig zu wirken. Wie durch Zauberei hat sie für alle Fahrbahnoberflächen die passende Antwort parat. Dabei lenkt sie absolut präzise und bietet die bereits erwähnte gute Rückmeldung. Natürlich hat die nix mit Harry Potter zu tun. Die Muggel bei BWM haben die Sensorik und Regelung einfach sehr gut abgestimmt. 

Dazu passt der Punch des Boxers wie maßgeschneidert. Selbst enges Geläuf lässt sich in der Regel im 3. Gang fahren. Am Kurvenscheitel ans Gas und der Boxer drückt mit dieser unglaublichen Vehemenz nach vorne. Der dritte reicht auch für die kurze Zwischengerade bevor die nächste Biegung aufs Korn genommen wird. Schnelle Wechselkurven gehen ebenso leicht von der Hand, Schräglagenwechsel funktionieren ohne großen Kraftaufwand. Wird die Gerade länger, lädt man per Schaltassistent durch, vor der nächsten Kurve Gas weg und jeden Plopp im Auspuff beim Runterschalten genießen.