Moto Guzzi Audace und Eldorado – Fahrbericht

Moto Guzzi Audace und Eldorado – Fahrbericht


2 weitere Varianten der California 1400

Moto Guzzi erweitert seine California-Reihe um zwei weitere Modelle: die Audace übernimmt die Rolle des Muscle-Bikes, die Eldorado die des nackten Tourers. Wir hatten Gelegenheit beide Modelle bei einem Werksbesuch in Mandello am Comer See zu fahren.

Angesichts der aktuellen Modellpalette von Moto Guzzi darf man sich schon fragen, ob es noch 2 weitere Versionen der California 1400 gebraucht hätte. Immerhin ist die ohnehin bereits mit 2 unterschiedlichen Modellen am Start: die Touring und die Custom. Viel lieber würden wir über eine leistungsstärkere V7, beispielsweise mit dem Motor der Bellagio schreiben. So wird es eben eine Geschichte über die Audace und die Eldorado. Kein Problem, ist der Autor doch bekennender Fan des 1400er-V2. Der hatte bis dato eine Touring- und eine Custom-Variante. Die Touring hat Windschild, Koffer, hohen Lenker und üppige Sitzbank für die ausgedehnte Tour. Die Custom flachen Lenker, kurze Sitzbank und war eher für flotteren Einsatz oder zum Flanieren vorgesehen.

Die Eldorado orientiert sich an der Touring. Sie hat den gleichen geschwungenen Tourenlenker, muss aber ohne Windschild und Koffer auskommen. Die Sitzbank ist zweiteilig. Der Fahrer findet einen sehr breiten und gut gepolsterten Platz vor, für den Beifahrer ist nur ein recht kleines Sitzbrötchen vorgesehen. Da wo die Touring am Heck noch schicke LED-Streifen für Rücklicht und Blinker hat, prangen an der Eldorado normale Blinker und ein klassisches rundes Rücklicht. Der Rest ist wie gehabt: Trittbretter für Fahrer und Beifahrer, Schaltwippe, gleicher Scheinwerfer sowie gleiche Instrumente und Bedienung. Macht alles in allem 18.500 Euro. Der Verzicht von Windschild, Koffern und Soziustauglichkeit spart einem also 1.700 Euro.

Moto Guzzi Eldorada 05

Die Audace unterscheidet sich dann doch deutlicher von der Custom. Da ist vor allem die wesentlich kürzere Auspuffanlage. Während bei allen anderen California-Modellen diese bis an das Fahrzeugheck reicht, endet die der Audace ungefähr auf Höhe der hinteren Radachse. Zusätzlich hüllt sich die Anlage in mattes Schwarz, alle anderen kommen verchromt daher. Ganz dem Böser-Bube-Image entsprechend. Böse Buben wollen auch keine Trittbretter, deshalb hat die Audace eine herkömmliche Fußrasten-Anlage. Und wenn wir schon dabei sind: an der Gabel hängt ein ganz normaler Rundscheinwerfer. Am prägnantesten ist allerdings der breite Dragbar-Lenker. Die fast gerade Lenkstange zwingt den Fahrer in eine lässige, leicht nach vorne gebeugte Körperhaltung, einer Harley-Davidson V-Rod nicht unähnlich. Die Audace kostet exakt gleich viel wie die Eldorado, also 18.500 Euro. Was einen doch ein wenig verwundert, denn die Änderungen sind hier viel größer. Die 1400 Custom ist mit 17.990 Euro etwas günstiger.

Moto Guzzi Audace 06

Antrieb Audace und Eldorado – 1400 Kubik für viel Schub und tollen Klang

Der Antrieb ist bei allen California-Modellen gleich, sieht man von der anderen Auspuffanlage der Audace einmal ab. Mit 1.380 Kubik spielt die 1400er California zwar nicht in der Liga der großen Cruiser vom Schlage einer Harley oder einer Indian, in Sachen Leistung braucht sie sich nicht zu verstecken. 96 PS bei 6.500 Umdrehungen und vor allem 120 Newtonmeter bei 2.750 Umdrehungen sind dennoch eine Macht. So fährt sich denn auch sowohl die Audace als auch die Eldorado wie ein Schiffsdiesel. Selbst im dunkelsten Drehzahlkeller schiebt der große V2 mächtig an und legt mit steigender Drehzahl permanent Leistung nach. Wir wollen nicht unbedingt von einem drehfreudigen Aggregat sprechen, allerdings übertrifft es die Performance der amerikanischen V2 bei weitem. Der Sound bleibt dabei angenehm im Rahmen. Zwar bollern spür- und hörbar alle 1.380 Kubik aus den Endtöpfen, im Vergleich zu einer Harley-Davidson ist die Geräuschkulisse Nachbarschafts-kompatibler. Eine Ausnahme macht hier die Audace, deren kürzere Endtöpfe haben einen härteren, metallischeren Klang und sind ein ganzes Stück lauter.

Moto Guzzi Audace 10

Die 6-Gangschaltung lässt sich problemlos bedienen, egal ob per Schaltwippe bei der Eldorado oder per Schalthebel bei der Audace. Der erste Gang wird zwar noch deutlich hörbar eingelegt, die weiteren Gangwechsel gehen allerdings zuverlässig und leise vonstatten. Durch die in Fahrtrichtung liegende Kurbelwelle neigt sich das Fahrzeug weiterhin bei Gasstößen im Stand erst leicht zur linken und dann zu rechten Seite. Dies gehört zu einer Moto Guzzi genauso wie das Adler-Emblem.

Fahreindrücke Moto Guzzi Audace und Eldorado

Beginnen wir mit der Eldorado. Die Sitzposition ist betont aufrecht und im Grunde der auf der Touring sehr ähnlich. Die Füße ruhen etwas weiter vorne auf den Trittbrettern, der dicke Lenker liegt sehr gut in der Hand. Dazu der breite und gut gepolsterte Fahrersitz, fertig ist die Ergonomie für viele Stunden unterwegs. Schnelle Etappen auf der Autobahn sind mit der Eldorado aufgrund des fehlenden Windschilds anstrengend, alles jenseits der Autobahn funktioniert dagegen tadellos. So sind wir mit der Guzzi um den Comer See flaniert, waren immer in einem großen Gang unterwegs und haben den dicken V2 durch die Gegend bollern lassen. Bei Bedarf genügte ein kurzer Dreh am Gasgriff um trödelnde Autofahrer problemlos hinter sich zu lassen. Sehr entspannt mit genügend Zeit die wundervolle Landschaft zu genießen. Auf freier Strecke lässt man den V2 aber auch mal gerne von der Leine und dreht mal in die oberen Drehzahlregionen. Mächtig Schub und hämmernder V2-Sound sorgen für ein wohliges Bauchgefühl.

Moto Guzzi Eldorada 01

Der Spaß geht auch auf kurviger Strecke weiter, wenn man die alte Guzzi-Regel berücksichtigt: vor der Kurve bremsen und dann mit etwas Zug durchziehen. Funktioniert herrlich und macht Laune. Hektiker werden feststellen dass zu starkes Anbremsen vor der Kurve und hektische Gaswechsel in der Kurve für Unruhe im Fahrwerk sorgen. Dann kommen die schwache Dämpfung und Lastwechselreaktionen zusammen und versauen die Linie. Flüssig gefahren, bleibt die Eldorado auf Kurs und hat sogar erstaunlich viel Bodenfreiheit – für einen Cruiser. Je schneller man unterwegs ist, desto mehr muss man die Guzzi auf Kurs halten. Denn sie hat die Tendenz die Bögen größer zu fahren als man beabsichtigt.

Moto Guzzi Eldorada 04

Der Wechsel auf die Audace ändert die Tonart. Das liegt nicht nur an der Auspuffanlage. Der Dragbar-Lenker ist fast gerade, die Griffe sind zusätzlich noch leicht nach außen gekröpft. Der Fahrer greift dadurch gefühlt noch breiter als die Lenkstange ohnehin schon ist. Dazu ist sie deutlich flacher als das Lenkgeweih der Eldorado. Der Fahrer muss sich daher deutlich mehr dem Lenker entgegen strecken. Zusammen mit den vorne platzierten Fußrasten ergibt sich eine sehr lässige Lümmelhaltung, typisch für die sogenannten Muscle-Bikes. Die Kröpfung der Lenkerenden hätten man sich aus unserer Sicht sparen können, zwingen sie die Handgelenke doch in eine nicht ganz so angenehme Position. Der Fahrersitz ist zwar deutlich schmaler und weniger gepolstert, aber dennoch sehr bequem.

Moto Guzzi Audace 03

Auch fahrtechnisch ergeben sich einige Unterschiede. Die gestreckte Sitzhaltung fordert bei ganz engen Kehren und beim Rangieren ihr Tribut. Da werden die Arme sehr lang um den Lenker in die richtige Richtung zu bugsieren. Die Wahrnehmung der Performance ist aufgrund der Auspuffanlage komplett unterschiedlich. Genießt man mit der Eldorado gemütlich zu flanieren und im großen Gang dahin zu rollen, dreht man die Audace lieber aus und gibt öfter mal Zwischengas. Der Sound aus den kurzen Tüten ist einfach zu geil. Die Audace bellt geradezu jede Beschleunigung heraus. Der Gasgriff wird zum Taktstock der V2-Simphonie. Entsprechend zügiger beschleunigt man, wobei die Fahreigenschaften denen der Eldorado grundsätzlich gleichen. Flüssig durch die Kurve ist der Weg zum Fahrspaß, auch hier bringt Hektik nur Unruhe. Auf gleichem Niveau sind auch die Bremsen. Die Bedienkräfte sind zwar relativ hoch, wer aber beherzt zulangt und –tritt, wird mit ordentlicher Verzögerung belohnt.

Moto Guzzi Audace 11

Text: Matthias Hirsch

Bilder: Hersteller