Honda NM4 Vultus - Fahrbericht

Honda NM4 Vultus - Fahrbericht


Fledermaus-Flügel

Love it, or hate it - die Vultus spaltet die Motorradwelt schon beim ersten Ansehen. Ganz nebenbei ist das schwarze Erschreck-mich-Mopped im Kern aber auch eine echte Honda mit hohem Alltagsnutzwert. In jedem Fall wird der gemeine Vultus-Reiter eine seltene Spezies bleiben, nach Deutschland werden dieses Jahr nur 50 Exemplare geliefert. Für uns in jedem Fall ein guter Grund, mit dem seltenen Gefährt eine Testrunde zu drehen.

Eins ist klar: Bei der ersten Ansicht des Honda NM4 Vultus denkt jeder sofort entweder an eine Westentaschen-Version des Batmobils oder eine Realität gewordene Vision aus einem japanischen Manga-Comic. Ganz gleich jedoch, ob man den Charakterkopf - Vultus heißt auf lateinsich Gesicht/Antlitz - aus Japan nun eher für ein Kunstwerk oder eine stilistisch mutige Bereicherung der Motorradwelt hält, auch dieses Bike will gefahren werden. Also schnell einen tiefen Griff in die schwarze Ecke der Kleiderkiste gemacht, denn ein Mini-Batmobil braucht natürlichauch einen Pseudo-Fledermaus-Mann als Fahrer, und los geht’s!

Honda NM4 Vultus 04

Der erste Eindruck: typisch Honda - auch bei ihrem Designobjekt haben die Ergonomie-Meister aus Fernost wieder ganze Arbeit geleistet, denn der mattschwarze Low-Rider passt großen wie kleinen Fahrern sehr gut. Wenn man die relaxte Art der Motorad-Fortbewegung bevorzugt, denn eigentlich ist die Vultus nämlich ein waschechter Mittelklasse-Cruiser auf Basis des von Honda breit eingesetzten NC-Baukastens. Unterm Strich handelt es sich also in weiten Zügen um eine Variante des braven Honda CTX, der sich zu Halloween mal so ein richtig böses Fledermaus-Kostüm geleistet hat. Allerdings hat die Vultus das aktuelle NC-Paket abbekommen und darf mit 750 Kubik an den Start gehen, während die CTX noch mit dem Führerschein-A1-freundlichen 48 PS starken 670er-Motor loschoppert. Aber zurück zum Outfit: dieses funktioniert erwartungsgemäß hervorragend, wenn es um maximalen Aufmerksamkeitswert geht, denn es gibt aktuell wohl kaum ein Fahrzeug dem bei der Vorbeifahrt so oft hinterhergeschaut und nachgezeigt wird. Auch um die spontane Kontaktaufnahme von Passanten jeder Altersstufe braucht sich der Vultus-Reiter keine Sorgen zu machen, die Honda ist sicher nichts für Sozialphobiker. Aber Honda wäre nicht Honda, wenn sie auch hier nicht an die Alltagstauglichkeit gedacht hätten: Batman und seine Nachfolger können Handschuhe und weitere Accessoires nämlich elegant in den Staufächern der ausladenden Verkleidung unterbringen, zudem lässt sich die Soziussitzbank hochgeklappt als Rückenlehne einsetzen. Das ist gleichermaßen simpel und schlau auf längeren Etappen - nicht nur auf der Autobahn, wo die breite Vultus-Verkleidung zumindest am Oberkörper für brauchbaren Windschutz sorgt. Dies ist mithin ein echtes Alleinstellungsmerkmal im Cruisersegment, wenn man dieses Zwitterwesen denn wegen Sitzhaltung und Bodenfreiheit etc. in diese Kategorie stecken möchte.

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Antrieb Honda Vultus - einTwin für Einzylinder Fans

Jenseits aller Designteile kann die NM4 ihre Großserienbasis natürlich nicht verleugnen, sie fährt sich erwartungsgemäß so umgänglich und einfach, wie man es von den bewußt einsteigerfreundlich konzipierten NC-Hondas gewöhnt ist. Wer sich mit den drehmomentorientierten, für einen Motorradmotor eher niedrigtouri-gen, Motorenkonzept anfreunden kann wird mit der unaufgeregten Art der flach eingebauten 750-Kubik-Twins (55 PS Leistung) sicher glücklich werden. Der Langhuber-Twin schiebt druckvoll aus niedrigen Drehzahlen an und dreht sauber aus - bis bei knapp 7000 Umdrehungen bereits der Begrenzer eingreift. Mithin haben die NC-Modelle fast eine Einzylinder-Charakteristik. Besonders gut passt diese natürlich zu Cruisern wie der Vultus, insbesondere wenn diese mit dem hier serienmäßig verbauten Doppelkupplungsgetriebe (DSG) kombiniert wird, dem wir in der mittlerweile dritten Generation einen wirklich hohen Reifegrad attestieren können. Wer einfach nur relaxt fahren möchte findet im aktuellen DSG einen prima Schaltpartner, der sich jederzeit auch über die Plus- und Minus Schaltknöpfe überstimmen lässt, beispielweise bei der Fahrt durch enge Kehren. Wer’s noch nicht kennt, es funktioniert wirklich gut und ist nicht nur zum „Seele baumeln lassen“ eine echte Alternative, am besten einfach mal ausprobieren. Schade eigentlich nur, dass es für dieses (in der NM4 vollverschalte) Rundum-Sorglos-Paket keinen adäquaten Endantrieb gibt, ein Kardan oder Zahnriemen wäre bei diesem Bike-Konzept eigentlich Pflicht. Ein weiters Manko gibt es in Sachen Sound - sagen wir mal so: akustisch werden Vultus-Treiber sicher niemand auffallen, die Optik muss bei diesem Bike reichen.

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Fahreindruck Honda Vultus - keep it simple, and bad

Aber zurück zu unserem mattschwarzen Mobil und dessen Fahrverhalten: Im Gegensatz zum NC-Cruiser für Normalos - der CTX - haben die Designer der Vultus einen überbreiten Hinterreifen spendiert. Der 200/50er Schlappen verschafft dem mattschwarzen Manga-Mobil zwar einen standesgemäß satten Auftritt Marke „dicke Hose“, sorgt aber leider auch für ein vergleichsweise unharmonisches Einlenkverhalten. Wo man mit der CTX von der ersten Kurve an einen sehr runden Stil hinlegt braucht die Vultus etwas Eingewöhnungszeit, aber dann passt auch hier die Linie. Bremsen und ABS sind NC-Standardware, fallen also nicht negativ auf. Cruisertypisch ist neben der von den sehr kommoden Trittbrettern eingeschränkten Schräglagenfeiheit auch das Fahrwerk ausgefallen - rundum komfortabel abgestimmt, aber für schnelle Gangart wünscht man sich eine bessere Dämpfung. Aber dies ist ein eher akademischen Einwand: Wer will schon mit so einem Bike schnell wegfahren, immerhin geht es in erster Linie darum, gesehen zu werden.

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Apropos sehen: Wem beim herumrollen mit der Honda langweilig wird, der kann das - sehr übersichtlich gestaltete - Display in 25 Farbstufen verändern. Auch ein automatischer Farbwechselmodus analog zum gerade aktivierten Programm des DCT ist möglich. Übrigens: beim Thema Lackierung tut sich im Land der aufgehenden Sonne überraschendes - ganz der bunten Manga-Philosophie folgend wird die Vultus - zumindest in Japan - nun auch in 10 weiteren Farben (von Himmelblau bis Kawa-, pardon Lind-Grün) sowie optional mit integrierten Koffern angeboten. Honda scheint es mit dem „Kunstobjekt“ auf zwei Rädern also ernst zu meinen. Alle, die das Futuro-Gerät für eine Design-Verirrung halten, die schnell wieder von der Bildfläche verschwindet, sollten sich daher schon mal an den Anblick gewöhnen.

Honda NM4 Vultus 07

Fahrerausstattung: Helm X-Lite X-551 GT, Jacke & Hose Hein Gericke Tripmaster