Moto Guzzi V9 Bobber und Roamer – Fahrbericht

Moto Guzzi V9 Bobber und Roamer – Fahrbericht


Bobber oder Chopper?

Moto Guzzi präsentierte auf der EICMA im letzten Jahr mit der V9-Reihe 2 komplett neue Motorräder. Beiden tendieren schon optisch mehr ins Chopper/Cruiser-Segment, die Bobber mit dickem und in Sachen Umfang kleinem Vorderreifen, die Roamer mit großer und dafür schmaler Bereifung vorne. Beide mit lediglich 55 Pferden. Wir hatten Gelegenheiten beide am und um den Comer See zu fahren.

Moto Guzzi macht es seinen Fans nicht immer leicht. Erfolgreichstes Modell ist die V7 II, vereint sie doch klassischen Guzzi-Look mit (mittlerweile) modernen Features. Trotz geringer Leistung ist sie mit 48 ausreichend motorisiert, dennoch wünschen sich viele Fans der Marke eine große Schwester mit mehr Hubraum und entsprechend mehr Leistung, alles ab 75 PS käme sicher extrem gut an. Erste Hoffnungsschimmer dann auf der EICMA, der Name V9 versprach ja schon mal das ersehnte Plus an Hubraum, das Plus an Leistung bleib dann leider sehr überschaubar. Aber halt! Wir tun der V9 unrecht. Denn für das eigene Wunschdenken kann man weder die Bobber noch die Roamer verantwortlich machen – entsprechend kann man ich nix vorwerfen. Immerhin hat auch Triumph bei der Street Twin das Augenmerk weniger auf Spitzenleistung denn auf gute, alltagstaugliche Fahrbarkeit gelegt. Und dort hat es ganz prima funktioniert. Warum sollte dies nicht auch im Falle der V9 zutreffen?

Moto Guzzi V9 Roamer 06

Die kommt ja gleich in 2 Versionen: Bobber und Roamer. Aus einem Modell gleich mehrere unterschiedliche Versionen zu zaubern, hat bei Guzzi in der jüngeren Vergangenheit ja Tradition. Technisch sind beide Modelle weitestgehend identisch, lediglich Frontbereifung, Lenker und Sitzbank unterscheiden sich. Die Bobber kommt mit einem knubbeligen 130er auf 16-Zollfelge daher, macht also optisch einen auf dicken Schlappen. Der Lenker ist flach und gerade, die Technik (Antrieb und Auspuff) hüllt sich fast komplett in Schwarz. Die Roamer trägt vorne einen schmalen 100er auf 19-Zoll, dazu schmückt sie sich deutlich farbenfroher: der Auspuff ist verchromt, ebenso die Federn der Stoßdämpfer. Der Lenker ist breiter und höher, kommt dem Fahrer deutlich mehr. Und während sich die Bobber in mattes Schwarz oder Grau hüllt, setzt die Roamer mit Gelb, Weiß oder Rot frühlingshafte Akzente. Beim Preis ist es mit den Gemeinsamkeiten dann vorbei. Die Roamer bekommt man beim freundlichen Moto Guzzi Händler für 9.990 Euro. Will man sich eine Bobber in die Garage stellen, sollte man 10.390 Euro bereithalten.

Moto Guzzi V9 Bobber 05

Antrieb Moto Guzzi V9 – Guzzi V2 mit Euro 4 Homologation

Moto Guzzi steht für den quer eingebauten V2, Fans lieben diesen Antrieb. Eine Guzzi mit einem anderen Motorenkonzept? Undenkbar. Allerdings ist dieses Konzept sehr betagt, die Euro 4 Homologation aber dennoch unausweichlich. Leise und ruhig laufende Guzzis? Kein stampfender V2-Sound mehr? Mitnichten. Wir können alle Bedenkenträger beruhigen. Im Fall der V9 ist weiterhin ein Guzzi-tauglicher V2 am Start. Die mechanischen Geräusche sind deutlicher geringer als bisher, der V2-Sound geht auch für italienische Verhältnisse in Ordnung. Wieder einmal erweist sich Euro 4 als Schreckgespenst ohne Schrecken. Der 90 Grad-Vierventiler hat 852 Kubik und leistet die bereits erwähnten 55 PS, die bei 6.250 Umdrehungen bereit stehen. Das maximale Drehmoment von 62 NM steht bereits bei 3.000 Umdrehungen zur Verfügung. Die gebotene Power wird über einen Kardan an das Hinterrad übertragen, geschaltet wird über ein 6-Gang-Getriebe.

Nach kurzem Druck auf den Startknopf nimmt der V2 die Arbeit auf, mechanisch deutlich ruhiger als bisher üblich. Die Neigung das Motorrad bei Gasstößen zur Seite zu neigen, ist weiterhin vorhanden. Dazu bläst der V2 ab Standgas ordentlich zur Attacke. Der Sound könnte zwar dumpfer sein, geht aber komplett in Ordnung. Auch sonst alles wie man es kennt: in der Drehzahlmitte steht ordentlich Schub zur Verfügung, ab 2.000 Umdrehungen nimmt der Antrieb sauber Gas an, ab 3.000 Umdrehungen nimmt die Vehemenz spürbar zu. Drehfreude zählt nicht unbedingt zu den Stärken des V2, also lieber früher hochschalten und den Schub der Mitte nutzen. Wirklich gut hat uns die Gasannahme gefallen: weich und gut dosierbar. Ein wenig dieser Qualität hätten wir uns für das Getriebe gewünscht. Die Schaltbox unserer Textexemplare arbeitete hakelig und verlangte besonders bei den Gängen 5 und 6 Nachdruck.

Moto Guzzi V9 Bobber 08

Fahreigenschaften V9 – mal leicht und easy, mal eigensinnig und störrisch

Beginnen wir mit der V9 Roamer. Klassischer Rundscheinwerfer, schlanker Tank, schmale Reifen, flache Sitzbank mit schickem Keder – auch diese Moto Guzzi trägt klassische Züge. Von einem Chopper zu sprechen, geht sicher zu weit. Allerdings trägt die V9 Roamer durchaus Züge dieser Gattung. Dagegen spricht die Sitzposition, denn die Füße sind recht nach am Fahrer platziert. Durch den entgegenkommenden Lenker sitzt man sehr aufrecht und durchaus bequem. Die flache Sitzbank mag schick aussehen – auf Dauer könnte sie allerdings mehr Polsterung vertragen. Spätestens nach 2 Stunden verlangt das Hinterteil nach einer Pause. Sehr gelungen ist das hübsche Zeigerinstrument, gut ablesbar ist es zudem. Für den Italiener ganz wichtig: es gibt eine App mit der sich Fahrzeug und Smartphone verbinden. Über diese Schnittstelle kann dann Geschwindigkeit, Leistung, Drehmoment, Drehzahl und noch mehr notwendige oder auch unnütze Infos angezeigt werden. Damit die Infoflut kein überraschendes Ende findet, hat die V9 eine USB-Ladebuchse unter der Sitzbank. Unsere Meinung: braucht kein Mensch. Erst recht nicht an einem solchen Motorrad. 

Los geht die Fahrt am Comer See entlang. Es geht gemütlich voran, der See und die gesamte Gegend zeigen sich von ihrer schönsten Seite. Dazu brummt der V2 sehr angenehm, gemütlich Cruisen wir durch die Ortschaften. Die lassen wir dann hinter uns und geben der V9 Roamer jetzt die Sporen. Der V2 schiebt gut an, von Sprintqualitäten wollen wir aber nicht sprechen. Dazu fehlt dem Antrieb einfach ein wenig die Luft. Speziell Überholvorgänge bei Geschwindigkeiten über 100 km/h sollten mit Augenmaß angegangen werden. Es fehlt einfach ein wenig an Schmackes. Ansonsten macht es die V9 dem Fahrer sehr leicht. Sie lenkt leicht ein und hält die angepeilte Linie recht verlässlich. Das Feedback vom Vorderrad könnte besser sein, der Fahrer fühlt sich etwas entkoppelt. Dennoch ist man recht zügig unterwegs, man sollte die Guzzi aber entsprechend bewegen. Also vor der Kurve die Geschwindigkeit rechtzeitig zurücknehmen, den richtigen Gang einlegen und dann mit Zug um die Kurve. Sportlich in die Kurve hineinbremsen sollte man ebenso wie tiefste Schräglagen vermeiden. Das eine führt zu Unruhe im Fahrwerk, das andere zu frühem Bodenkontakt mit den Fußrasten.

Moto Guzzi V9 Bobber und Roamer 02

Fahrwerkseitig hinterlässt die V9 Roamer einen zwiespältigen Eindruck. Auf den ersten Metern fühlt sie sich recht straff. Federt trocken über Fahrbahnabsätze oder Gullideckel und zeigt sich nicht wirklich schluckfreudig. Geht man dann beherzt und zügig in die Kurven, schaukelt sich die V9 ein wenig auf. Unser Zwiespalt: einerseits wenig Federungskomfort, andererseits wenig Dämpfung. Insgesamt keine besonders glückliche Abstimmung. Die V9 ist einfach zu straff gefedert und gleichzeitig zu schwach gedämpft. Dennoch kann man mit der V9 Roamer viel Spaß haben, denn man kann sich gut mit ihr arrangieren. Das leichte Handling und der gute Schub des Antriebs gleichen die Macken des Fahrwerks nämlich weitgehend aus. Und kein Mensch erwartet von einem Motorrad dieser Bauart ernsthaft sportliche Qualitäten. Dazu passen die gut funktionierenden Bremsen hervorragend, auch wenn hier ein wenig mehr Biss noch besser wäre.

Diese Er-Fahrungen lassen sich grundsätzlich auch auf die V9 Bobber übertragen. Man sitzt etwas weiter nach vorne gebeugt, greift auch etwas schmäler. Den größten Unterschied bringt aber der dicke Schlappen am Vorderrad mit sich. Der 130er verhindert ähnliche Handlingqualitäten wie sie die Roamer hat. Die Front lenkt deutlich störrischer ein, läuft Längsrillen nach und führt überhaupt ein Eigenleben. In Kurven braucht es mehr Kraft und Konzentration die gewählte Linie zu treffen und zu halten. Ansonsten gilt für das Fahrwerk das Gleiche wie bei der Roamer: zu hart gefedert, zu schwach gedämpft. Fahrspaß gibt es dennoch, denn man gewöhnt sich schnell an die Eigenheiten des dicken Pneus und es sitzt sich irgendwie cooler auf der V9 Bobber.