Aprilia Tuono V4 1100 RR - Fahrbericht

Aprilia Tuono V4 1100 RR - Fahrbericht


Donnernder Tunfisch

Aprilia präsentierte die brandneue Tuono V4 1100RR Nähe der Rennstrecke Misano im hügeligen Umland. Mehr Hubraum, mehr Leistung und mehr Drehmoment – obwohl bereits vorher alles andere als Mangel diesbezüglich herrschte. Ist das bis dato bereits scharfe Italo-Naked-Bike also noch schärfer geworden? Wir haben es getestet.

Um den üblichen Hinweisen gleich vorzubeugen: wir wissen Tuono bedeutet Donner und nicht Tunfisch.  Dennoch hat sich für die Aprilia Tuono halt der aquatische Spitzname etabliert. Die Tuono stand schon immer für ein Naked Bike das die Sportgene ungeniert zur Schau trägt. Wer ein Naked Bike mit aufrechter Sitzhaltung, entspanntem Kniewinkel und hohem Lenker jenseits der Welt des Sports verbindet, machte bisher einen großen Bogen um den donnernden Tunfisch. Das wird sich bei der neuen 1100er nicht wesentlich ändern. Hier geht’s auch weiterhin um das Thema Sport, halt ohne Verkleidung und Stummel, dafür mit flachem Rohrlenker. Vom Konzept ähnlich einer Ducati Streetfighter, gefühlt extrem nahe am gestrippten Supersportler. Damit der Donner nicht einschlägt, kommt die Tuono V4 1100 RR mit allerlei Sicherheitsankern daher. Da sind beispielsweise  3 Fahrmodi, mehrstufige Traktionskontrolle, Wheelie-Kontrolle, ein 3-stufiges ABS. Der serienmäßige Quick-Shifter erleichtert die Schaltarbeit. Preislich geht es bei 16.490 Euro los, erhältlich ist die Tuono in den Farben Blau Doningtion und Silber Portimao.

Motor Aprilia Tuono V4 1100 RR – unbändige Kraft mit Mega-Sound

Wann immer neue Modelle oder Facelifts präsentiert werden, sind die Ziele in Sachen Motor die gleichen: mehr Performance im unteren und mittleren Drehzahlbereich und ab und an noch mehr Spitzenleisten. Das grüne Deckelchen ist dann in der Regel der selbstverständlich gesunkene Spritverbrauch. Den lassen wir im Fall der Tuono mal getrost beiseite. Wer sich ein solches Power-Naked-Bike in die Garage stellt, hat an Normverbräuchen so viel Interesse wie Ferrari-Fahrer an Anhängerkupplungen. Um besagte Ziele zu erreichen, ging Aprilia den klassischsten Weg: man erhöhte den Hubraum. Der V4 hat jetzt ein Volumen von 1077 Kubik und leistet jetzt 175 PS. Die Vorgängerin hatte 999 Kubik und leistet 5 PS weniger. Deutlicher ist der Abstand beim Drehmoment: 121 NM bei 9.000 Umdrehungen sind ein Wort, bis dato waren es 113 bei 9.500 Umdrehungen.

Aprilia Tuono V4 1100 RR 04

Und was die Eckdaten andeuten, ist im Fahrbetrieb spürbar. Der V4 ist eine echte Bombe: aus dem Keller antrittsstark, in der Mitte katapultgleich und ganz oben jubilierend. Können Sportskanonen wie die S1000R oder die SuperDuke auch, aber ihnen fehlt der V4-Charakter und vor allem –Sound. Bassig, heiser und laut – eben mit dieser ganz eigenen und seltenen V4-Note. Wie gut die Tuono im Futter steht, zeigt ein Blick auf das Lämpchen der Traktionskontrolle. In der konservativsten Einstellung ist das Teil nämlich im Dauerbetrieb. Also lieber gleich etwas sportlicher einstellen und das Geflackere ist weg, schont Nerven und die Traktion ist dennoch hervorragend. Das Ansprechverhalten des Motors ist sehr gut gelungen, Lastwechsel sind kaum spürbar. Dafür zieht einem der Schub nach vorne die Arme mächtig lang. Der Schaltassistent ermöglicht blitzschnelle Schaltvorgänge ohne spürbare Zugkraftunterbrechung. Allerdings funktioniert dies nur beim Hochschalten.

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Fahreindrücke Tuono V4 1100RR – Power-Naked mit unübersehbaren Sportgenen

Sicher sitzt man deutlich aufrechter und bequemer als auf dem supersportlichen Schwestermodell RSV4, von aufrecht und bequem wollen wir auf Dauer aber lieber nicht sprechen. Der Oberkörper muss recht weit nach vorne gebeugt werden um den breiten Lenker zu erreichen. Zusätzlich sind die Fußrasten hoch und weiter nach hinten versetzt als es dem komfortorientierten Fahrer lieb ist. Alles in allem mehr sportlich als sportlich versammelt. Die Bedienung ist italienisch – die Standards sind eingängig und intuitiv, je tiefer man geht, umso mehr bedarf es der Bedienungsanleitung. Die Fahrersitzbank ist gut gepolstert, der erhöhte Soziusplatz bietet eine willkommene Abstützung bei starker Beschleunigung. Mehr sollte man ihm sowieso nicht zumuten. Eine Hecktasche geht noch, einen Beifahrer sollte man allerdings verschonen.

Aprilia Tuono V4 1100 RR 13

So eine sportliche Sitzposition hat allerdings nicht von der Hand zu weisende Vorteile: sie taugt prima wenn man es mal so richtig fliegen lassen möchte. Das Fahrwerk ist bei der 1100er Tuono etwas sanfter abgestimmt und damit deutlich alltagstauglicher. Dank voll einstellbarer Feder- und Dämpfungselemente kann jeder sein persönliches Wohlfühl-Set-Up finden. Eine Sänfte sollte man allerdings nicht erwarten. Das Fahrwerk reagiert jetzt sensibler auf den Fahrbahnzustand, bügelt gerade kleine Unebenheiten und Wellen gut weg. Grobe Unebenheiten gibt das Fahrwerk jedoch aufgrund der straffen Grundeinstellung an den Fahrer weiter. Passt der Fahrbahnzustand, findet man in der Tuono einen genialen Partner. Die Aprilia lenkt sehr präzise ein und verfolgt stoisch die eingeschlagene Linie. Das Feedback vom Vorderrad ist hervorragend und so peilt man immer tiefere Schräglagen über den breiten Lenker an. Ein Handlingwunder ist die Tuono V4 1100 nicht wirklich, dennoch meistert sie auch enge Radien problemlos, will halt mit etwas Nachdruck am Lenker durch Kehren bugsiert werden. Ihre Stunde schlägt am Scheitelpunkt wenn die Gashand auf Anschlag geht und die Tuono nach vorne schießt als wären sämtliche Teufel hinter ihr her. Die hätten dabei einen schweren Stand, denn die Aprilia geht ab wie die gerne zitierte Sau. Gut das die Bremsen im wahrsten Sinne des Wortes ankern. Akzeptable Bedienkräfte und ein guter Druckpunkt machen es dem Fahrer leicht. Dem Heck auch, bei heftigen Bremsmanövern kommt der Hintern trotz Elektronik hoch.

Fahrerausstattung: Helm X-Lite X-702 GT, Jacke & Hose Vanucci Okovango II, Stiefel Vanucci RV7