Yamaha Tracer 700 - Fahrbericht

Yamaha Tracer 700 - Fahrbericht


Klein, stark, rot

Darf es auch ein bisschen weniger sein? Diese Frage wird der aufmerksame Yamaha-Verkäufer sicher nicht allen Besuchern seines Shops stellen, die gerade auf einer großen Tracer mit 900er Motor Platz genommen haben. Berechtigt wäre der kundenfreundlich-kostengünstige Vorschlag aber schon, denn mit der neuen Tracer 700 hat die große Dreizylinder-Schwester eine sehr fein gemachte Konkurrenz im eigenen Haus bekommen.

Wie einige Motorräder in der Yamaha-Modellhistorie gilt auch die selige TDM 850 bei vielen Beobachtern als eines der richtig gut gemachten Mopeds, die leider nur den Fehler hatten, zur falschen Zeit auf den Markt gekommen zu sein. Wie beispielsweise auch die Baureihen-Ahnherrin MT-01 hat auch der Zweizylinder-Sporttourer aus den 90er Jahren (und die 900er Nachfolgemodelle) heute eine eingeschworene Fangemeinde, deren Mitglieder vielfach der Meinung sind, das bislang noch kein adäquater Nachfolger für den enorm vielseitigen Youngtimer auf den Markt gekommen ist. Bis jetzt, denn schlauerweise haben die Yamaha-Produktplaner für die Konzeption der aktuellen Tracer-Modelle einen tiefen Blick ins Lastenheft der alten TDM geworfen und dort die Stichpunkte „aufrechte Sitzposition mit Top-Ergonomie für alle Fahrergrößen“, „Allround-Motorcharakteristik“ und „breiter Lenker und spaßförderndes Handling“ abgeschrieben. Ein sehr smarter Blick zurück in die Zukunft, wie die Verkaufszahlen der im letzten Jahr präsentierten Dreizylinder-Tracer zeigen. Wer dann als Yamaha-Verantwortlicher nicht gleich die kleine Version aus dem MT-Baukasten nachschiebt, hätte sicher bald seinen Hut nehmen müssen. Muss der uns unbekannte Nippon-Produktplaner aber nicht, denn die Tracer 700 steht nun in Kürze bei den Händlern - und hier für uns in den Dolomiten für eine Proberunde bereit.

Yamaha Tracer 700 09

Vorab noch etwas Zahlenwerk gefällig? Gegenüber der normalen MT-07 werden beim Yamaha-Dealer genau 1.500 Euro Tracer-Zuschlag fällig: mit 7.895 Euro liegt die Tracer 700 damit rund 1.800 Euro unter der großen Schwester mit Dreizylindertriebwerk. Dafür bekommt man von Yamaha den Bestseller MT-07 in komplettem Sporttourer-Outfit - inklusive geändertem Fahrwerk mit mehr Federweg hinten, via verlängerter Schwinge um 50 mm gewachsenen Radstand sowie einer an höhere Lasten angepassten Dämpfercharakteristik und natürlich einer komfortabel angelegten Halbschale-Sitzbank-Kombi, die wie bei der 900er für entspannte Langstrecken-Etappen sorgen soll. Das fühlt sich bei der ersten Kontaktaufnahme auch sehr vielversprechend an, denn die nun 835 mm hohe, einteilige Sitzbank bietet gegenüber dem straffen MT-Brötchen eine deutlich bessere Polsterung und mit ihrer enduromäßig-aufrechten und ergonomisch sehr gut geschnittenen Sitzposition (siehe den Ausflug in die TDM-Annalen) fällt jeder Tester sofort in den „einfach losfahren, egal wohin, egal wie weit“-Modus. Dies sollte auch in Sachen Reichweite klappen, denn die Tracer 700 bunkert mit 17 Litern gerade mal einen Liter weniger Sprit als ihre große Schwester (und drei mehr als die MT-07). Beim bekannt moderaten Verbrauch des in der Tracer unverändert verbauten 689-Kubik-Crossplane-Twins sollte das im gemütlichen Reisebetrieb für rund 400 Kilometer Tourenspaß am Stück reichen. 

Yamaha Tracer 700 - Ergonomie und Fahrwerk: Eine für alles 

Ganz nach gewünschtem Einsatzterrain und Windschutzlevel haben wir erst mal die verstellbare Scheibe auf eine mittlere Position (mit 28 Rastungen in Feinverzahnung und zwei Fixierschrauben, geht nicht wirklich schnell, ist aber narrensicher und stabil) justiert und los geht‘s. Erster Eindruck: Auch in der Tracer hat das bekannt fahrradmäßige Handling der MT-07 kaum verloren. Die fünf Zentimeter mehr Radstand in Kombination mit der strafferen Dämpfung bringen gleichwohl genau das Plus an Stabilität und Zielgenauigkeit was der kleinen Schwester in einigen Situationen abgeht. Kurz gesagt: Die Tracer vermittelt mehr tourenmäßige Präzision und Stabilität ohne Einbußen beim Fahrspaß. Der steigt in Verbindung mit dem Sitz- und Fahrkomfort nun sicher auch im Vergleich zur 07er für größere Zeitgenossen deutlich an, denn die Tracer ist in allen Abmessungen die entscheidenden Zentimeter gewachsen. Da gleichzeitig auch der Lenker näher zum Fahrer gewandert ist, kommt mit der nun aufrechteren Sitzposition sofort ein „alles unter Kontrolle“-Feeling auf.

Zwar hat die neue Tracer 700 gegenüber dem Organspender 14 Kilo mehr auf den Rippen (MT-07 ABS: 182 kg - Tracer 700: 196 kg vollgetankt), trotzdem fühlt sie sich in allen Beziehungen „leicht“ an. Daher gilt: Wer mit der MT-07 klarkommt (und nicht auf deren niedrigere Sitzhöhe angewiesen ist) wird ziemlich sicher auch mit der Touring-Version glücklich (und gewinnt nebenbei ein sattes Pfund an Vielseitigkeit dazu). Stichwort Fahrwerk: Für die von Yamaha angestrebte Käufergruppe der Tracer 700 - die sich vor allem aus jüngeren Neu- und Wiedereinsteigern rekrutieren soll - passt die Allround-Abstimmung der Federelemente und Bremsen bestimmt in den meisten Einsatzlagen ziemlich gut. Wer höhere Ansprüche hat, rüstet entweder nach oder wird bei der 900er Tracer mit ihrer Upside-Down-Gabel und radial-montierten Bremszangen fündig.

Antrieb Tracer 700: Alleskönner-Triebwerk auf großer Fahrt 

Noch große Worte über den kleinen Yamaha-Crossplane Motor der Tracer 700 zu verlieren ist nach den konstanten Lobeshymnen der letzten Jahre zu den Antriebsqualitäten der weiteren Familienmitglieder fast schon überflüssig (wer diese nachlesen möchte: hier geht es zum Test der MT-07 und hier zu dem der XSR 700). Dass das unverändert übernommene kleine Kraftpaket auch in der neuen Tracer formidabel aufspielt, dürfte daher kaum wundern. Mehr schon die Tatsache, dass der Reihenzweier auch mit der nun abgelegten Euro-4-Reifeprüfung mit den identischen Leistungsdaten aufwarten kann zuvor wie mit der alten Homologation. Genauer gesagt: 74,8 PS bei 9.000 und 68 NM bei 6.500 Umdrehungen.

Trotz seines Mittelklasse-Hubraums von 689 Kubik geht der Yamaha-Twin schon bei moderaten Drehzahlen richtig fett zur Sache und zieht die Fuhre in allen Lebenslagen kräftig aus den engen Kehren der Dolomiten-Pässe. Da der 07er-Motor außerdem noch hervorragend am Gas hängt und flott bis in hohe Drehzahlregionen dreht, taugt die wuselige kleine Tracer auch trefflich dazu, die vermeintlich überlegenen Big-Bikes auf den Pässen hier in den „Dolos“ nach Herzenslust kräftig zu ärgern. Logisch, dass bei diesem verschärften Angriffsmodus auf den Dolomiten-Pässen naturgemäß nicht die oben beschriebenen Minimal-Verbrauchswerte gefahren werden. Mehr als die auf der Presse-Testrunde konsumierten knapp 6 Liter sollten kaum realisierbar sein, ergo sind selbst bei scharfer Fahrweise 250 Kilometer Reichweite mit der kleinen Tracer immer drin. 

Bag of Goodies - Ausstattung und Zubehör zur Tracer 700

Klar, gegenüber der gestylten XSR 700 für 7.495 Euro und dem Basismodell MT-07 (6.395 Euro) ist die Tracer mit rund 7.895 Euronen die teuerste Möglichkeit, den kleinsten Crossplane Motor zu bewegen. Aber der Touring-Zuschlag ist gut angelegt, denn die Nutzwert-Bandbreite der Tracer ist fulminant. Egal ob eine schnelle Hausstrecken-Runde, der Einkaufstrip in die City oder die 450 Kilometer-Etappe ohne Nachtanken auf dem Plan steht - die neue Yamaha ist für jeden Einsatz bestens gerüstet. Ganz nebenbei haben die Yamaha-Entwickler der Tracer auch mit ein paar hübschen und praktischen Details aufgewertet, allen voran die Alu-Gabelbrücke, an deren Langlöchern mit wenigen Handgriffen Navi-Konsolen oder Taschen für sonstige Zusatzgeräte montiert werden können. Auch mit Alu-Lenkerenden und -Soziushaltegriffen sowie LED-Positionslichtern punktet die Tracer. Einzig beim roh-unlackiert silbrig daherkommenden Wasserkühler scheint der Produktverantwortliche gerade einen schlechten Tag gehabt zu haben, denn dieses Teil passt für uns nur schlecht zum Gesamtbild des ansonsten stimmig gemachten Motorrads. Oder es ist eine versteckte Aufforderung, doch bitte gleich die passende Abdeckung aus dem Zubehörprogramm dazu zu ordern.

Yamaha Tracer 700 17

Apropos Zubehör: Nun lernen auch die japanischen Hersteller, dass man mit gut gemachten Goodies auch gutes Geld verdienen kann. Nachdem Yamaha schon bei den XSR-Modellen in diesem Bereich richtig Gas gibt, ist auch die Liste der verfügbaren Zubehörs für die Tracer 700 weitgehend vollständig: Freunde längerer Reisen sollten auf jeden Fall mal einen scharfen Blick auf die kuschelig gepolsterte (und auf Wunsch auch beheizbare) Komfort-Sitzbank oder die große Tourenscheibe werfen. Auch diverse Gepäckvarianten, Heizgriffe, Abdeckungen und LED-Beleuchtungsupdates sind Ehrensache im Yamaha-Programm. Eine Titan-Auspuffanlage von Akrapovic (mit dem optionalen Kat auch zulassungsfähig) ist ebenfalls erhältlich. 

Noch ein letzter Hinweis für alle Freunde europäischer Wertarbeit: Das „japanische“ Motorrad Tracer 700 wird zusammen mit dem Schwesterbike XSR 700 im Yamaha-MBK-Werk im nordfranzösischen Rouvroy gebaut. Außerdem wurde die Entwicklung maßgeblich vom italienischen Team des Herstellers in Monza geleistet. Und die eingangs beschriebenen Yamaha-Produktplaner? Die sitzen zwar immer noch in Japan, scheinen nach den Versäumnissen der Vergangenheit nun aber wirklich alles richtig machen zu wollen, denn wie man hört ist auch eine neue Enduro auf 07er-Basis bereits in der Pipeline - als dann wohl letztes Teil im immer größer werdenden MT-07 Baukasten.

Fahrerausstattung: Helm Nolan N90 Full, Jacke Dane Lynsted, Hose Dane Nyborg Pro