Moto Guzzi V7 Scrambler – Fahrbericht

Moto Guzzi V7 Scrambler – Fahrbericht


Bestseller mit Individualprogramm

Moto Guzzi V7 Scrambler? Neues Modell von dem wir nichts wussten? Ein klares Jain beantwortet die Frage. Nein, es gibt kein neues Modell. Aber die V7 kann per Zubehör seitens Moto Guzzi umgebaut werden. In diesem Fall handelt es sich um das Scrambler-Paket. Und schon hat man halt doch irgendwie ein neues Modell. Wir sind die V7 Scrambler jedenfalls gefahren und hatten Spaß dabei.

Die V7 ist das Topmodell im Moto-Guzzi-Programm, zumindest wenn es um die Verkaufszahlen geht. Das Teil ist für die Guzzi-Händler so wichtig wie die Blut-Dosis für den Vampir, verkauft sich halt in nennenswerten Stückzahlen. Der klassische Look kommt also an, zumal die V7 als „Due“ jetzt mit ABS am Start ist. Und da klassische Motorräder aktuell so gerne umgebaut werden, dachten sich die Herren am Comer See was Nettes aus. Wem seine V7 nicht schon individuell genug ist, der kann gerne fertige Packages vom Werk beziehen. Gesagt – getan. Insgesamt 4 verschiedene Umbautypen bietet Moto Guzzi für die V7 an: Dapper, Dark-Rider, Legend und eben Scrambler. Das Gute dabei ist das die Teile sowohl für die V7 II also auch die Vorgängerin passen. Es gibt natürlich auch eine Schattenseite, der widmen wir uns aber später. 

Schauen wir uns das Scrambler-Package mal genauer an. Ziel ist der Offroad-Look der 70er Jahre, also hochgezogener Auspuff und grobstolliges Schuhwerk. Dabei bleibt es aber nicht. Da sind beispielsweise lange, satinierte Kotflügel vorne und hinten, Startnummertafeln statt Seitendeckel, ebenso über dem Scheinwerfer, Offroad-Fußrasten, lange und gesteppte Sitzbank, zusätzliche Strebe am Lenker, Stollenreifen und die hochgelegte 2-in-1 Auspuffanlage. Dazu gesellt sich noch ein Gepäckträger samt lederner Heck- und Seitentasche. Wer möchte, kann sich noch einstellbare Federbeine mit roter Feder dazu nehmen. Als Basis sollte man eine V7 II Special wählen, die hat bereits Speichenräder und kommt auf 9.190 Euro inkl. Nebenkosten. Dem Preis des Scrambler-Packages nehmen wir uns später vor.

Moto Guzzi V7 Scrambler – nostalgische Zeitreise ab Werk

Die V7 ist an sich ja schon ein hübsches Ding – als V7 Scrambler ist sie eine echte italienische Schönheit. Aus allen Blickwinkeln sieht das Teil verdammt gut aus – im Grunde mit wenigen Mitteln. Der hochgelegte Arrows-Auspuff in mattem Silber prägt die Silhouette, die runden Seitendeckel und das Schild über der Lampe den klassischen Look. Die (im Grunde sinnfreie) Strebe am Lenker bringt ebenso einen Hauch von Offroad mit wie die Geländereifen im normalen Straßenformat. Der absolute Knaller sind aber die Heck- und Seitentasche. Feines Leder, supergeil fürs Auge, aber letztendlich zu nix zu gebrauchen. Herrlich! Die ganze Fuhre geht über die Augen direkt ins Herz. Wäre ich eine Frau, würde mir wahrscheinlich direkt die Milch einschießen. Ja, da kann man(n) sich tatsächlich verlieben.

Antrieb V7 Scrambler – rustikaler V2 mit mehr Charakter als Performance

Ein V2 wie er auch im Guzzi-Museum stehen könnte. Luftgekühlte 744 Kubik sorgen für überschaubare 48 Pferde bei 6.250 Umdrehungen. Das Drehmoment von 58,8 NM liegt bereits bei derer 3.000 an. Und dies spürt man im Fahrbetrieb. Es bringt überhaupt nix die V7 über Drehzahlen auszuquetschen. Rappelt und vibriert nur mehr, schneller geht’s deshalb nicht. Also besser das Drehmoment nutzen, recht früh schalten und den 90-Grad-V2 schieben lassen. Ist wesentlich entspannter und genauso zügig. Dann lässt sich auch der typische Guzzi-V2-Sound am besten genießen. In Kombination mit der Arrows-Anlage bollert es trocken, bassig und stets gut vernehmbar. Das täuscht dann ein wenig über die insgesamt bescheidene Performance hinweg. Klar wollen wir mit der V7 Scrambler keine Berge versetzen, aber insgesamt ist die Darbietung für eine 750er etwas schlapp. Absoluter Pluspunkt an unserem Testexemplar ist (neben dem Sound) das 6-Gang-Getriebe. Es lässt sich ohne Mühen und Geräusche vorbildlich bedienen.

Moto Guzzi V7 Scrambler 21

Fahreindrücke V7 Scrambler – immer ordentlich Schwung mitnehmen

Grundsätzlich ist die V7 ein zierliches Motorrad, daran ändert auch der Offroad-Look der Scrambler nichts. Man sitzt recht tief und hat einen sicheren Stand. Lenker, Bedienung und Instrumente sind so klassisch gestaltet wie es irgend geht, entsprechend übersichtlich und einfach kommt man damit zurecht. Überhaupt fühlt man sich wie in eine andere Zeit versetzt. Schmale Reifen, schmaler Tank, dürrer Lenker – erinnert sehr an die Motorräder vergangener Epochen. Wobei sich die V7 Scrambler deutlich manierlicher fährt als die historischen Vorbilder. So ist beispielsweise das Fahrwerk deutlich straffer abgestimmt und spart sich jegliches Aufschaukeln. Am Heck ist die Moto Guzzi sogar fast ein wenig zu straff. Das Zubehörfederbein spricht recht trocken auf Unebenheiten an und gibt den Fahrbahnzustand gerne mal an den Fahrer weiter. An der Front wiederrum ist die Einstellung recht soft, taucht die Gabel bei harten Bremsmanövern tief ein. Harte Bremsungen sind ohnehin nicht das Ding der Scrambler. Die dicken Stollenreifen kommen da mehr ins Schlingern als man es mag und es von herkömmlichen Straßenreifen gewohnt ist. Nicht gefährlich, aber alles andere als angenehm.

Moto Guzzi V7 Scrambler 03

Also lieber mit gleichmäßiger und ruhiger Fahrweise unterwegs sein, gern auch zügig. In Kurven gilt die alte Guzzi-Regel: vor der Kurve mit dem Bremsen fertig sein und dann mit leichtem Zug um die Ecke. Dann bleibt die V7 lammfromm. Hektisches Gas-auf-und-zu führt nämlich zu Lastwechseln und Kardanreaktionen die sich spürbar auf das Fahrverhalten auswirken und die Linie kräftig verhageln. Allzu sportlichen Einsatz lassen die Fußrasten ohnehin nicht zu, schnell arbeiten die sich an der Fahrbahnoberfläche ab. Dennoch ist man nur am Grinsen. Die V7 Scrambler fährt sich wunderbar leicht, hat einen tollen Sound und zieht die Blicke auf sich. Bitte mehr von solchen Motorrädern. Warum Moto Guzzi keine V7 mit einem größeren Motor bringt, ist uns bis heute ein Rätsel. Hat man doch mit dem Antrieb der Bellagio einen perfekten Motor im Regal stehen.

Moto Guzzi V7 Scrambler 07

Die V7 Scrambler ist also nicht perfekt und dennoch ein tolles Motorrad. Hat aber eine enorme Schattenseite. Bis jetzt haben wir ja die Kosten für den Umbau verschwiegen. Man ahnt es, hier liegt der Haken. Die gesamten Teile für den Umbau (inklusive Federbeine) summieren sich auf sage und schreibe 4.619 Euro. rechnet man die V7 Special noch drauf, muss man 13.809 Euro nur für die Hardware berappen. Einige Höhepunkte gefällig? Schutzbleche vorne und hinten: 513 Euro,  3 Startnummerntafeln (Seitendeckel und Lampe): 531 Euro, Auspuff: 1.372 Euro. So ein Umbau kostet allerdings auch Arbeitszeit. Die kalkuliert Moto Guzzi mit ca. 12 Arbeitsstunden. Was dies beim Händler kostet, kann jeder selbst ausrechnen.

Fahrerausstattung: Helm X-Lite X-1003, Jacke & Hose Vanucci Okovango II