Triumph Thruxton R - Fahrbericht

Triumph Thruxton R - Fahrbericht


Viel zu schade fürs Café

Es ist schon ein Jammer: Jetzt baut Triumph mit der neuen Thruxton den wohl aktuell schönsten Serien-Café Racer auf dem Markt und dann machen sie einen fatalen Fehler. Die neue Triumph fährt so gut ums Eck, das kein Motorradfahrer mit dem schicken Power-Twin nur bis zur nächsten Eisdiele fahren wird. Im Gegenteil, denn die Thruxton ist eine echtes Fahrspaßpaket mit einem Extra-Zuschlag in Sachen geiler Old-School-Optik. Sicher ist: Alle Freunde der bislang weitgehend konkurrenzlosen BMW RNineT haben nun eine echte Alternative!

Wer eine BMW GS bewegt, hat es wirklich leicht: Das Teil fährt prima auf jeder Art von Straße und wird daher auch genauso eingesetzt. Alle, die damit „nur“ zur Eisdiele gondeln, machen das auch, um Eis zu essen - Punkt! Klare Ansage, alles gut, niemand ist unzufrieden, am wenigsten wohl das stilbildend-rustikal gestylte Bayern-Bike selbst. Ganz anders dagegen treten viele der „echten“ Café Racer-Motorräder auf: Die meisten Bikes und Umbauten in diesem Genre sind zwar schön anzusehen, aber mit ihren tiefliegenden Lenkerstummeln meist so grottig unbequem, das die Flucht zum nächsten Cafè oder Biergarten - ergo der Pflegestation für schmerzende Bandscheiben und Handgelenke - oft als bestes Ziel jeder Kurztour angeraten ist. All jenen, die der leider zu früh vom Markt verschwundenen Ducati 1000 Sport nachtrauern und deren die R NineT von BMW zu modern gestylt oder zu Boxer-Motorisiert ist, können nun aufatmen: Die Thruxton R von Triumph könnte genau das Motorrad sein, das sie suchen. 

Bei Triumph heißt es in Sachen klassisch gestylter Motorräder seit letztem Oktober: alles zurück auf Start. Die Zeiten der Monokultur mit dem gediegen-altmodischen 885er Zweizylinder sind endgültig Geschichte, und das ist gut so, denn die neuen Euro-4-Twins mit 900 und 1.200 Kubik bringen wieder Schwung und Dynamik in diese Kategorie. Das besonders Spannende bei den neuen Motorrädern mit dem großen Triebwerk: Triumph hat das Kunststück hinbekommen, mit der Bonneville T 120 und der Thruxton R zwei Motorräder auf die Räder zu stellen, deren Charakter so unterschiedlich ist, dass die neue „Modern Classics“ Baureihe nicht wie eine Monokultur mit variierender Optik, sondern eher wie eine veritable Patchwork-Familie daherkommt. Oder anders gesagt: Wenn die neue Bonneville bei dieser Familienaufstellung wohl immer Mutters Wunsch-Schwiegertochter darstellt, also genau jene Frau, mit der man zuverlässig und ohne Stress aber auch ohne Überraschungen alt werden kann, ist die Thruxton R dagegen ist genau jenes Mädel, das schon auf dem Schulhof allen Jungs den Kopf verdreht hat und mit der man auch bei jedem Klassentreffen danach immer wieder sofort Hals über Kopf durchbrennen möchte.

Einzige Voraussetzung für eine Liaison mit der eleganten Engländerin: Einen potenziellen Käufer darf es nicht kümmern, dass seine Motorrad-Kumpels mit mehr PS prahlen können. Doch auch hier gilt die alte Fußballer-Weisheit: „Was zählt, ist auf dem Platz“ - und auf der Straße zeigt die Triumph, dass ein ausgewogenes Verhältnis von sattem Drehmoment zu Topleistung der Schlüssel zum Fahrspaß-Glück sein kann. Zahlen gefällig? Die Thruxton wuchtet bereits bei rund 2.500 U/min über 100 NM auf die Kurbelwelle und hält dieses Niveau bis fast 7.000 U/min bei - ein großartiger Wert, der sich auf der Straße mit Power in allen Lebenslagen deutlich bemerkbar macht. Zum Vergleich: Die sicher auch nicht schwachbrüstige R NineT kommt erst bei 3.500 U/min über die magische 100Nm-Grenze, der Schiffsdiesel-Vierzylinder der Yamaha XJR1300 passiert diese Marke sogar erst bei rund 4.000 Umdrehungen. Wir sind uns sicher, die nominelle Mehrleistung dieser beiden Mopeds gegenüber der Thruxton (110 PS bei der BMW und 102 PS bei der Yamaha zu 97 PS bei der Triumph) dürfte wenn, dann nur bei Autobahn-Highspeed eine Rolle spielen, also: so what?

Bevor wir’s vergessen, hier noch ein Besserwisser-Einschub vorab für die nächste Stammtischrunde: Wer von den Kumpels gefragt wird, woher denn dieser sperrige Zungenbrecher-Name überhaupt kommt: Im südwestenglischen Örtchen Thruxton liegt eine auf der Insel legendäre Motorrad-Rennstrecke. Wegen zahlreicher Siege dort trugen viele Werks-Racer von Triumph schon seit den 1950er Jahren den Namen des Rundkurses. 

Motor Triumph Thruxton R: British Heartbeat

Leider war es nichts mit dem direkten Durchbrennen mit der schönen Engländerin bei der ersten Begegnung im Rahmen der Pressepräsentation in den Bergen nördlich von Lissabon. Obwohl dieser Gedanke wohl einigen der Kollegen inklusive dem Autor sicher gekommen ist, denn - so viel sei verraten -  die Thruxton R ist ein verdammt gutes Motorrad geworden. Großen Anteil daran hat natürlich das brandneue 1.200er Kraftwerk. Gegenüber dem „High Torque“ Motor in der Bonneville ist dieser mit weniger Schwungmasse an der Kurbelwelle ausgerüstet, dreht daher spürbar leichter hoch. Diese „High Performance“ - Version des neuen Twins aus Hinckley geht mit seiner Ride-by-wire-Steuerung wunderbar fein und direkt ans Gas und liefert dabei immer satte Power. Es ist wirklich in jedem Drehzahlbereich oberhalb von 2.000 U/min ein Heidenspaß bei der Thruxton am Quirl zu drehen - kein Vergleich zum eher beruhigend-souverän zu Werk gehenden neuen Bonnie-Motor. Oder kurz gesagt: Wo das „High-Torque“ Triebwerk der Bonneville für Seelenmassage und Drehmoment-Surfen optimiert wurde, ist die „HP“-Variante des neuen 1.200er-Twin für puren Rock’n‘Roll zuständig!

Triumph Thruxton R 2016 18

In Sachen elektronischer Helferlein hat natürlich auch die Thruxton das bei allen neuen Modern Classic Bikes von Triumph vorhandene Paket aus ABS und Traktionskontrolle nebst Fahrmodi mit an Bord. Anders als bei den weniger sportlichen Modellen in der neuen Modellfamilie sind ABS und Traktionskontrolle abschaltbar, außerdem geht der Café Racer neben Rain und Street noch mit dem zusätzlichen Modus Sport an den Start. Für alle Modi gilt, dass nur die Art der Gasannahme via Kennfeld und Ride-by-Wire System geregelt wird, die Topleistung bleibt in allen Modi gleich. 

Auch in Sachen Sound ist Entwarnung für all jene angesagt, die mit den Regelungen der Euro-4-Norm das Ende jeglicher lustvoller Motorrad-Lautäußerung befürchtet hatten. Wie schon bei der Street Twin und auch der  Bonneville hat es Triumph geschafft, einen standesgemäßen und legalen Twin-Klang hinzugekommen, der nicht nur bei Überholmanövern wohlige Schauer bei allen Zweizylinder Fans erzeugen dürfte. Dass sich dazu auch noch gut spürbare Vibrationen gesellen, macht den neuen 1200er noch sympathischer. Die Good Vibrations werden dabei nie aufdringlich, denn statt nerviges Kribbeln zu produzieren, wirft die Thruxton den Massagemodus an. Im direkten Vergleich mit der Bonnie sind Sound und Vibrationen bei der Thruxton passend zu dessen Charakter übrigens noch etwas kerniger und kräftiger zu spüren: Läuft! 

Fahreindruck Thruxton R: Der Gentleman-Racer 

Apropos kernig: Die sportlich-straffe Solo-Sitzbank macht ihren Job überraschend gut, auch nach fast drei Stunden Fahrt gibt es noch keine dringenden Pausenwünsche vom Sitzfleisch. Natürlich gibt es auch einen 2-Personen-Kit mit langer Bank und Sozius-Fußrasten, aber optisch ist der Single-Sitz mit der hinteren Abdeckung natürlich unschlagbar. Zum Thema Sitzposition: Auf der Thruxton sitzt man aktiv-versammelt, aber nicht zu sportlich, was die seitlichen Einbuchtungen am Tank mit exzellentem Knieschluss kongenial unterstützen. Damit bekommt der Triumph-Reiter die beste Grundlage, um das tolle Chassis der neuen Thruxton R standesgemäß genießen zu können, denn das Fahrwerk mit 17-Zoll-Reifen vorne und hinten (dort in der handlingfördernden 160er Dimension) und bestens haftender Pirelli Diablo Rosso Corsa-Ausstattung ist wirklich erste Sahne. Die Big-Piston-Gabel von Showa und die Öhlins Federbeine hinten sind natürlich voll einstellbar und verwöhnen mit feinem Ansprechverhalten und straffer Dämpfung wenn es drauf ankommt. Zudem fährt die (mit einem kürzeren Radstand als die Speed Triple ausgerüstete) Thruxton R superpräzise auf der anvisierten Linie, verwöhnt mit bestem Handling und ist in allen Schräglagen stabil und neutral. Neben der wunderschönen Optik und dem Sahne-Motor liefert das Chassis damit unbestritten das dritte Highlight im äußerst gelungenen Thruxton R-Genießerpaket. Zugegeben, es gibt auch einige (wenige) Sportmotorräder, die mit einem so fein ausbalancierten Fahrwerk ausgerüstet sind - im Bereich der sogenannten Retro-Bikes war dieses Edel-Niveau jedoch bislang schlicht nicht zu haben. Dass die Triumph-Entwickler diesen Anspruch wirklich ernst nehmen zeigt die Brems-Ausstattung der R mit den sehr feinen Brembo-Monoblocks, die in Sachen Wirkung und Dosierbarkeit kaum zu toppen sind.

Triumph Thruxton R 2016 04

Die Triumph-Entwickler verdienen höchstes Lob, denn mit der Thruxton R haben sie den ersten wahren Gentleman Racer geschaffen. Oder anders formuliert, die R ist ein Bike, das sich auch im feinen Zwirn auf die Rennstrecke trauen darf, ohne Gefahr zu laufen, dort durch Mopeds vom Kaliber etwa der Speed Triple aus gleichem Hause zum Full English Breakfast vernascht zu werden. Vielleicht auch ganz im Gegenteil, denn Triumph wird für die Thruxton R demnächst ein veritables Track-Racer-Kit für den Rennstreckeneinsatz anbieten, das auch einige Tuning-Teile für den 1.200er-Twin beinhaltet. Spätestens damit dürfte die Thruxton R dann unter kundiger Hand endgültig zur Geheimwaffe bei Renntrainings mutieren, zumindest auf jenen Kursen, die nicht mit elend langen Full-Power-Geraden aufwarten können.

Das Gros der kommenden Thruxton-Eigner wird ihr britisches Schätzchen jedoch sicher vornehmlich auf der Landstraße bewegen, denn hierfür bietet die elegante Lady schlicht ein optimales Paket für intensiven, langen Kurvengenuss. Das ist fast auch schon wieder schade, denn der neue Serien-Café-Racer bringt auch die besten Gene für intensives Pausen-Hopping mit - vor der Eisdiele macht die Thruxton einfach eine hervorragende Figur. Dabei bleibt dann auch genug Zeit, die vielen edlen Details zu würdigen, die Triumph der R serienmäßig spendiert hat: allein für den Monza-Tankdeckel, das Aluminiumband über dem Tank oder die hochglanzpolierte obere Gabelbrücke - natürlich ebenfalls aus Alu gefertigt - würden viele Fahrer anderer Bikes sicher einiges springen lassen. Auch die mit Alufelgen bestückten Speichenräder sind alles andere als Billigware und bringen durch die verringerten rotierenden Massen zudem ein Handling-Plus.

Triumph Thruxton R 2016 11

Preis und Ausstattung Thruxton R - Liste der 160 Verführungen

Wenn der stolze Triumph-Eigner dann bei einer dieser Pausen beschließen sollte, sein ganz persönliches Bike bauen zu wollen, bekommen Triumph Händler sicher in vielen Fällen leuchtende Augen, denn die Verführungliste feiner Zusatzausstattung ist über 160 Einzelpositionen lang. Edelteile wie etwa die unverschämt gut klingenden Slip-on-Töpfe von Vance & Hines oder die schlanke Halbschalenverkleidung spülen dann nochmal satten Zusatzumsatz in die Kasse. Besonders leicht gehen die Upgrades mit den Inspiration Kits genannten Rundum-Sorglospaketen der Briten vonstatten. So kostet etwa das Track-Racer-Kit mit Verkleidung, niedrigen Lenkerstummeln und weiteren Goodies 2.390 Euro - zusätzlich zum auch nicht als Schnäppchen zu bezeichnenden Einstiegspreis von 14.500 Euronen für das Thruxton R Basisfahrzeug. Allerdings liegt eine deutlich weniger gut ausgestattete nineT auf gleichem Preisniveau. Im Übrigen: Wer auf das Veredelungspaket aus Fahrwerk und Bremsen verzichten kann, kommt für die Standard-Thruxton genau 2.000 Euro günstiger weg. Inwieweit dieser Verzicht sich auf den Fahrspaß mit der schicken Britin auswirkt, sollte jeder vorab bei einer Probefahrt abchecken, denn die oben stehende Einschätzung bezieht sich natürlich nur auf das von uns bewegte R-Modell. Aber wie bei jeder Entscheidung aus Leidenschaft, werden schnöde Sparsamkeitsargumente sicher bei vielen schnell beiseite gewischt: Wer sich bei der ersten Proberunde spontan in die Thruxton verliebt - und vor dieser Gefahr wird ausdrücklich gewarnt - wird sie wohl am liebsten in der Edel-Version in die Garage schieben wollen. So denken auch die Triumph Offiziellen, die von rund einem Zweidrittel-Anteil der R bei den Thruxton-Modellen ausgehen.

Fahrerausstattung: Helm Nolan N21, Jacke & Hose Hein Gericke Tripmaster TFL Cool