Kawasaki Z800 und MV Agusta Brutale 800 - Vergleich

Kawasaki Z800 und MV Agusta Brutale 800 - Vergleich


Manga-Bike versus Bella Macchina

800er-Nakeds, sogenannte Mittelklasse-Bikes. In diesem Vergleich vertreten durch die Kawasaki Z800 und die MV Agusta Brutale 800. Also japanische Perfektion gegen italienische Diva? Mitnichten, denn italienische Diven sind mittlerweile erstaunlich handzahm und japanische Zuverlässigkeit erstaunlich eigenständig.

Denn die Z800 trägt deutlich erkennbar Kawasaki-Gene, pflegt die jüngere Z-Vergangenheit. Und die propagiert einen eigenständigen Auftritt, polarisiert und ist alles andere als austauschbar. Zugegeben, die Z800 fällt dagegen die große Schwester Z1000 etwas ab, wirkt im Vergleich zu dieser schon fast brav. Sie basiert ja auch auf deren Vorgängerin. Die wirklich gelungene Lackierung in Schwarz/Weiß sowie der schicke Akrapovic-Schalldämpfer polieren das Erscheinungsbild nochmal ordentlich auf, machen aus der Z800 einen echten Hingucker. Allerdings nur solange bis der Blick auf die Brutale 800 fällt. Die Kawa ist die hübsche Abschlussballkönigin im schicken Tanzdress, die MV die Gogo-Tänzerin in Hotpants und knappem, ultraengen Oberteil. 

Das spielt für uns natürlich überhaupt keine Rolle, denn man schaut ja auf die inneren Werte. Schönheit liegt bekannterweise im Auge des Betrachters und ist vergänglich. Dennoch, die Brutale 800 ist einfach ein geiles Stück. Das frei stehende Heck, gänzlich von Nummernschild und Spritzschutz befreit, die schlanke Taille (ja wir sprechen noch immer von einem Motorrad), die schicke Einarmschwinge,  der filigrane Gitterrohrramen und dann diese 3 Orgelpfeifen die sich Auspuff nennen. Hier folgt die Funktion der Form, mäkeln nüchterne Zeitgenossen etwas von verdrecktem Rücken bei Regen, Koffer könnten problematisch werden, von Soziusbetrieb wollen wir erst gar nicht reden.  Und wenn wir bezüglich Schönheit schon Weisheiten bemüht haben, diese hat auch im Falle der Brutale 800 ihren Preis: 12.590 Euro muss man berappen, will man diese Schönheit in seiner Garage platzieren.

Und Rums – schon ist man wieder in der Realität angekommen und hat die Abschlussballkönigin wieder unglaublich an Reiz gewonnen. Denn die hat auch ihre Details. Da ist beispielsweise das Rücklicht im Doppel-Z-Design, auch der Sitzbankbezug ziert das Z als Prägung. Die Krümmer schwingen sich im Gleichtakt um den Antrieb und münden im bereits erwähnten Akrapovic-Endtopf. Ganz ehrlich: Hausmannskost sieht anders aus. Und spätestens beim Preis könnte die Z800 die Herzen erobern: 8.895 Euro steht auf dem Preisschild. Im Fall unserer Testmaschine kommen nochmal 734,85 Euro für den Akra oben drauf, sind dann in Summe noch immer 2.960 Euro weniger als bei dem Gogo-Girl.

Kawasaki Z800 – bäriger Reihenvierer und viel Motorrad fürs Geld

Widmen wir uns der Z800 jetzt mal intensiver und beginnen beim Antrieb. Der flüssigkeitsgekühlte Reihenvierer kommt auf 806 Kubik und drückt 113 PS bei 10.200 Umdrehungen auf die Straße. Das maximale Drehmoment liegt bei 8.000 an und beträgt 83 NM. In Realität fühlt sich die Performance nach mehr an als man es der Kawa auf dem Papier zutraut. Ab 2.000 Umdrehungen nimmt der Antrieb sauber Gas an und schiebt vehement an, in der Mitte legt die Z800 nochmal spürbar zu. Drehzahlorgien kann man sich getrost sparen, schnell steppt man durch das Getriebe, erledigt die meisten Dinge im großen Gang. Und ist oft überrascht dass man dort bereits angekommen ist. Im Alltag ist die letzte Fahrstufe schon ab 70, spätestens 80 Sachen drin. Alles in allem ein sehr souveräner Auftritt, da passt der grummelige Unterton und der etwas rauhe Charakter des Reihenvierers sehr gut. Allerdings vollbringt Kawasaki hier keine Wunder, sondern unterstützt den Motor mit einer etwas zu kurzen Übersetzung. 

Womit wir beim Getriebe wären. Die 6 Gänge lassen sich jederzeit problem- und weitgehend geräuschlos wechseln. Dank der tollen Performance des Motors hat das Getriebe ohnehin nicht viel Arbeit. Ein weiteres Plus der Z800 ist die sanfte Gasannahme, zwar könnte der Reihenvierer gerne etwas direkter am Gas hängen, dafür kommt er ohne nervige Lastwechsel aus.

Kawasaki Z800 01

Kommen wir zum Arbeitsplatz des Piloten. Die ansteigende Linie von der Front zum Heck wirkt sich entsprechend auf den Fahrer aus. Der Lenker ist recht tief und flach positioniert, der Fahrer muss sich leicht nach vorne beugen. Die Sitzhöhe ist mit 834 mm nicht gerade niedrig, sorgt aber in Verbindung mit dem Lenker für eine sportlich versammelte Unterbringung mit gutem Gefühl für die Front der Z800. Die Bedienung ist selbsterklärend, was natürlich auch an der übersichtlichen Ausstattung der Kawa liegt. Ein wirkliches Ärgernis sind die Instrumente. Geschwindigkeit und Kontrollleuchten sind noch gut zu erkennen, die Drehzahl erahnt man eher als das man sie ablesen kann. Zusätzlich sind die Instrumente recht tief untergebracht, man muss den Kopf jedes Mal nach unten nehmen wenn man einen Blick darauf werfen will.

Also besser die Straße im Auge behalten und jeden Meter mit der Z800 genießen. Und genau das macht sie einem wirklich leicht. Was sich beim Motor bereits andeutete, setzt sich beim Fahrwerk fort. Souverän beschreibt es recht gut, es gibt Motorräder die sich kleiner anfühlen als sie tatsächlich sind. Bei der Kawasaki fühlt es sich halt nach mehr an. Dies liegt vor allem auch am Gewicht: mit 231 kg vollgetankt schleppt die Z800 einfach ein paar Pfunde zu viel mit sich rum, die spürt man auch auf der Straße. Die Kawa jetzt zum unhandlichen Schwergewicht zu stempeln, ist allerdings nicht richtig. Sie verlangt eben etwas mehr Aufwand, ist dann im Gegenzug eine sehr verlässliche Partnerin. Denn die Lenkpräzision ist wunderbar und auch sonst zeigt sich die Z von ihrer besten Seite. Das Fahrwerk spricht sensibel an und ist gut ausbalanciert. Die Abstimmung ist ein sehr gelungener Kompromiss zwischen Sport und Komfort, erst wenn man sehr sportlich unterwegs ist, wirkt die Gabel etwas unterdämpft. Dazu kommt noch das sanfte Ansprechverhalten des Reihenvierers, all das macht es dem Fahrer sehr einfach die angepeilte Linie zu halten. Selbst wenn man in Schräglage Gas wegnimmt oder gibt, zeigt sich die Z800 unbeeindruckt. Auch beim Bremsen in Schräglage verhält sie sich neutral, zeigt keine nennenswerte Neigung zum Aufstellen. Die gute Performance ist wohl aber vor allem ein Verdienst der gewählten Testbereifung: wir haben die Z800 mit dem formidablen Roadtec01 von Metzeler ausgerüstet. Der verleiht der Kawa die Präzision die die Erstbereifung leider vermissen lässt. 

Ein Haar haben wir in der Kawasaki-Suppe aber dennoch gefunden. Gerade bei sportlicher Fahrweise braucht es eine gute Bremse. Die Stopper der Z800 verzögern zwar bei Bedarf sehr ordentlich, enttäuschen aber in der Handhabung. Der Druckpunkt ist schwammig, die Bedienkräfte hoch und die Beläge wirken stumpf.

MV Agusta Brutale 800 – ein Motorrad wie ein italienisches Familienfest

Dass die Brutale 800 aus Sicht des Autors ein sehr schönes Motorrad ist, konnte man ja bereits einige Zeilen vorher erahnen. Irgendwie haben die Italiener ein Händchen dafür die entscheidenden Nerven anzusprechen um die notwendigen (positiven) Emotionen zu wecken. Nüchterne Zeitgenossen die viel Wert auf Alltagstauglichkeit und Praxisnutzen legen, werden die Brutale so praktisch finden wie ein Cabrio am Polarkreis. Wir sind dagegen für die emotionale Kontaktaufnahme der Italienerin sehr empfänglich. Zumal die sich im Vergleich zur Vorgängerin sehr bemüht diverse Zickigkeiten und Marotten abzulegen. So kommt die MV bereits jetzt Euro 4 homologiert daher. Der Reihendreizylinder hat 781 Kubik und leistet 116 PS, die Herde hat sich zum letzten Jahr also um 9 Tiere verkleinert. Die verbleibenden 116 Vierbeiner stehen dafür sehr gut im Futter, sprich: vergiss die 9 PS weniger. Dazu hat die Brutale 800 Manieren dazu gewonnen, die man ihr in der Vergangenheit überhaupt nicht zugetraut hätte. Sie spricht geschmeidig und doch direkt auf das Gas an, hat den rauen Charakter fast komplett abgestellt. Für den notwendigen Schuss an Emotionen sorgt die Klangkulisse: der Drilling röchelt herrlich durch die Airbox, der Auspuffsound tut ein Übriges. Da ist er wieder, der direkte Draht zu den Nervenenden. Das schöne dabei: die Brutale 800 ist nicht brutal laut, sie hüllt den Fahrer in diesen Klangteppich und lässt die Umwelt weitgehend in Ruhe.

Zwar geht die MV bei niedrigen Drehzahlen nicht ganz so zur Sache wie die Kawa, dafür ist sie herrlich drehfreudig, verleitet immer dazu das Gas stehen zu lassen. Zwar kann sie durchaus auch schaltfaul bewegt werden, aber es will irgendwie nicht zum Charakter der Brutale passen. Zumal das mit einem Quickshifter ausgestattete Getriebe hervorragend arbeitet. Schnell wird Sport zum bestimmenden Programm.

MV Agusta Brutale 800 02

Da passt die im Vergleich zur Kawasaki deutlich sportlichere Sitzpostion wie ein gut sitzender Handschuh. Der Lenker ist noch tiefer montiert, dazu näher am Fahrer, man greift gefühlt direkt ans Vorderrad. Die Taille der MV ist spürbar schmaler, man sitzt auf ihr wesentlich aktiver, ist besser in das Motorrad integriert. Die Bedienung geht für italienische Verhältnisse in Ordnung, das LCD-Instrument hat ähnliche Probleme wie das der Z800. Auch hier lässt sich die per Balken dargestellte Drehzahl schwer ablesen. 

Man kann es bereits erahnen: die Brutale 800 ist ein echter Kurvenräuber. Das Gefühl für das Vorderrad ist hervorragend, die Lenkpräzision hoch, das Handling spielerisch. Könnte an den 30 Kilo liegen die die MV leichter als die Kawa ist. Das Geläuf kann nicht eng genug sein, schnell winkelt die MV ab, ebenso so schnell gehen Schräglagenwechsel von der Hand. Dazu der Druck des Reihendreiers, das herrliche Ansauggeräusch und schon wird jeder Kurvenausgang zur suchtgefährdenden Erfahrung. Wo viel Sport möglich ist, leidet in der Regel der Komfort etwas. Bei der MV verlangt die Hinterhand Nehmerqualitäten vom Fahrer. Die spricht sehr trocken an, gibt einen guten Teil der Arbeit direkt an den Fahrer weiter. Die sportliche Sitzposition fordert spätestens bergab mit vielen Bremsmanövern ihren Tribut. Dann fangen die Handgelenke das komplette Fahrergewicht ab und tun dies nach einiger Zeit auch kund. Die Bremsen sind dann wieder über jeden Zweifel erhaben, sprechen gut an ohne giftig zu sein, auch notwendige Bedienkraft geht in Ordnung.

Fahrerausstattung:

  • Helm Shoei NXT, Jacke & Hose Vanucci RVX, Stiefel IXS X-Boots SEPANG
  • Helm Arai Quantum ST Pro, Jacke Alpinestars Pikes Drystar, Hose Alpinestars Riffs Denim, Stiefel Alpinestars  Stadium Riding Shoes