Ducati XDiavel - Fahrbericht

Ducati XDiavel - Fahrbericht


Mehr als nur ein Cruiser

Seit nunmehr 5 Jahren bereichert Ducati unser Straßenbild mit dem Muscle Bike Diavel. Ganze Gruppen trifft man in Alpen oder am Gardasee mit ihren mächtigen Geräten, was irgendwie immer wieder beeindruckend ist. Nun legen die Jungs aus Bologna noch ein großes X drauf und präsentieren uns mit der XDiavel ihren ersten Cruiser.

Cruisen und Ducati – geht das überhaupt? Kennt man doch von den Italienern nur dynamische und übersportliche Bikes, bei denen Low-Speed nur zum Verlassen der Stadt oder Boxengasse angedacht ist. Die Roten aus Bologna wollen jedoch weiterhin wachsen und so ist es naheliegend den extrem großen Cruiser Markt zu erschließen. 13.000 Stück der 162PS starken Diavel wurden weltweit seit 2011 abgesetzt – 2.750 davon in Deutschland. Und was bietet sich hier mehr an, als das neue Bike im Heimatland der Cruiser – den USA – zu präsentieren? So ging es also nach San Diego an den südlichsten Zipfel der amerikanischen Westküste.

Die italienischen Ingenieure und Designer rund um Eugenio Gherardi (Projektmanager) und Stefano Tarabusi (Produktmanager) entwickelten mit der XDiavel ein komplett neues Bike, welches mit der Diavel bis auf den Namensbestandteil nicht mehr viel zu tun hat. Kern ist sicher das wunderschön verarbeitete Testastretta DVT 1262ccm V2-Aggregat mit seinen 156 Pferdestärken und mächtigen 129 Newtonmeter bei 5.000 Touren (im Vergleich, die Diavel hat ihr maximales Drehmoment erst bei knapp 8.000 Touren), das cruisertypisch in einen relativ kurzen aber mächtigen Gitterrohrrahmen verbaut wurde und seine Kraft per wartungsarmen Zahnriemenantrieb überträgt. Dazu gibt es ein kurzes Heck, welches quasi auf Höhe der Hinterradachse endet, was bei einem Radstand von 1.615 Millimetern, einer Sitzhöhe von 755 Millimetern und einem abgeflachten Lenkkopfwinkel von 30 Grad, eine megacoole Cruiseroptik entstehen lässt. Die Silhouette ist Ducati-typisch sexy gezeichnet mit einem dominierenden muskulär und tropfenförmigen erscheinenden Tank. Dass die Fußrasten weit vorne zu finden sind, ist bei einem Cruiser selbstredend.

Ergonomisch ist die XDiavel ein Traum und bietet selbst bei 193 Zentimetern Körpergröße reichlich Raum und das Gefühl auf dem richtigen Platz zu sitzen. So kann man die Fußrasten in 4 unterschiedlichen Positionen und die Lenkerenden in 3 Stellungen montieren. Dazu bietet Ducati 5 verschiedene Sitzbänke an, was in Summe 60 Kombinationen an Einstellungen ergibt. Und wer auf dem kleinen Soziussitz jemanden mitnehmen möchte, kann die optionale Sozius-Rückenlehne montieren.

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Ducati XDiavel - Cruising und Sport, der Modus macht´s

Wer nun aber denkt, dass Ducati ein unsportliches Gerät hingestellt hat, das rein zum dahintuckern taugt, hat sich mächtig getäuscht! Die XDiavel besitzt 3 unterschiedliche Fahrmodi: Urban, Touring und Sport, die sich im Grunde schnell und direkt am Lenker über einen Knopf wechseln lassen. In der Praxis funktioniert dies nicht immer reibungslos, da man zum einen den Modus durch Drücken der Tasten wählen und dann das Gas komplett schließen muss. Kann man dies situationsbedingt nicht sofort tun, springt der Modus wieder zurück. OK, so oft wechselt man den Modus dann auch wieder nicht.

Durch die 3 Modi lassen sich aber für jede Situation die entsprechenden Zustände herstellen. So cruist man im Urban-Modus mit maximal 100 Pferdestärken entspannt dahin, der Motor geht weich ans Gas und die Leistungsentfaltung erfolgt soft – man gleitet förmlich dahin und geniest die Natur. Wählt man den Sport-Modus, so erlebt man ein explosives, hart ans Gas gehendes Monster, das bereits bei 3.000 Touren 100 Newtonmeter über den mächtigen 240-iger Pirelli Diablo Rosso II auf den Asphalt überträgt und einen quasi zwingt die maximale Schräglage von 40 Grad auszunützen. Schon mal mit einem Cruiser bis hoch in den 2.Gang Powerwheelies gemacht? Die XDiavel tut dies – der Hammer. Für ganz Mutige gibt es eine Ducati Power Launch Control (DPL), mit deren Hilfe Traktion und Wheelie-Verhalten optimal aus dem Stand gesteuert wird und man so den Kavalierstart problemlos hinbekommt. Angesichts der sehr restriktiven Regeln in den USA, konnten wir dies leider nicht ausgiebig testen.

Geregelt werden diese ganzen Einstellungen mit Hilfe der Bosch Inertial Measurment Unit (IMU) und unzähligen Sensoren für Längs-, Quer- und Vertikalbeschleunigung sowie Messung der Gier- und Rollrate des Bikes. Allerdings fühlt sich der desmodromisch gesteuerte V2 unter 3.000 Touren nicht so wirklich wohl, da ruckelt es doch mächtig in ihm und man spürt, dass der Testastretta eben aus dem drehzahlfreudigen Sportbereich stammt. Überschreitet man aber die 4.000 Touren, so sorgt das Ride-by-Wire-System für brachialen Vortrieb.

Möchte man sich nun wieder etwas entspannen, so schaltet man die perfekt bedienbaren Ducati Cruise Control (DCC) – im Volksmund auch Tempomat genannt – ein und kann nun bequem per Wippe beschleunigen oder die Geschwindigkeit reduzieren. Würde nun noch die eingestellte Geschwindigkeit im hervorragend ablesbaren 3,5 Zoll-TFT-Display angezeigt werden, dann gebe es dafür die Note 1 mit Stern. Leider fehlt für den perfekten Cruising-Modus ein Doppelkupplungsgetriebe oder wenigstens ein Schaltassistenten der heut zu Tage doch Standard sein sollte. So muss man also noch old-school-mäßig mit Kupplung das sehr gut arbeitende Getriebe schalten.

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XDiavel - Superbike-Technik im Cruiser

Sicherheitstechnisch ist die XDiavel hervorragend ausgestattet. So hat man ihr radial montierte Monobloc M4-32 Brembo Bremszangen verpasst und der XDiavel S sogar die M50 Stopper der 1299 Panigale, welche bei ambitionierter Fahrweise die vollgetankten 247 Kilogramm mal so richtig verzögern. Und sollte die Verzögerung doch zu mächtig ausfallen, dann regelt das Bosch Kurven-ABS entsprechend nach.

Fahrwerksseitig wurde tolle Arbeit geleistet. So liegt die XDiavel satt auf der Straße und bügelt jede Welle hervorragend darnieder. Man muss zwar an dem breiten exzellent positionierten Rohrlenker das ein oder andere Mal in Schräglage nachdrücken, dies ist jedoch nur bei sportlicher Fahrweise von Nöten. Das Mono-Federbein hinten könnte im Cruising-Modus vielleicht etwas weicher abgestimmt sein und so gerade bei Querrillen etwas mehr Komfort bieten, dafür ist die mächtige voll verstellbare 50 Millimeter Marziocchi-Gabel ein Garant für direkte Rückmeldung vom Vorderrad. Wer gerne sportlich unterwegs sein möchte, der wird um die Diamond-like-Carbon (DLC) beschichtete Marzocchi-Gabel der XDiavel S jedoch nicht herumkommen.

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XDiavel oder XDiavel S – darf es etwas mehr sein?

In der Basisversion kostet die XDiavel 19.890 Euro. Hierfür bekommt man technisch im Grunde bis auf die DLC-Beschichtete Gabel, die mächtigen Brembo M50-Bremszangen und das Bluetooth-Modul für das Infotainment-System alles was die 3.000 Euro teurere XDiavel S auch hat.

Der Unterschied ist eher in der Optik zu finden. So hat die S mit ihrem geschmiedeten, gefrästen und polierten Felgen im Turbinen-Design einen absoluten Eyecatcher. Montiert ist das mächtige Hinterrad an einer gebürsteten Einarmschwinge im Alu-Look, wobei mir persönlich die matt schwarze der Standardversion besser gefällt. Dazu kommt noch eine gefräste und polierte Aluminium-Zahnriemenabdeckung sowie Aluminium Rückspiegel. Für einen weiteren Blickfang sorgen die überfrästen Motorenseitenteile und das LED-Tagfahrlicht Daylight Running Light (DLR). Farblich kommt die Standard XDiavel in einem Dark Stealth (Matt Black) daher, während die S mit edlem Glossy Black (Trilling Black) sowie einem mattschwarzen Streifen und einer roten Linie über den Tank und Frontfender aufwartet.

Fahrerausstattung: Helm Nolan N21 Visor, Jacke Vanucci Passatempo, Hose Held Crackerjack

Text: Rainer Friedmann

Bilder: Ducati/Friedmann