Ducati Multistrada 1200 Enduro - Fahrbericht

Ducati Multistrada 1200 Enduro - Fahrbericht


Die Ducati für den Dreck

Der für seine faszinierenden Sportmotorräder bekannte italienische Traditionshersteller Ducati ist auf Expansionskurs: Nach der postmodernistischen Scrambler und dem Power-Cruiser X-Diavel greifen die Bologneser mit der Multistrada 1200 Enduro das nächste Zweiradsegment an. Erstmals stellen die Italiener damit ein Modell auf die Räder, das die ebenso abenteuerlustige wie zahlungskräftige Klientel der Reise-Enduristen bedient und im angestammten Revier von GS Adventure und KTM Super Adventure räubern soll.

Kleiner historischer Diskurs zur Ducati-Expansionspolitik: Bekanntermaßen gehört die Zweiradschmiede aus Borgo Panigale seit 2012 dem Audi-Imperium des Rupert Stadler an. Und so, wie es sich darstellt, hat die Entwicklungsmannschaft vor vier Jahren damit begonnen, einen italienischen Wilderer fürs bayerisch dominierte GS-Revier zu entwickeln... 

Doch egal, ob es nun eine Direktive oder einen „Wunsch“ aus Ingolstadt gab, bei Ducati waren sich alle bewusst, dass ein solches Motorrad nur mit einem glaubwürdigen Auftritt eine Chance hat. Schliessliche beackert die BMW R1200GS Adventure seit Jahren sehr erfolgreich das Segment und auch KTM hat mir der 1290 Super Adventure ein heißes Eisen im Feuer. Deshalb zieren die Multistrada 1200 Enduro ein paar unabdingbare Insignien, die den Globetrottercharakter schon von weitem symbolisieren: Den hoch aufragenden Vorbau über einem Vorderradkotflügel im typischen Schnabeldesign, einen fetten 30-l-Tank und natürlich arttypische Speichenräder in der klassischen Dimensionierung mit 19-Zoll-Vorderrad und 17 Zoll hinten. Designmäßig wiederholt die Enduro grob die Silhouette der Multistrada 1200, die seit 2010 das Ducati-Portfolio ergänzt und auf sportlichen Landstraßenfahrspaß setzt – allerdings einsatzgemäß modifiziert mit der breiten Stirnseite, einer stabileren Zwei- statt Einarmschwinge und rundum neuer Auspuffanlage. Besonders auffällig: Die extrem luftige Heckpartie im krassen Gegensatz zur massiven Front.

Antrieb Ducati Multistrada 1200 Enduro - Grobstoller mit sportlichen Wurzeln

An zwei Merkmalen führt bei Ducati kein Weg vorbei, egal um welches Modell es sich handelt: Die „Juwelen aus Borgo Panigale“, so die eigene Einschätzung, zeigen stets den markentypischen Gitterrohrrahmen aus Stahl, der einen nicht minder markanten 90°-Desmo-Vaumotor integriert. Im Falle der Enduro findet sich der jüngste 90°-V-Zweizylinder mit variabler Ventilsteuerung aus der Mutistrada 1200 S, der aus 1198 cm3 Hubraum eine Leistung von 160 PS bei 9500/min und 136 Nm Drehmoment bei 7500 Umdrehungen erlöst. Das durchzugsstarke Aggregat zeichnet sich nicht zuletzt dank Doppelzündung durch einen vibrationsarmen Motorlauf und spontanes, gleichwohl gut kontrollierbares Ansprechverhalten aus. Als Anpassung an den Geländeeinsatz wurden der erste Gang und die Sekundärübersetzung gekürzt, was die Fahrbarkeit in schwierigem Geläuf und bei niedrigen Drehzahlen spürbar verbessert.

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So bekannt und beliebt der Antrieb, so neu das Fahrwerk: Sachs-Federelemente mit semiaktiver Dämpfungseinstellung stellen vorn wie hinten stattliche 200 Millimeter Federweg bereit. Die gegenüber der Straßen-Multistrada längere und steifere Zweiarmschwinge mit entsprechender Aufnahme sowie eine komplett geänderte Fahrwerksgeometrie machen die Italienerin deutlich stabiler. Alle Maßnahmen münden in offroadtaugliche 205 Millimeter Bodenfreiheit, aber auch in einer Standardsitzhöhe von strammen 870 Millimeter – ohne Verstellmöglichkeit. Alternativ gibt’s eine 20 mm höhere und tiefere Sitzbank. Wer unter 1,80 m misst, hat’s trotz der schmalen Duc-Taille nicht leicht, mit beiden Füßen festen Stand zu bekommen. Dazu macht der recht hohe Schwerpunkt der Multistrada 1200 Enduro die Handhabung nicht gerade leicht – Aufbocken und Rangieren sind keine Selbstläufer.

Wie es sich für ein Fahrzeug der Oberklasse gehört, ist die Multistrada Enduro mit einem umfangreichen Elektronikpaket ausgerüstet. Praktischerweise wird dieses in vier vom Lenker anwählbaren Riding Modes kombiniert – Enduro, Touring, Sport und Urban –, in denen werkseitige Einstellungen für die Dämpfungscharakteristik des semiaktiven Fahrwerks, die Motorcharakteristik, Traktionskontrolle, Kurven-ABS und die Wheelie-Kontrolle hinterlegt sind. Zusätzlich hat der Fahrer die Möglichkeit, sämtliche Parameter individuell zu konfigurieren, was vom System für den nächsten Einsatz gespeichert wird.

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Fahreindrücke Multistrada 1200 Enduro - talentiert dies- und jenseits der Straße

In der Stellung Enduro bleiben 100 PS Maximalleistung mit sanftem Ansprechverhalten übrig, das Fahrwerk ist schluckfreudig, aber nicht schlapp abgestimmt, die Wheeliekontrolle abgeschaltet und das ABS auf Level 1 – ohne Kurvenfunktion, hinten deaktiviert und vorn spät regelnd. Damit erstaunt die mit Stollenpneus vom Typ Pirelli Scorpion Rally bereifte Multistrada 1200 Enduro auf dem knackigen Offroadkurs durchs sardische Hinterland mit einer guten Geländetauglichkeit, die sie vor allem der passenden Fahrerintegration zu verdanken hat: Stehend liegt der breite Rohrlenker in der hohen Stellung gut zur Hand, die schmale Taille sorgt für einen Kontakt zum Motorrad und die zackigen Rasten bieten ausreichend sicheren Halt für exaktes Dirigieren. Auch der über ein angepasstes Mapping leicht modifizierte Testastretta-Vau macht das Offroad-Leben mit seinem bärigen Drehmoment und der harmonischen Leistungsabgabe leicht. Auf den Geröllpisten und felsigen Passagen ist die Multistrada hinreichend handlich, auch wenn sie ihren hohen Schwerpunkt und das satte Gewicht von 254 kg nicht ganz kaschieren kann. Steile Auf- und Abfahrten, von der Journalistenmeute zunächst mit skeptischem Blick beäugt, meistert die Duc dank ihres guten Fahrwerks und der Traktorqualitäten des Triebwerks absolut mühelos.

Für die zweite Runde auf Asphalt sind die Testfahrzeuge umbereift, jetzt kommt der Touring-, besser noch der Sport-Modus zum Einsatz: Volle 160 PS, knackig ansprechend und ein straff dämpfendes Fahrwerks-Setup, das für eine engagierte Kurvenwetzerei die benötigte Stabilität mitgibt. Auf weniger grobstolligen Straßenenduropneus Pirelli Scorpion Trail II zeichnet sich die Ducati in der Sporteinstellung des semiaktiven Fahrwerks durch eine hohe Präzision und Stabilität aus, die gerade in Schräglage sehr viel Vertrauen vermittelt. Ein Wiesel ist die Multistrada 1200 Enduro infolge der Pfunde und wenig handlichen Geometrie zwar nicht, doch ihre Ausgewogenheit und die Sicherheit auf der Bremse macht diesen kleinen Nachteil wett – die von einem Kurven-ABS abgesicherten Brembo-Festsattelzangen lassen sich punktgenau dosieren bei hoher Effektivität.

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Der riesigen Reichweite durch den 30-l-Tank hält der Fahrkomfort auf dem bequemen Sitzmöbel stand, nur der Windschutz ist trotz der einhändig verstellbaren Scheibe und der tiefen Einbettung des Piloten nicht optimal. Zur üppigen Serienausstattung gehören weitere Annehmlichkeiten wie ein Tempomat, LED- und Kurvenlicht, eine Berganfahrhilfe, ein farbiges TFT-Display und eine Bluetooth-Schnittstelle, über die sich weitere Fahrdynamik-Parameter wie die Schräglage abrufen lassen. Wem das nicht genügt, dem stellt Ducati vier vorkonfigurierte Ausstattungspakete bereit – so umfasst das Touring-Paket für 1665 Euro Heizgriffe, Aluminiumkoffer – die allerdings noch nicht perfekt funktionierten – und eine Lenkertasche von Touratech, das 891 Euro teure Enduro-Paket bietet LED-Zusatzleuchten sowie die Touratech-Komponenten Motorschutzbügel, Kühlerschutz, Ölkühler-Protektion, Ritzelabdeckung und einen Schutz der hinteren Bremsscheibe. Leider nicht im Angebot sind ein Schaltassistent und selbstrückstellende Blinker, auch ein Reifendruckkontrollsystem gibt es noch nicht einmal optional.