Indian Roadmaster - Fahrbericht

Indian Roadmaster - Fahrbericht


Mit Häuptling Fulldresser auf Achse

2015 bringt Indian mit der Roadmaster einen echten Fulldresser, also einen Tourer im Stile des American Way of Drive. Wir sind mit der Roadmaster quer durch die Republik gefahren und haben sogar einen Abstecher in die Alpen gemacht. Alles um heraus zu finden ob die Indian auch jenseits von kerzengeraden Highways und Fernwehromantik mit riesigen Kakteen und Westernkulisse taugt. Wir wollen mal so sagen: Ja und Nein.

Mit amerikanischen Fulldressern ist es wie mit alten Musclecars: sie sind uramerikanisch und haben eine ganz eigene Anziehungskraft. Mit europäischen Ansprüchen und Geschmäckern geht dies nicht immer konform. So ein dicker Ami-V8 hat Power ohne Ende, einen erdbebengleichen Sound und muss sich dann doch einem aufgemotzten Polo auf kurvigen Strecken geschlagen geben. Nicht viel anders geht es dem 2-rädrigen Fulldresser. Viel Luxus für Fahrer und Beifahrer, maximale Ausstattung, bollernder V2 und große Show bei jedem Halt – aber sobald die Straße einen Knick macht, ziehen selbst 250er davon. Wir streichen daher jeden Gedanken an sportliche Fortbewegung und nehmen die Indian Roadmaster als das was sie ist: ein Luxustourer der zum Cruisen und nicht zum Rasen gebaut wurde. Die Konkurrenz ist dabei überschaubar. Harley-Davidson hat die Electra-Glide Ultra Classic, Victory die futuristische Vision Tour und Honda die Gold Wing. Da reiht sich die Roadmaster brav ein und wahrt trotz grundsätzlich ähnlichem Konzept optisch ein eigenes Gesicht in der Menge. Was dem Polaris-Konzern bereits mit den Victory-Modellen gelungen ist, wird bei Indian konsequent fortgesetzt. Natürlich schielt man mit einem Auge immer was die Kollegen aus Milwaukee so im Programm haben, kopiert aber nicht einfach deren Design, sondern interpretiert das Thema auf ganz eigene Art und zitiert so nebenbei die eigene Historie.

Da macht die Roadmaster keine Ausnahme. Die schwülstigen Kotflügel sind ebenso eine Hommage an die Vergangenheit wie der beleuchtete Häuptlingskopf. Und ein deutliches Signal das Leichtbau im Lastenheft keine Rolle gespielt hat. Alleine aus den beiden Auspuffanlagen bauen andere Hersteller ganze Motorräder. Alles in allem ein gewaltiges Motorrad. Ähnliches gilt für den Preis. Indian verlangt für die Roadmaster mindestens 27.990 Euro. Für die schicke 2-Farblackierung unseres Testers kommen nochmal 1.000 Euro dazu. Knapp 29.000 Euro für ein Motorrad sind schon ein Wort, auch wenn die vergleichbare Harley genauso viel kostet. Aber man bekommt eine Menge für sein Geld geboten. Zäumen wir den Gaul mal von hinten auf: da ist der üppige Stauraum in Form von 2 Koffern und dem riesigen Topcase. Insgesamt 140 Liter stehen zur Verfügung, wobei die Form der Koffer die Beladung nicht gerade einfach macht. Für Kleinkram stehen noch 2 Fächer in den Beinschildern zur Verfügung. Sehr praktisch für Börse, Handy und Papiere, leider beide nicht abschließbar.

Eine Klasse für sich ist die Unterbringung von Fahrer und Beifahrer. Die Ledersessel sind sogar noch bequemer als sie aussehen und natürlich getrennt beheizbar. Die gesteppte Sitzfläche und Rückenlehne sehen einfach nur klasse aus. Sowohl Fahrer als auch Beifahrer stellen die Füße auf bequemen Trittbrettern ab. Der Fahrersitzplatz ist mit 673 mm sehr niedrig, dies hilft enorm die Roadmaster im Stand sicher unter Kontrolle zu haben. Der sehr breite Lenker kommt einem weit entgegen, insgesamt eine sehr entspannte Sitzposition. Fehlt nur der Wohnzimmertisch um die Füße hoch zu legen. Die Instrumente sind sehr übersichtlich, was man von den Bedienelementen nicht behaupten kann. Die grundlegenden Funktionen sind zwar intuitiv, alles darüber hinaus Bedarf aber der Bedienungsanleitung. Und es gibt jede Menge zu bedienen: Tempomat, elektrisch verstellbare Scheibe, Audioanlage mit Bluetooth und Smartphone-Schnittstelle, Heizgriffe, Nebelscheinwerfer und Bordcomputer. Davon abgesehen sind die Bedienelemente sehr hochwertig verarbeitet, was übrigens für das komplette Motorrad gilt. Die Materialwahl ist erstklassig, man hat den Eindruck Kunststoff wurde nur da verarbeitet, wo es unvermeidbar war. Und wenn er zum Einsatz kommt, fühlt er sich sehr gut an. Hier kann sich Harley eine Scheibe abschneiden.

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Antrieb Indian Roadmaster: V2-Gigant mit über 1.800 Kubik

Man kann es nur immer wiederholen. Der große V2 der Indian-Modelle ist eine echte Schönheit, natürlich auch in der Roadmaster. Hier trägt er zur Abwechslung auch mal ein wenig Schwarz, was uns ausgesprochen gut gefällt. Ansonsten kommt man aus der Schwärmerei nicht raus: diese Zylinderköpfe, die Stoßstangen, dazu alles penibel verarbeitet. Einfach herrlich. Natürlich gibt es auch bei diesem Antrieb ganz nüchterne Fakten. Der V2 der Roadmaster hat 1.822 Kubik und schüttelt knapp 139 NM bei 2.600 Umdrehungen aus dem Ärmel. Im Grunde sagt dies alles über den Antrieb aus. Ab Standgas nimmt die Roadmaster sauber Gas an und schiebt ordentlich an. Drehzahlorgien sind der Indian so fremd wie Cage-Fighting dem Dalai Lama. Dank einer fetten Ausgleichswelle verschont einen der V2 vor unangenehmen Vibrationen, pflegt also eine sehr angenehme Laufkultur. Dazu passt der tiefe Sound aus den langen Rohren, im Stand hat man das Gefühl jede Zündung einzeln begrüßen zu können. Alles wie geschaffen um damit durch die Lande zu Cruisen. Und tatsächlich ist es auch so. Denn Wunder sollte man von dem V2 nicht erwarten. Der Schub sorgt zwar für angemessenen Vortrieb, allerdings auch nach dem Motto „Eile mit Weile“. Dafür hat die Roadmaster mit 422 Kilo ohne Fahrer und Gepäck einfach zu viele Pfunde zu schleppen. Die Schaltung funktioniert gut und zuverlässig, ab und an aber auch etwas lautstark. Was wundert: es ist keine Schaltwippe verbaut, man schaltet über einen einfachen Schalthebel.

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Fahreindrücke Roadmaster: zügiger Cruiser ohne Sporttalente

Artgerecht bewegt, kann man mit der Indian Roadmaster sehr viel Spaß haben. Und artgerecht bewegt man die Indian wenn man sich jegliche Hektik verbietet. Unbestritten sind die Langstreckenqualitäten, wir sind knapp 500 Kilometer nach Ischgl in einem Rutsch gefahren. Lediglich eine kurze Tankpause, das war’s. Auf der Autobahn das Windschild ganz nach oben gestellt, Tempomat aktiviert und sehr komfortabel gen Süden gerollt. Je nach Verkehrslage ist man mit 130 bis 160 km/h sehr angenehm unterwegs. Dabei sitzt man sehr geschützt hinter der hohen Verkleidung und den breiten Beinschildern. Selbst wenn die Scheibe in der niedrigste Stufe ist, bleibt der Oberkörper frei von Winddruck.

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Auch jenseits der Schnellstraße macht die Roadmaster eine gute Figur. Trotz der üppigen Pfunde lässt sie sich in Fahrt recht einfach bewegen, kommt man schneller als erwartet mit ihr zurecht. Vorausgesetzt man pflegt einen flüssigen Fahrstil ohne hektische Bremsmanöver. Am besten vor der Kurve vom Gas und dann mit leichtem Zug um die Biegung umrunden. Wer zu viel Schwung mitnimmt, kann dies mit einem leichten Druck auf die Hinterradbremse korrigieren. Ansonsten versucht die Roadmaster über das Vorderrad zu schieben. Wie bereits geschrieben: Eile mit Weile. Erfreulicherweise bietet die Indian ausreichend Bodenfreiheit und kratzt nicht schon beim Anblick einer Kurve mit den Trittbrettern. Wer dies alles beherzigt, wird sogar recht flott unterwegs sein. Auch wenn man keinerlei Gefühl für das Vorderrad hat und das Fahrwerk im Grunde keine Reserven hat. So bleibt einem bei schlechten Straßen keine andere Wahl als vom Gas zu gehen. Ist ja aber auch grundsätzlich nicht verkehrt. Die Bremsen funktionieren ausreichend, für starke Verzögerung ist die gleichzeitige Bedienung von Hand- und Fußbremse angesagt. Dazu muss man auch beherzt zulangen bzw. –treten.

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Es gibt allerdings doch 2 Dinge die mit der Indian Roadmaster alles andere als Spaß machen. Da wäre einmal die Handhabung im Stand und beim Rangieren. Zum anderen das Gefühl bei langsamer Fahrt in Schritttempo. Hier fordert das hohe Gewicht sein Tribut. Beifahrer und Gepäck verstärken diesen Effekt noch. Fast hat man das Gefühl man jongliert einen Felsbrocken auf einem Besenstil, es kippelt an Front und Heck. Da hilft nur viel Konzentration und ein sehr fester Stand. 

Text & Bilder: Matthias Hirsch

Fahrerausstattung: Helm Nolan N21, Jacke IXS Eliot, Hose IXS Jeans Cassidy 2, Schuhe IXS Sneaker braun