Harley-Davidson LiveWire – bereits gefahren

Harley-Davidson LiveWire – bereits gefahren


Harley voll unter Spannung

Innovativ? Wegweisend? Technologisch führend? Da fallen einem eine Menge Motorradhersteller ein – in den letzten Jahren sicher BMW und KTM, davor die Big Four aus dem Land der aufgehenden Sonne. Aber Harley-Davidson? Die US-amerikanische Traditionsmarke, die den vertrauten potato-potato-Sound jahrzehntelang so kultiviert hat wie Jack Daniel's den Tennessee-Whiskey? Die Traditionalisten, die ihren fein verrippten mächtigen Vau-Zwo-Motor gegen alle Widerstände und kritischen Leistungsfragen am Leben gehalten haben? Nein, mit solchen Attributen hat niemand die Motor Company in Milwaukee verknüpft – bis jetzt!

Denn die Amerikaner setzen mit dem Project LiveWire fahrfertige Vorserienmotorräder unter Strom und sammeln auf einer weltweiten Roadshow Kundenmeinungen über die erste elektrisch angetriebene Harley. Die deutsche "Experience Tour" fand auf dem Gelände des Hockenheimrings statt, übers Internet und bei Preisausschreiben konnte man sich dafür bewerben. Dass das Thema Elektro-Harley tatsächlich eines ist, belegt der Zulauf – die online vergebenen Fahrtermine waren samt und sonders schon früh ausgebucht. 

Für den "spannenden" Input hat Harley-Davidson extra ein Spezialisten-Team rekrutiert, das rund dreißig dieser neuen Harleys von Hand aufgebaut hat – erstaunlicherweise stammen alle Komponenten des E-Antriebs nicht von Spezialisten aus Korea (Samsung) oder dem Silicon Valley, alles soll inklusive der Batterie aus der Gegend von Milwaukee kommen. 

Doch was heißt hier Handarbeit – die neben dem Motorsportmuseum Hockenheim aufgereihten LiveWire-Exemplare sehen beileibe nicht wie Vorserienfahrzeuge aus, vielmehr machen sie bis ins Detail schon einen sehr fertigen Eindruck. Und noch mehr: Sie sehen ungewohnt modern und richtig sportlich aus, als Einsitzer konzipiert und im sportiven Look eines Landstraßenroadsters gehalten. Ein erstmals von Harley verbauter, gut sichtbarer Leichtmetall-Gussrahmen gibt dem Ganzen Halt. Techno-Look steuern die LED-Scheinwerfer und in die Spiegel integrierte LED-Blinker ebenso wie die Zweiarmgussschwinge bei, die ein rotes Showa-Federbein nach Cantilever-Bauart anlenkt. Auch vorne werkelt Japan-Ware in Form einer voll einstellbaren Big Piston Upside-Down-Gabel von Showa – spätestens jetzt werden die ernsthaften Absichten klar.

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Harley-Davidson LiveWire - der Trick mit der Elektrik

Wie bei allen Elektromotorrädern wird das Zentrum von der Motor-Batterien-Einheit geprägt, die geschickt ins Ensemble integriert ist und durch verschiedene Farben und das Alu-Motorgehäuse nicht so dominant auftritt wie bei anderen Stromern. Entsprechend "normal" sitzt es sich auf der E-Harley: Der niedrige, schmale Einzelsitz nimmt den Fahrer in einer sportlichen Haltung auf, platziert ihn ziemlich nah, fast über der vergleichsweise breiten Lenkstange und bietet angenehme Kniewinkel – ähnlich einem aggressiven Mittelklasse-Naked Bike, allerdings mit 210 kg recht schwer zwischen den Beinen.

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Zum Starten wird der Killschalter umgelegt, das System stellt scharf. Doch erst wenn der Startknopf gedrückt wird, kann's losgehen. Dann leuchtet das futuristische, farbige TFT-Display in der Lenkermitte auf, das neben der Geschwindigkeit unter anderem den Ladezustand, aktuellen Verbrauch oder die Gasgriffstellung anzeigt. Als Touchscreen ausgeführt, lassen sich die Anzeigen variieren und der Fahrmodus – Power oder Economy – für den Motor wählen.

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Bei diesem handelt es sich um einen ölgekühlten Dreiphasen-Induktionsmotor, der tief unten im Rahmen unterhalb der Lithium-Ionen-Batterie sitzt und von einem mit flüssigkeitsgekühlten Hochleistungs-Motorcontroller gesteuert wird. Die Thermik spielt auch im Elektro-Kosmos eine wichtige Rolle. Die Einheit ist für 74 PS bei 8500 Touren und ein Drehmoment von 70 Newtonmeter gut. Damit soll die LiveWire den Sprint von Null auf Hundert in 4 Sekunden absolvieren und über 160 km/h schnell sein. Welche Kapazität der Akku besitzt, war den Verantwortlichen nicht zu entlocken, wohl aber die hohe Betriebsspannung von 300 Volt, die für Mechaniker eine besondere Schulung voraussetzt.

Fahreindrücke Harley LiveWire - Schub und Speed ganz ohne Sound

Der Dreh am Gasgriff bringt direkten Vortrieb, es gibt weder Kupplung noch Getriebe. Gefühlt beschleunigt die LiveWire wie ein sehr gutes Mittelklassemotorrad, und doch ist das Gefühl ein völlig anderes durch das fehlende Motorgeräusch, keine Vibrationen und vor allem die nahtlose Zunahme von Geschwindigkeit ohne Gangwechsel. Lautlos ist die Harley aber nicht: Weil der Motor für eine schmale Taille längs eingebaut ist, muss die Kraft des Motors über ein Kegelradgetriebe umgelenkt werden, damit der Zahnriemen das Hinterrad antreiben kann. Fahrend surrt die im Stand geräuschlose LiveWire wie andere Elektro-Motorräder mit Zahnriemenantrieb auch, vielleicht ist die Note ein wenig kehliger durch die Umlenkung.

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Ganz anders als ein gewohnt benimmt sich die LiveWire beim Schließen des Gasgriffs. Die Motorbremse wirkt extrem stark, da sie als Energierückgewinnung zur Speisung der Batterie genutzt wird. Voll geladen soll die Reichweite bei 48 (Power) beziehungsweise 96 Kilometer (Economy) liegen.

Auf der kurzen Testfahrt um den Hockenheimring, bei der der Tacho immerhin bis auf 150 km/h kletterte, machte die Harley einen durchaus vergnüglichen Eindruck. Hinreichend agil und stabil, und auch beim Bremsen ausreichend effektiv. Was noch fehlt, wären ABS und Traktionskontrolle, denn der elektrische Schub am Kurvenausgang überfordert die aufgezogenen Reifen – was nur klar ist, denn normalerweise haben die Pneus mit der eher gemütlichen Performance der großen Ami-Vaus zu tun.

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Insgesamt macht die LiveWire aber einen durchaus runden Eindruck – Harley ist es gelungen, einen Elektroantrieb zu integrieren, ohne zuviel Motorrad opfern zu müssen. Ob die LiveWire demnächst wirklich gebaut wird? Die Resonanz nach den bisherigen Testtour-Stationen Amerika, Südostasien und Europa ist jedenfalls vielversprechend, und auch die Reaktionen des deutschen Publikums waren begeistert: Von mehr als 7000 abgegebenen Meinungen zeigten sich 74 Prozent "am Kauf interessiert". Was diese Zahl wert ist, werden aber erst die Antworten auf viele noch offene Fragen zeigen: Preis, Reichweite und Lebensdauer der Akkus sind für alle Hersteller elektrischer Zweiräder sensible Themen. 

Frank Klumpp, Marketing Director bei Harley-Davidson Germany: "Sollte Milwaukee das Projekt absegnen, dürften die ersten E-Harleys 2019 oder 2020 zu haben sein." Vom klassischen Motorrad würden sich die Traditionalisten aus Milwaukee aber nicht verabschieden, so Klumpp: "Ich sehe hier ganz klar ein sowohl als auch und kein entweder - oder." Warum dann der ganze Aufwand? Harley-Präsident Matt Levatiches erklärte beim start der Experience Tour in den Vereinigten Staaten: „Wir müssen uns bemühen, die Freiheit des Motorradfahrens auch für künftige Generationen zu erhalten. Als 111 Jahre altes Unternehmen denken wir über die Rahmenbedingungen des Motorradfahrens in den nächsten 111 Jahren nach.“

Für Harley hätte die Realisierung der LiveWire aber noch einen anderen, unschätzbaren Wert: Damit könnten die Macher in Milwaukee endlich die Tür zu einer jüngeren Kundengruppe aufstoßen, die vielleicht ihre immer greiser werdende Klientel aus V-Twin-Getreuen allmählich ersetzt.

Text: Thilo Kozik

Bilder: Hersteller

Technische Daten Harley-Davidson LiveWire

Ölgekühlter Dreiphasen-Induktionsmotor, Spitzenleistung 74 PS (54 kW) bei 8500/min, max. Drehmoment 70/Nm ab 0/min, Lithium-Ionen-Akku, Kapazität nicht bekannt, Betriebsspannung 300 Volt, Zahnriemenantrieb, Aluminium-Brückenrahmen, Upside-Down-Teleskopgabel vorn, Zweiarmschwinge mit Zentralfederbein hinten, je eine Scheibenbremse vorn und hinten, Reifen vorn 120/70-18, 180/55-17 hinten, Leergewicht 210 kg, Preis: nicht bekannt