Yamaha MT-10 – Fahrbericht

Yamaha MT-10 – Fahrbericht


Krasse Optik und krasser Fahrspaß

Endlich war es so weit – wir durften die neue MT-10 in Almeria fahren. Eine gefühlte Ewigkeit warteten wir auf die Gelegenheit das neue Nackteisen von Yamaha unter den Hintern zu bekommen. Kurzes Fahrzit? Das Warten hat sich gelohnt!

Die MT-10 war von Anfang an ein krasser Aufschlag. Mangels technischer Daten konzentrierten sich die Diskussionen auf die polarisierende Front und was sie denn wohl leistet und wieviel sie denn kosten wird. Gerade schien sich die Gemeinde zu beruhigen, liefert Yamaha die technischen Spezifikationen und den Preis – schon geht die ganze Diskussion wieder von vorne los. Selten wurde so viel über ein Motorrad geredet das noch nicht einmal auf dem Markt war. Da schien Yamaha schon einen Nerv getroffen zu haben. 

Die Front mag ja polarisieren, aber der überwiegende Teil scheint gut damit klar zu kommen. Der Autor muss dennoch jedes Mal an die Transformer-Kinofilme denken. Die Scheinwerfer wie Augen, die zweiteilige Instrumentenabdeckung wie Augenbrauen. Manche sagen auch „Nummer 5 lebt“ und erinnern an den liebenswerten Kampfroboter aus dem gleichnamigen Film. Egal ob Transformer oder Nummer 5 – im Fahrbetrieb bleibt ein Auge blind und macht aus unserer Sicht viel Arbeit der Designer zunichte. Natürlich hat Yamaha dazu viele plausibel klingende Erklärungen parat – letztendlich hat wohl der Rotstift regiert. Hinter dem einäugigen Zweiauge geht es deutlich konventioneller zu. Und das ist gut so. Erklärtes Ziel der Entwickler war es die dunkle Seite Japans wie radikale Optik, viel Power und emotionales Fahrerlebnis mit üblichen japanischen Tugenden wie Zuverlässigkeit, Fahrkomfort und günstigem Preis zu vereinen. An die Optik können wir getrost einen Haken machen, dem Fahrerlebnis widmen wir uns später und der Rest steht tatsächlich für hohen japanischen Standard mit der verbundenen Alltagstauglichkeit. Einzige Einschränkung: der Alltag muss sich auf eine Person beschränken. Der Soziusplatz taugt maximal für eine Hecktasche oder Beinamputierte.

Yamaha MT-10 09

Der Fahrer findet auf der MT-10 ein überraschend kommodes Plätzchen vor. Die Sitzhöhe ist mit 825 mm moderat, der schmale Schnitt verkleinert den Schrittbogen und sorgt für sicheren Stand. Der breite Lenker ist recht hoch montiert, man sitzt entsprechend aufrecht und gut in das Motorrad integriert. Der Knieschluss passt ebenso wie die Position der Fußrasten, erst sehr langbeinige Motorradler werden hier mehr Platz brauchen. Als Instrument trägt die MT-10 ein LCD-Display, die meisten Infos lassen sich recht gut ablesen. Lediglich die Drehzahl lässt sich erst auf den zweiten Blick exakt erkennen. Sehr erfreulich: sämtliche Funktionen lassen sich vom Lenker aus bedienen. Und dies gelingt trotz der vielen Möglichkeiten recht einfach und weitgehend selbsterklärend. Auf der linken Seite regelt man die Traktionskontrolle sowie den (serienmäßigen) Tempomat, rechts wählt man das Motormapping.

Womit wir schon bei der Ausstattung wären. Den Tempomat hatten wir ja bereits erwähnt, dazu kommt eine dreistufige und abschaltbare Traktionskontrolle, 3 Fahrmodi, Bosch-ABS der neuesten Generation, LED-Scheinwerfer sowie die Anti-Hopping-Kupplung. Damit hat die MT-10 die heutzutage notwendigen und üblichen Standards, ein Technik-Feuerwerk brennt sie allerdings nicht ab. Ob man dies tun muss, ist zwar fraglich. Aber laut Yamaha nimmt man die S1000R aufs Korn und die hat in der Basis zwar auch nicht mehr, bietet aber zumindest optional modernste Technik. Eine Suzuki GSX-S1000 oder eine Speed Triple mögen zwar ein paar Pferde weniger haben, sind der MT-10 technisch allerdings ebenbürtig. Damit erklärt sich auch der Preis von 12.995 Euro den Yamaha ausruft. Etwas weniger (355 Euro) als die BMW, etwas mehr (495 Euro) als die Triumph.

Yamaha MT-10 Touringzubehör 01

Darüber hinaus bietet Yamaha umfangreiches Zubehör für die MT-10 an. Da ist beispielsweise die Windschutzscheibe für 199,95 Euro die bei höheren Geschwindigkeiten für mehr Komfort sorgt. Dazu gibt es passende Softbags, die Aufnahmen für die Halter sind am Heck bereits vorgerüstet. Spätestens mit der Komfort-Sitzbank wird das Hyper Naked zum Sporttourer. Dazu gibt es Heizgriffe, Kennzeichenhalter, einstellbare Hebel, Fußrasten-Anlage und einiges mehr. Die Farben Grau, Blau und Schwarz (laut Yamaha: Night Fluo, Race Blu und Tech Black) gibt’s ohne Mehrpreis. Allerdings ist Geduld gefragt, denn die erst Charge der MT-10 ist bereits komplett ausverkauft.

Antrieb Yamaha MT-10 – gezähmter Supersportler mit viel Power

Der Antrieb basiert auf dem der YZF-R1, ist jedoch in vielen Bereichen überarbeitet worden. Jenseits der Renne zählt weniger die Spitzenleistung, Drehzahlorgien sind auch nicht von Vorteil. Es geht (wie so oft) um mehr Power im unteren und mittleren Drehzahlbereich und nicht zuletzt darum die Leistung auch fahrbar auf die Straße zu bringen. Und wo man nicht ständig mit Höchstdrehzahlen unterwegs ist, muss man nicht zwingend auf sehr teure Leichtbaumaterialien zurückgreifen. So erklärt sich auch der preislich doch recht deutliche Abstand zur R1. Technisch gesehen arbeitet die MT-10 mit geändertem Zylinderkopf, weniger Verdichtung, kleineren Einlassventilen, anderer Nockenwelle, größerer Airbox, veränderter Einspritzung und einem neuen Auspuff. Dies führt laut Yamaha zu deutlich mehr Drehmoment im unteren und mittleren Bereich. Auch in Sachen Pferdestärken liegt die Kurve bis knapp unter 10.000 Umdrehungen über der der R1, die legt aber darüber noch entscheidend nach. Aber mit 160 Pferden bei 11.500 Umdrehungen und 111 NM bei 9.000 ist die MT-10 mehr als prächtig ausgestattet. Geblieben ist die asymmetrische Zündfolge die schon bei der R1 für einen ganz speziellen Reihenvierer-Sound sorgt. 3 Fahrmodi (Standard, A und B) stehen dem Fahrer zur Wahl, wobei alle 3 die volle Leistung liefern. Der Unterschied liegt im Ansprechverhalten: Standard steht für normale Ansprechverhalten, A für direkter und B für sehr direkt.

Genug der Theorie, wie schlägt sich denn der Drehmoment-optimierte Reihenvierer? Sehr, sehr gut. Und zwar trotz des teilweise üblen Wetters in und um Almeria. Aus Deutschland mit Sonnenschein und Wärme nach Spanien zu Regen und Kälte – verkehrte Welt. Die MT-10 hätte deutlich besseres Wetter verdient. So sind wir aufgrund der meist recht nassen Verhältnisse mit leicht angezogener Handbremse unterwegs gewesen. Der Antrieb ist dabei stets ein Quell der Freude – sehr elastisch und mit viel Power. Ein Drehmomentmonster ist er zwar nicht, allerdings tritt der Reihenvierer auch bei niedrigsten Drehzahlen sauber und legt mit steigender Drehzahl ständig und mächtig Kohlen nach. Bei 4.000 Umdrehungen nimmt die Dynamik spürbar zu, ab 6.000 brennt die Hütte bis in den Begrenzer. Sehr linear und damit gut berechenbar liefert die MT-10 ihre Leistung ab, knickt in keinem Drehzahlbereich ein und zickt auch nicht mit Leistungssprüngen bei irgendwelchen Drehzahlen. Der Standardmodus macht es dem Piloten mit seiner gelungenen Gasannahme recht einfach die Leistung auch bei hohen Drehzahlen und/oder tiefen Schräglagen zu dosieren. 

Der Sound spielt dabei eine ganz besondere Rolle, dies ist kein anonymer Reihenvierer. Schon im Stand legt die MT-10 einen ganz eigenen Klangteppich hin, knurrt wie ein Kettenhund mit heißerer Note. Die eigene Note geht auch bei der Beschleunigung nicht verloren, erst bei Konstantfahrt zeigt sich die Yamaha akustisch zurückhaltend. Wieder ein Euro 4 Aggregat das alles andere als ein Rückschritt in Sachen Sound und Performance ist. Das 6-Gang-Getriebe funktioniert gut, ist in der Bedienung aber etwas hakelig. Ein Quickshifter ist optional erhältlich, funktioniert allerdings „nur“ beim Hochschalten. 

Fahreindrücke MT-10 – wendig, komfortabel und verdammt schnell

So radikal die MT-10 optisch auch wirkt, als Fahrer ist man durchaus entspannt untergebracht. Die Sitzhöhe ist mit 825 mm recht moderat, der Kniewinkel erträglich. Der Lenker ist recht hoch montiert, so sitzt man überraschend aufrecht und damit wirklich entspannt. Hätte man von einem Hyper Naked mit supersportlichen Wurzeln so nicht erwartet. Die Sitzbank ist mit einem kleinen Höcker für den Fahrerhintern versehen, dieser unterstützt den Rücken bei harten Beschleunigungen. Und diese Unterstützung kann man durchaus gebrauchen. Denn die MT-10 macht es einem extrem leicht sehr schnell unterwegs zu sein. Rahmen und Schwinge sind weitgehend von der R1 übernommen, um Stabilität braucht man sich eher keine Sorgen zu machen. Das Fahrwerk basiert ebenfalls auf dem der R1. An der Front arbeitet 43 mm starke, voll einstellbare USD-Gabel. Alle Einstellungen lassen sich auf den Gabelrohren vornehmen. Das Heck ist ebenfalls voll einstellbar. Schaut man sich die technischen Daten genauer an, fällt der extrem kurze Radstand von 1400 mm auf. Das entspricht dem Radstand einer MT-07, bei der MT-09 stehen die Räder 40 mm weiter auseinander.

Yamaha MT-10 08

Vom ersten Meter an macht es einem die MT-10 kinderleicht. Man sitzt bequem, der Motor hat sehr viel Kraft, zickt aber nicht rum und das Fahrwerk zeigt sich ebenfalls von seiner sämigen Seite. Damit ist die Yamaha wie geschaffen für kurvige Landstraßen. Der Motor bietet ein sehr breites Drehzahlband. Selbst bei hohen Drehzahlen hat man nie das Gefühl das Motorrad zu quälen, umgekehrt lässt er sich auch schaltfaul recht flott bewegen. Wir bevorzugen die flotte Gangart, zu verführerisch ist die Kombination aus starker Beschleunigung und Gänsehaut-Sound. Dazu passt perfekt das einfache Handling. Der kurze Radstand sorgt tatsächlich für flinkes Handling, macht es dem Fahrer sehr leicht die MT-10 abzuwinkeln. Der breite Lenker tut ein Übriges, so ist es egal ob schnelle Wechselkurve oder enge Kehre – für ein Motorrad dieser Klasse ist das Handling vorzüglich. Beim harten Beschleunigen kann die Front schon mal leicht werden. Die dreistufige Traktionskontrolle fängt das Vorderrad je nach Einstellung zuverlässig bzw. bewusst nachlässig wieder ein. 

Das Fahrwerk ist taugt im Basis-Setup für einen breiten Einsatz. Die Front spricht sensibel an und zeigt sich durchaus komfortabel. Das Heck ist tendenziell straffer abgestimmt, ist allerdings nicht bockig. Bei durchaus zügiger Fahrt auf trockenen Teilstrecken kommt echt Freude auf. Die MT-10 lässt sich nicht nur sehr leicht sondern auch sehr präzise bewegen. Das Einlenkverhalten ist tadellos, die Lenkgenauigkeit ebenfalls. Gleiches gilt für die Bremsen: guter Druckpunkt und einwandfreie Verzögerung. Ein wirklich sportlicher Ritt war aufgrund der Bedingungen nicht möglich, dennoch deutet die MT-10 ihr hohes Potential an. Wir sind bereits jetzt auf den geplanten Vergleichstest mit S1000R und Super Duke gespannt.

Fahrerausstattung: Helm X-Lit X802 R Ultra Carbon, Jacke Dane Limfjord, Hose Dane Nyborg Pro