Yamaha XSR700 - Fahrbericht

Yamaha XSR700 - Fahrbericht


Moderner Fahrspaß im Klassik-Gewand

Yamaha hat mit der MT-Baureihe voll ins Schwarze getroffen, und auf dieser Basis präsentieren uns die Japaner ihr nächstes Derivat: Die XSR700. Dafür erinnert sich Yamaha an die legendäre XS 650 aus den Siebzigern und stülpt ein optisches Klassik-Konzept über das kostendämpfende Baukastensystem der erfolgreichen MT-Baureihe.

Auf Basis des Mittelklasse-Roadsters MT-07 ist so ein moderner Retro-Klassiker mit zeitgenössischem Touch entstanden – mit dem unvermeidbaren typischen Rundscheinwerfer, der fast geraden Sitzbank und puristischer Silhouette längst verflossener Zeiten. Und doch über ein mattschwarzes Lampengehäuse, den linksseitig hervorlugenden Stummelauspuff und die LED-Rückleuchte in die Jetzt-Zeit transferiert. Kritiker halten die Optik für zu weit weg vom „Original“, als dass der Rückbezug funktioniert, die Verantwortlichen sprechen dagegen davon keine Replika, sondern eine zeitgenössische Interpretation aufgelegt zu haben.

Sei’s drum - wichtiger ist ja, wie die XSR700 funktioniert. Zunächst erfreut die Japanerin mit einer altbewährten Ergonomie, die nichtsdestotrotz aktueller denn je ist: Nach dem mühelosen Aufsitzen platziert die XSR ihren Fahrer im besten Sinne klassisch aufrecht in 815 Millimeter Höhe hinter dem leicht nach hinten gekröpften Lenker, die Füße ruhen auf tiefen Rasten und die Knie finden einen prima Anschluss an den schlanken Tank. Der Blick nach vorn zeigt ein modernes LCD-Rundinstrument, und über dem Scheinwerfer breitet sich die ganze Welt unverbaut im Weitwinkelformat aus. Lässig erfolgt der Druck auf den Anlasser, und schon nimmt der bekannte und unveränderte Reihenzweizylinder mit 689 ccm Hubraum aus der MT-07 seine Arbeit höchst dezent brabbelnd auf. Erst zunehmende Drehzahlen entlocken dem Triebwerk einen knurrig-bellenden Sound, der so typisch für diese Bauart ist.

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Yamaha XSR700 – Leichtgewicht trifft kraftvollen Antrieb

Schon beim Losfahren macht die XSR einen leicht kontrollierbaren, fahraktiven Eindruck. Die schmale Taille, der gut zur Hand liegende konische Lenker und das geringe Gewicht von 186 kg machen alles leicht, gefördert von der handlingfreundlichen Geometrie. Wieselflink huscht die XSR übers vorzugsweise gewundene Asphaltband und biegt völlig mühelos in jede sich bietende Kurve. Korrekturen in Schräglage? Kein Problem. Einem plötzlich im Weg liegenden Stein in der Kurve Ausweichen? Ein Kinderspiel. Das leichtfüßige, fast intuitive Handling begeistert auch versierte Motorradfahrer und macht noch unerfahrenen das Zweiradleben unheimlich leicht. Richtig gut funktionieren auch die aufgezogenen Pirelli Phantom-Pneus. Die lassen alten Hasen beim Anblick des altehrwürdigen Profils die Nackenhaare zu Berge stehen, doch die moderne Gummimischung bietet jede Menge Haftung und sorgt sogar auf feuchtem Untergrund für ein gutes Gefühl – dazu ohne störende Begleiterscheinungen wie etwa ein Aufstellmoment beim Bremsen in Schräglage.

Überhaupt offenbart die XSR gerade beim Verzögern ihren unprätentiösen Charakter und die Eignung für einen breiten Käuferkreis: Die Stopper agieren keineswegs bissig, doch effektiv und analog zur über den einstellbaren Handbremshebel eingeleiteten Kraft. Im Gegensatz zur MT-07 kommt die XSR700 ausschließlich mit ABS, aber das ist ja bekanntlich kein Nachteil.

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Ebenfalls ein Quell der Freude: Der Antrieb. Unverändert aus der MT-07 übernommen, begeistert der Vierventiler mit ordentlichem Durchzug und einem extrem breiten nutzbaren Drehzahlband. Damit holt der flüssigkeitsgekühlte Einspritzmotor den maximalen Fahrspaß aus 75 PS und 68 Newtonmeter Drehmoment heraus und macht häufige Schaltarbeit im Sechsganggetriebe überflüssig, denn am Kurvenausgang serviert selbst ein eigentlich zu hoher Gang ausreichend Vortrieb. Für Führerschein-A2-Kandidaten halten die Händler einen 35-kW-Umrüstsatz bereit.

Der ebenso gut dosier- wie fühlbare Druck geht auf den 270 Grad Hubzapfenversatz der Kurbelwelle zurück, der auch dem Motorensound mehr Fülle verleiht. Eine leichte Ausgleichs-welle und die Gummilagerung des Lenkers hält Vibrationen vom Fahrer fern, der XSR-Reihenzweizylinder läuft sehr kultiviert und dazu sparsam: Das Wechseldisplay im Anzeigeinstrument wies für die engagierte 180-km-Testrunde einen Verbrauch von knapp fünf Liter aus.

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XSR 700 – Fahreindrücke vermitteln guten Komfort

Guter Fahrkomfort kommt neben der Sitzposition von der sensibel ansprechenden Telegabel, die schon auf feine Bodenunebenheiten reagiert. Insgesamt sind Telegabel und noch mehr das Federbein wie bei der Schwester MT-07 sehr soft, fast schon lasch ausgelegt, was zu Lasten der Präzision geht. Im Fahrbetrieb kann die außergewöhnliche Agilität im Zusammenspiel mit dem famosen Antrieb diese kleine Fahrwerksschwäche jedoch erstaunlich gut kaschieren.

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Trotz des vergleichbar unkomplizierten Fahrerlebnisses und der Übernahme wesentlicher Komponenten unterscheidet sich die XSR700 nicht nur in Sachen Besitzerstolz vom Ausgangsmodell MT-07 – sie weist feine Details wie schicke Tank- und Kühlerblenden aus Alu, einen wertigen Alu-Halter für die vordere Radabdeckung und sogar geschmiedete Alu-Lampenhalterungen auf. Während die MT aus Japan stammt, wird die XSR in Frankreich mit einem neuen Stahlrohrrahmen montiert, dessen geschraubtes Heck für individuelle Lösungen im Handumdrehen abmontiert ist. Im speziellen Customizing- und Zubehörprogramm von Yamaha stehen mehr als 40 maßgeschneiderte Produkte von der Lampenverkleidung bis zum Gepäckträger bereit, die mithilfe der neuen Yamaha-App „My Garage“ am Computer in einer 3D-Ansicht virtuell hinzugefügt werden können.