Triumph Bonneville T120 - Fahrbericht

Triumph Bonneville T120 - Fahrbericht


Mit Vollgas zurück in die Zukunft

Entschleunigung auf beste englische Art: Wer der Meinung ist, dass nur Knechte ihren Buckel rund machen und zum Ausleben der aufrechten Gangart noch ein klassisch-schönes Motorrad sucht, das mit souveräner Gelassenheit und einem kräftigen Punch auch bei niedrigen Drehzahlen verwöhnt, der wird mit der neuen Bonneville T120 definitiv glücklich.

345 Kilometer pro Stunde - mit dieser Geschwindigkeit pulverisierte der Gelegenheitsrennfahrer Johnny Allen am 4. September 1956 den Geschwindigkeitsweltrekord für Motorräder. Sein „Texas Cigar“ genanntes Streamliner-Motorrad wurde dabei von einem auf rund 80 PS getunten Motor aus der Triumph Thunderbird angetrieben. Diesen Steilpass nahm die englische Traditionsmarke natürlich sogleich auf und präsentierte zwei Jahre später sein neues Topmodell Bonneville - benannt nach dem verschlafenen Städtchen, das direkt neben den Salzseen im US-Bundesstaat Utah gelegen ist auf dem auch dieser Speed-Weltrekord aufgestellt wurde. Die Bonneville war mit einem 650er-Twin mit 50 PS ausgestattet und avancierte vom Start weg schnell zum Topseller der Marke. Die Bonnie wurde damit ein wichtiger Faktor für den Aufstieg von Triumph zum weltgrößten Motorradbauer Anfang der 1960er Jahre. So viel zu unserer kleinen Geschichtsstunde in Sachen „legendäre Motorradnamen und ihr Ursprung“. 

Mit dieser Historie wundert es natürlich nicht, dass in den mittlerweile sechzig Jahren nach dem Weltrekord fast durchgehend Motorräder mit diesem Namen produziert wurden. Einzig nach dem Neustart von Triumph in Hinckley gab es zunächst nur Drei- und Vierzylinder - bis 2001 dann wieder neue Bonnies mit luftgekühlten Reihen-Zweizylindermotoren die Straßen bevölkerten. Und jetzt heißt es bei Triumph: alles auf Neustart - „Euro-4 rules the roads“. Mit gleich drei neuen Zweizylinder-Triebwerken und insgesamt fünf neuen Modellen gehen die Briten an den Start und wollen mit dieser Armada wohl allen anderen Herstellern unmissverständlich klar machen, wer in Sachen klassisch gestylter Motorräder die Pace vorgibt.

Bei der Neukonstruktion der Modern Classic Serie scheint Triumph seinen Entwicklern vor allem eines ins Lastenheft geschrieben zu haben: Kümmert Euch mit Leidenschaft um alle Details! Dieses Credo mag sicher für die meisten Motorradkonstrukteure zutreffen, wenn Effizienz, Gewichtsersparnis und Power im Vordergrund stehen. Bei den neuen Brit-Bikes gilt dies jedoch in besonderem Maße für Kleinigkeiten wie die Gestaltung und Materialauswahl bei schnöden Abdeckungen, die akribisch weitgehend unsichtbar verlegten Kabel und Züge oder die Anordnung und das Finish von Schraubverbindungen. Kunststück, werden viele sagen, sie mussten ja nur ihre alten Bikes kopieren. Das stimmt natürlich vor allem für die Formgebung zahlreicher Teile, aber im direkten Vergleich mit der Vorgängerin die praktischerweise im Präsentationsraum über den Familien-Nachwuchs wachen durfte, fällt auf, das hier mehr Kompromisse in Detail gemacht wurden, die es bei den neuen Modellen zumindest nicht sichtbar gibt. 

Soll heißen: Wer sich für gut gemachte Maschinenbaukunst und schön gestylte Oberflächen erwärmen kann sollte mal sein kundiges Auge auf Bonneville T120 und Thruxton werfen, sie haben es verdient. Auch in Sachen Ausstattung erfüllen die neuen Modelle einen guten Standard: Mit dabei ist eine zweistufige Griffheizung, LED-Tagfahrlicht und Rücklicht, Wegfahrsperre, USB-Ladebuchse, Hauptständer und wie schon erwähnt ABS, Traktionskontrolle sowie zwei Fahrmodi. Das hat natürlich auch seinen Preis: Die Bonneville T120 und T120 Black sind in Deutschland in der Farbe „Jet Black“ für 11.900 Euro zu haben, weitere einfarbige Varianten kosten 150 Euro Aufpreis, zweifarbig 300 Euro. Wer noch ein paar zusätzliche Scheinchen im Geldbeutel hat, kann diese im umfangreichen Programm an Zubehörteilen und Accessoires lassen. Zum Beispiel das sogenannte „Inspiration Kit“ mit dem passenden Namen „Prestige“ mit dem die Bonnie für rund 1.600 Euro ein schönes Package an Goodies bekommt - inklusive maßgeschneiderter Vance & Hines Endtöpfe, die für ein weiteres Sound-Upgrade des Brit-Twins sorgen.

Triumph Bonneville T120 07

Antrieb Triumph Bonneville T120 - Heartbeat for the Soul 

In der neuen Patchwork-Family der Modern Classic-Mopeds tummeln sich mit der Thruxton und Thruxton R zwei coole Jungs, ein knackiges Teenager-Mädel namens Street Twin und natürlich die stilvoll-klassisch gekleidete Elterngeneration, die Bonneville T120 und T120 Black. Letztere unterscheiden sich nur im Farbdesign, die Black ist logischerweise fast komplett in zurückhaltendem Schwarz gekleidet, während die Standard-Bonnie mit gezielten Chromgaben und bunteren Tankdesigns funkeln darf. Passend dazu hat Triumph auch eine brandneue Motorengeneration in drei Varianten nach Euro-4-Vorgaben gebastelt. Die 900 Kubik Version ist der kleinen Street Twin vorbehalten, vom großen Motor mit 1.200 ccm Hubraum gibt es gleich zwei Varianten. Als Kraftzentrale für die Thruxton-Zwillinge in einer „High Performance“-Version mit 97 PS, als besonders drehmomentstarkes „High Torque“-, sprich Drehmoment-Aggregat mit 80 Pferden in den beiden neuen Bonnies. Der Triumph-Freund hat also in jeder Hinsicht die Qual der Wahl in Sachen Optik, Fahrfeeling und Leistungscharakteristik. Da die Triumph Entwickler ihren Job wirklich ernst genommen haben, ist die Wahl zwischen Thruxton und Bonneville eine echte Grundsatzentscheidung, wie der weitere Lebensweg als Biker aussehen soll. Oder anders ausgedrückt: Es ist wirklich beindruckend, wie verschieden sich die beiden Motorräder fahren, kein Vergleich zu den Vorgängermodellen gleichen Namens mit ihren eher bescheidenen Unterschieden bei Lenker, Sitzbank und Anbauteilen. Die akuelle Thruxton ist dabei ein ernst zu nehmendes sportliches Naked Bike, während die Bonneville in allen Details das stilechte Retro-Motorrad gibt. 

Fangen wir mit dem Herzstück an: Der neue 1.200er Twin wird in Sachen Optik jeden Classic-Fan sofort begeistern, denn die Engländer haben ihren Motorenlook aus den „Golden 50s“ perfekt auf das neue Triebwerk übertragen. Jede Schraube und jeder Deckel sitzt am richtigen Platz und ist dazu noch hochwertig ausgeführt: Wer Plastikteile oder unschön im Blickfeld liegende Kabel, Züge oder gar Schläuche sucht, muss schon ganz genau hinsehen. Genau wie die Wasserkühlung, deren schmaler Radiator optisch zwischen den dominanten doppelwandigen Krümmern zurücktritt, ist auch der notwendige Katalysator äußerst geschickt vorne unter dem Motor platziert und dadurch nur von investigativen Naturen zu entdecken - well done Triumph! Doch nun heißt es endlich „Gentlemen, start your engines“. Der von einem modernen Motorenmanagement inklusive Ride-by-wire-Steuerung kontrollierte Twin läuft sofort sauber und schiebt vom Stand weg sahnig und mit sattem Punch die Fuhre an. Ganz nebenbei bemerkt: In jeder Drehzahllage verwöhnt auch der sehr angenehme und allzeit kraftvoll vernehmbare Sound der neuen Bonnie das Gemüt der Triumph-Piloten - trotz aktueller Euro-4-Homologation!

Triumph Bonneville T120 17

Bei den ersten Metern durch die Stadt zeigt sich, dass die zuvor bei der Präsentation gezeigte Drehmomentkurve nicht zu viel versprochen hat: Mit dem sattem Doppel-Schlag des neuen Triumph-Motors gewinnt auch jede Kreisverkehr-Runde an Spaßfaktor, mit der im Vergleich zum Schwestermodell Thruxton höheren Schwungmasse gibt es drehzahlmäßig nach unten kaum ein Limit. Wer es allzu bunt treibt - konkret mit Drehzahlen knapp über dem Leerlauf - erntet ein kurzes Schütteln des Triebwerks, dann geht es wieder souverän nach vorne. Kurz gesagt: die Bonnie verwöhnt mit einer sehr angenehmen Powercharakteristik, die in jeder Schräg- und Lebenslage ein Dahingleiten mit beruhigend-gemütlichen Drehzahlen ermöglicht. Ganz gleich, ob in der Stadt oder bei zügiger Landstraßenfahrt: Zwischen 2.000 und 4.500 Umdrehungen breitet die neue Bonneville T120 ihr souveränes Wohlfühlprogramm aus, bei dem der Fahrer auch mit kleinen Gasgriffdrehs sofort auf fette Twin-Power zurückgreifen kann. Das macht viel Spaß und beruhigt gleichzeitig die Seele. Der extrem flachen Drehmomentkurve mit einem rekordverdächtigen Maximum von 105 Newtonmetern bei 3.100 U/min sei Dank. Ein leichtes Nachschieben des Big-Brit-Twins lässt sich da leicht verschmerzen. Wer die Bonnie in derart artgerechten Drehzahlen bewegt, wird bei Bedarf immer zügig unterwegs sein und daher auf dem 80-PS-Bike kein Leistungsmanko verspüren. Gefühlt ist die neue Triumph um Klassen besser motorisiert ist als ihre nominell nur rund 10 PS schwächer ausgestattete Vorgängerin gleichen Namens. 

Für alle Drehmoment-Fans ist es gut zu wissen, dass die serienmäßig verbaute Traktionskontrolle (die in den zwei Modi „Road“ und „Rain“ das Ansprechverhalten verändert, nicht jedoch die Top-Leistung) allzu forsche Gasbefehle bei Bedarf wieder einfängt. Wer Lust hat, kann die neue T 120 auch problemlos bis zur Höchstdrehzahl von knapp 7.000 U/min hochjagen, wo der Begrenzer sanft einsetzt. Da früheres Hochschalten bis in den (löblicherweise als drehzahlschonender Overdrive ausgelegten) 6. Gang jedoch deutlich mehr Vortrieb bringt, werden solche Eskapaden wohl im Bonnie-Alltag eher die Ausnahme bleiben. Apropos Alltag - sehr unbritisch zurückhaltend sind die Trinksitten des neuen Triumph-Motors: Auf der durchaus zügig gefahrenen Präsentationsrunde pendelte sich die Anzeige im Cockpit bei moderaten 58 mpg ein, was einem Verbrauch von rund 4,8 Litern entspricht und Etappen mit deutlich mehr als 250 Kilometern ermöglichen sollte. 

Fahreindruck Bonneville T120: Aufrecht durch die Welt 

Wohlgemerkt: Die neue Bonneville ist kein Cruising-Bike, das seine Fahrer in einer tiefen Sitzschale einlullt. Die im besten Sinne klassisch aufrechte Sitzposition ist ideal für zügige Landstraßenfahrten und erleichtert gleichermaßen auch ein bei Bedarf endloses Bummeln über alle Promenaden dieser Welt - relaxt und ohne Anspannung, aber nicht passiv. Rücken- oder Handgelenksschmerzen werden auf stilechten Classic-Bikes wie der Bonneville T120 sicher nicht auftauchen. Auch in Sachen Sitzkomfort hat Triumph nachgelegt: Der neue Sattel ist dicker gepolstert als bisher. Ob die „I promise you“-Aussage eines der Testfahrer ernst zu nehmen ist, dass der Sitz auch für Trips über mehrere hundert Meilen komfortabel sei, werden echte Ausdauerfahrten zeigen müssen. Der erste Komfort-Eindruck ist jedoch sehr positiv.

Triumph Bonneville T120 04

Dieser Eindruck setzt sich bei der moderaten Sitzhöhe von 785 Millimetern fort: Auch kleiner gewachsene Ladies und Gentlemen werden sich auf der schicken Engländerin immer sicher und nie überfordert fühlen. Gleiches gilt für die ABS-kontrollierten Bremsen, die niemand durch zu giftiges Ansprechverhalten verschrecken werden. Auf der anderen Seite werden Freunde der zügigen Gangart sicher etwas Biss vermissen, zum genauen Ausloten der persönlichen Befindlichkeit ist hier sicher eine Proberunde angeraten. Dann können alle Freunde des englischen Bikes auch gleich checken, ob auch das Fahrwerk zu ihren Präferenzen passt. Die Abstimmung des Chassis hat Triumph in Anbetracht der genussorientiert fahrenden Zielgruppe deutlich in Richtung Komfort getrimmt. Das taugt prima in der Stadt und bei Landstraßen besserer Kategorie. Das Rundum-Wohlfühlpaket wird jedoch sportlicher eingestellten Zeitgenossen bei knackigem Angasen und unebener Fahrbahn wohl eher zu weich sein.

Allerdings ist für diese Zielgruppe ja eben die Thruxton vorgesehen, die beim Fahrwerk und in Sachen Bodenfreiheit deutlich mehr bietet als die Bonneville T120. Diese bleibt charakterstark auf der eingeschlagenen Linie als moderne Version eines 50s Bikes - was durchaus positiv gemeint ist, denn das authentische Klassiker-Fahrgefühl wird durch das Chassis auf den Punkt gebracht. Wer im Gentleman-Modus unterwegs ist und locker mit leichter Gewichtsverlagerung und moderatem Zug am Lenker agiert, wird mit sehr zielgenauem Einlenken und leichten Schräglagenwechseln verwöhnt - dem 18-Zoll-Vorderrad und dem moderat-dimensionierten 150er-17-Zoll-Reifen am Hinterrad sei Dank.