Triumph Tiger Sport - Fahrbericht

Triumph Tiger Sport - Fahrbericht


Großkatze mit Asphaltkrallen

Vor lauter Klassiker-Renovierung, der gründlich überarbeiteten Ikone Speed Triple und der Premiere der sechsköpfigen Tiger Explorer-Großfamilie scheint es fast, als hätten die Briten von Triumph ihre letzte Neuheit für 2016 fast vergessen – was aber jammerschade wäre. Denn die für 2016 überarbeitete Tiger Sport hat sich seit ihrem ersten Auftritt 2007 eine treue Fangemeinde sowie einen festen Platz im britischen Modellprogramm gesichert, die zarte Modellpflege 2013 hat ihren Status noch untermauert.

Triumph hat in den letzten Jahren offensichtlich mächtig Luft geholt, um in diesem Jahr mit aufgeplusterten Backen ein Neumodell nach dem anderen auf den Markt zu bringen. Und was waren da für Leckerchen dabei: Jüngst die famose Thruxton und ihr R-Pendant, die Bonneville T120, Speed Triple und noch im letzten Jahr die Street Twin. Anders als die mit viel Tamtam präsentierte Tiger Explorer-Baureihe hat die Tiger Sport ein enger gefasstes Einsatzgebiet: Ihre 17-Zoll-Gussräder und vergleichsweise kurzen Federwege machen sie zu einem Reisemotorrad mit optischen Enduroanleihen, was auf neudeutsch bezeichnet ganz gut als zweirädriger SUV durchgeht. Und weil man der Tiger Sport immer ansah, dass sie eine ehrliche Haut war, die keinerlei Geländetauglichkeit vorgaukeln wollte, sieht auch das 2016er-Modell auf den ersten Blick wie jede andere Tiger Sport aus: Hinter der doppeläugigen Front zeigt sich der typische Leichtmetall-Brückenrahmen mit dem dominanten Dreizylindermotor, das Hinterrad wird nach wie vor von einer formschönen Einarmschwinge geführt. Gegenüber der Vorgängerin wirkt die neue Tiger Sport wie ein individuell gepimptes Modell mit neu gestalteten Motordeckeln, anders geformten Rückspiegeln, modifiziertem Bugspoiler und einer CNC-gefrästen Aluminiumabdeckung an der Hinterradnabe der Einarmschwinge.

Triumph Tiger Sport 11

Bei der Ausstattung haben die Briten zumindest teilweise auf die Reisefreunde gehört, denen die Tiger zu spartanisch daher kam: Jetzt ziert eine einhändig verstellbare getönte Scheibe die Front, assistiert von serienmäßigen Handprotektoren und seitlichen Winddeflektoren. Mit dem hinter diesem Ensemble gebotenen Windschutz können auch durchaus Anspruchsvolle gut leben. Funktionsreicher präsentiert sich auch das neue Cockpit, das sehr dem der Speed Triple ähnelt: Rechts zeigt es in einem analogen Instrument die Drehzahlen an, während links sämtliche andere Daten digital abrufbar sind, dazu verfügt es über zwei Trip-Computer. Nett sind zudem selbstrückstellende Blinker und ein Tempomat, der der Tiger Sport mehr Tourentauglichkeit verpasst.. Unverändert bietet die Britin ihrem Piloten ein bequemes, durch die neue Sitzbankkontur allerdings stark vorgegebenes Ambiente in 830 Millimeter Höhe. Wer nicht allzu viel herumturnen möchte, kann es sich hier für mehrere hundert Kilometer am Stück bequem machen.

Triumph Tiger Sport 16

Triumph Tiger Sport - Dreizylinder mit viel Dampf in der Mitte

Noch gewichtigere Neuerungen trägt die Briten-Katze aber unter ihrem Fell, das wahlweise Silber oder Mattschwarz gefärbt ist. Hier pocht nämlich das mächtig umgekrempelte 1050er-Dreizylinderherz aus der aktuellen Speed Triple, allerdings zugunsten eines fülligeren Drehmomentverlaufs um ein paar PS in der Spitzenleistung erleichtert. Die in 104 Teilen veränderte und gemäß Euro-4 homologierte Kraftquelle bietet dank eines neuen Ride-by-wire-Systems nicht nur eine spürbar verbesserte Gasannahme, sondern auch einen Zuwachs an Leistung und Drehmoment in allen Drehzahlbereichen. Nicht zu vergessen die neu entwickelte Auspuffanlage mit 38 Prozent höherer Durchflussrate, die gleichzeitig den Triple-Sound noch schärft. 

Im Kurvenrevier gibt sich der modifizierte Antrieb wohl erzogen und über drei Mappings wunschgemäß domestiziert. Die während der Fahrt wechselbaren Fahrmodi „Rain“, „Road“ und „Sport“ verändern sowohl das Ansprechverhalten des Motors als auch die Einstellung der neuen Traktionskontrolle anhand der dazu passenden Parameter. Weniger aggressiv als im Roadster Speed Triple ausgelegt, ermöglichen sie besten Landstraßenspaß. Sanft, direkt und ohne Lastwechselschläge drückt der Drilling mit maximal 126 PS voran, beeindruckend saftig geht er unter volltönendem Drillings-Bass in der Mitte zur Sache – die Drehmomentkurve liegt ab 4500 Touren stets deutlich über der Vorgängerin, was man ihr gerne glauben mag, der Gipfel von 106 Newtonmetern liegt bei 7000 Touren an. Trotz des Mittendrucks steppt man gerne zum Überholen einen Gang runter, weil die Sechsgangbox ihre Knarzigkeit verloren hat und mit geschmeidiger Bedienung verwöhnt.

Triumph Tiger Sport 05

Nicht zu unterschätzen in diesem Zusammenhang ist die neue Anti-Hopping-Kupplung der Tiger Sport – sie sorgt für geringere Handkräfte und eine bessere Dosierung und vermindert darüber hinaus Reaktionen aus dem Antriebsstrang. Zusammen mit der besser kontrollierbaren Kraftquelle verleiht sie den Tatzen der Tiger einen noch sichereren Tritt – auch wenn Fahrwerksingenieur Davide Lopez Stein und Bein schwört, nur ein ganz klein wenig an den Stellschrauben Abstimmung und Gewichtsverteilung gedreht zu haben.

Fahreindrücke Tiger Sport - viel Tour und viel Sport

Doch das scheint zu reichen: Wunderbar ausgewogen rollt die Raubkatze gewandt durch Kurven und Kehren, sehr neutral spult sie das gesamte Einlenk- und Spurhalte-Programm ab. Schon nach ein paar Metern fühlt man sich unheimlich wohl, weil der Kontakt zum Untergrund direkt und ungefiltert funktioniert – man weiß zu jeder Zeit genau, wie gut sich die Grippartner Gummi und Asphalt vertragen. Eins ist aber klar: Bei hüftspeckigen 241 kg kann die Tiger nicht handlich wie ein Wiesel sein. Aber sie verhält sich stets absolut nachvollziehbar und solide, der Kraftaufwand für den engagierten Kurventanz hält sich im Rahmen – British Steel der dynamischen Machart.

Triumph Tiger Sport 10

Da erfreut es umso mehr, dass die mit für einen Tourer recht langen Federwegen versehenen Federelemente sehr sensibel auf Bodenunebenheiten agieren, ohne es bei flotter Gangart an Dämpfung vermissen zu lassen. Allzu wilden Gasattacken legt ohnehin die zweistufige Traktionskontrolle relativ spät die Zügel an, es sei denn, ganz Wagemutige haben sie ausgeschaltet. Das ist allerdings kaum nötig, denn die Abstimmung liegt wie bei Triumph üblich eher auf der sportiven Seite. Feintuning haben Lopez und Kollegen auch den Stopporganen angedeihen lassen: Über geänderte Hebelverhältnisse verzögern die Nissin-Vierkolbenzangen etwas spontaner und progressiver als bislang, ohne an der ausgezeichneten Dosierbarkeit zu knappsen. Dass die Engel von Pirelli beim Bremsen in Schräglage die Fuhre immer etwas aufrichten möchten, trübt den hochherrschaftlichen Genuss nur marginal. 

Last but not least sollen die Motor-Updates auch eine verbesserte Kraftstoffeffizienz zur Folge haben, was auf unserer ziemlich flüssigen Runde durchs Hinterland der Côte d’Azur nicht unbedingt zu erfahren war: Jedenfalls behauptet Triumph, die Tiger Sport rund acht Prozent effizienter als das Vorgängermodell gemacht zu haben.