Yamaha MT-03 - Fahrbericht

Yamaha MT-03 - Fahrbericht


Die (kleine) dunkle Seite der Macht

Die MT-Reihe wird ja mit dem Slogan „The dark Side of Japan“ beworben. Jetzt bekommt diese einen kleineren Ableger: die neue MT-03 schließt die Lücke zwischen der kleinen MT-125 und der MT-07, jetzt scheint die Familie der Nachtschattengewächse komplett zu sein. Wie sich die dunkle Seite Japans so als Einsteiger-Motorrad bewegen lässt, durften wir mit der MT-03 in Südspanien er-fahren.

„In der Vergangenheit haben wir Japaner funktionale Motorräder zu einem günstigen Preis gebaut”, erklärt Shun Miyazawa bei der Presse-Präsentation des neuen Einsteiger-Bikes MT-03 in Alicante. „Das hat lange funktioniert. Aber wir haben uns wenig um die Bereiche gekümmert, die man heute als Subkultur bezeichnet. Mit der MT-Baureihe hat sich das geändert.” Motorräder für Bauch und Herz und nicht nur für den Kopf möchte der Yamaha-Produktmanager verstärkt anbieten. „The dark Side of Japan” hat man sich dafür als Slogan ausgedacht. Und offensichtlich liegt Yamaha damit im Gegensatz zu den anderen japanischen Herstellern nicht falsch. Wer sich heute mit Yamaha-Offiziellen über den Markt unterhält, blickt fast nur in zufriedene Gesichter. Das war vor einigen Jahren noch ganz anders, da steckte Yamaha in einer tiefen Krise, verlor Kunden und Marktanteile vor allem an europäische Hersteller wie BMW und Ducati, die eine regelrechte Retro-Welle losgetreten hatten. Also genau solche Bauch-Motorräder zeigten, von denen Miyazawa spricht.

Yamaha MT-03 2016 07

Die Wende leitete Yamaha mit der MT-Baureihe ein, eine Art Streetfighter, der die dunkle Seite der Macht verkörpert wie kaum ein Motorrad vorher: aggressiv, extrem agil, emotionsgeladen, aber auch vertrauenserweckend und technisch. Offensichtlich erreichen die Modelle Herz und Bauch der Motorradfahrer, in den zwei Jahren seit Einführung der ersten MT-09 hat Yamaha 67.500 MTs verkauft. Die MT-07 war 2015 mit 12.905 Einheiten nach der BMW R 1200 GS das erfolgreichste Motorrad in Europa. Und die MT-125 gehörte im gleichen Jahr mit 2.500 Stück zu den Topsellern bei den Leichtkrafträdern hierzulande.

Yamaha MT-03 – flinker und komfortabler Flitzer

Nun schieben die Japaner mit der MT-03 ein attraktives Einsteiger-Motorrad nach, das jüngeren Fahrern mit Führerschein A2 die dunkle Seite Japans näher bringen soll. Im Gegensatz zur sportlichen YZF-R3 ist ein wichtiges Merkmal der kleinen MT die aufrechte Sitzposition. Der Lenker ist fast 40 mm höher und 20 mm näher zum Fahrer angebracht als bei der R3, außerdem 40 mm breiter. Die Kombination aus breitem Lenker, moderater Sitzhöhe von 780 mm und nicht weit hinten angebrachten Fußrasten vermittelt eine gute Kontrolle und eine gute Übersicht im Alltagsverkehr. Die Ergonomie passt sowohl großen wie normalgewachsenen Fahrern. Selbst nach längeren Überlandfahrten steigt man unverkrampft und entspannt vom Bike.

Ein charakteristisches  Merkmal der MT-Familie ist die nach vorn orientierte Silhouette mit dem minimalistischen Heck und dem zentral angebrachten Schalldämpfer. Einen optischen Unterschied zwischen der ausgewachsenen MT-09 und der schlanken Dreier erkennt man auf den ersten Blick kaum. Ein dicker 150er-Hinterradreifen hätte den Eindruck sicher noch verstärkt, doch um eine hohe Wendigkeit zu erzielen, habe man sich für ein 140/70-17 Hinterrad und ein 110/70-17 Rad vorne entschieden, erläutert Shun Miyazawa. Keine schlechte Entscheidung, die MT-03 lässt sich geradezu spielerisch durch die dickste Rushhour zirkeln, Wendemanöver gelingen fast auf dem Fleck.

Yamaha MT-03 2016 11
 

Antrieb MT-03 – kräftiger Reihenzweier mit Hang zu hoher Drehzahl

Der flüssigkeitsgekühlte Zweizylinder-Reihenmotor wurde komplett von der YZF-R3 übernommen. Der kompakte und leichte Vierventiler besitzt ebenfalls 321 cm3 Hubraum,  die gleiche Leistung von 42 PS wie der 300er-Supersportler und auch das maximale Drehmoment von 29,6 Nm wird bei 9.000/min erreicht. Die nackten Zahlen machen schon deutlich, dass die MT-03 kein Cruiser für Schaltfaule ist. Die 300er bevorzugt aktive Fahrer, die gerne am Quirl drehen und die Drehzahl hoch halten. Das bestens funktionierende, exakt einrastende Sechsgang-Getriebe unterstützt diese Fahrweise nach dem Motto: wer zu spät schaltet, den bestraft der Kurvenausgang. Erst ab 5000/min entfaltet der dohc-Motor seine Kraft richtig, beschleunigt sauber und gleichmäßig bis die 10.000er-Marke erreicht ist. Selbst im Zweipersonenbetrieb – vorausgesetzt die Sozia gibt sich mit dem etwas knapp bemessenen Polster hinter dem Fahrer zufrieden – lässt der Fahrspaß nicht nach und der Vorsprung der vorauseilenden Meute wird nicht größer.

Yamaha MT-03 2016 03

Die 168 kg der vollgetankten MT-03 kompensieren jede Doppelbelastung locker. Für das niedrige Gewicht ist der Stahlrohrrahmen mitverantwortlich, der ebenfalls von der YZF-R3 stammt. Die beiden Hauptrohre wurden aus 35 mm starkem Stahlrohr gefertigt, was für ausreichend Verwindungssteifheit sorgt. Das Kurbelgehäuse fungiert als tragendes Bauteil des Fahrwerks, wodurch das Gesamtgewicht reduziert werden konnte. In Verbindung mit der Kobayashi-Telegabel vorn und der Zweiarmschwinge mit Zentralfederbein hinten überzeugt das Fahrwerk mit gutem Fahrkomfort. Selbst Fahrbahnschweller oder Schlaglochpisten bringen die MT-03 nicht aus der Fassung und übertragen sich nur ordentlich gedämpft auf den Fahrer. Und im Notfall springt ein Bremssystem aus schwimmendgelagerter, 298 mm großer Scheibe mit Doppelkolben-Bremssätteln vorn und 220er Scheibenbremse mit Einkolben-Bremssattel hinten in die Bresche. Das ganze System ist entsprechend der Zielgruppe recht defensiv ausgelegt, Druckpunkt und Dosierbarkeit dürften ruhig etwas knackiger ausfallen. Völlig unaufgeregt arbeitet das mitgelieferte ABS.

Text: Norbert Meiszies

Bilder: Yamaha