Ducati Riding Experience in der Toskana

Ducati Riding Experience in der Toskana


Mit der Multistrada 1200 Enduro grobstollig unterwegs

Ducati hat mit der Multistrada 1200 Enduro tatsächlich ein Motorrad mit Offroadzügen im Programm. Und aus Sicht der Italiener ist dies keine Marketing-Ente, sondern eine ernst gemeinte Einsatzmöglichkeit. Ducati meint es damit so ernst, dass sie den Kunden Endurotrainings anbieten: die Multistrada 1200 Enduro Experience.

Wir hatten Gelegenheit in Italien an einer solchen Trainingseinheit teil zu nehmen. Da ist man gerade auf der Fahrpräsentation der BMW nineT Scrambler bei der Mittagspause, da klingelt das Handy und der freundliche Ducati-Pressemensch fragt ob man Freitag/Samstag schon was vorhätte? Hätte ich nicht – na dann könnte man ja an der Ducati Riding Experience in der Toskana teilnehmen. Könnte man und tat dies nach kurzer Genehmigung der heimischen Regierung auch. Es war zwar wenig Zeit bis zu dem Termin, aber spätestens im Flugzeug kamen dann doch Gedanken ob der nicht vorhandenen Enduro-Erfahrung auf. Ob die Multistrada Enduro da der richtige Partner für den Einstieg ist? Immerhin ist sie ja nicht gerade ein zierliches Motorrad, aber das gilt ja für die persönliche Fahrerstatur erst recht. Moppel und Obermoppel gesellen sich sicher gerne. Die Trainingsausschreibung bezieht sich ja ausdrücklich auf Einsteiger, spezielle Kenntnisse werden nicht voraus gesetzt. Zwar wird geländetaugliche Fahrerausstattung verlangt, bei Bedarf kann man sich vom Stiefel bis zu Helm und Brille vor Ort alles leihen. Allerdings sieht man dann aus wie ein Ducati-Werksfahrer. Um in meinem Fall ganz ehrlich zu sein: die Kombination Toskana und Ducati war einfach zu verlockend.

Ducati Riding Experience Mulitstrada 1200 Enduro 03

Und wenn schon Toskana, dann richtig. Die Veranstaltung findet im Castello Frescobaldi in traumhafter Umgebung statt. Dies hat gleich mehrere Gründe: zum einen ist besagte traumhafte Umgebung im Privatbesitz, was viele Dinge vereinfacht. Zum anderen ist der Besitzer selbst Endurofahrer, gehen wir mal davon aus er ist entsprechend begeisterungsfähig. Im Castello stehen eine stattliche Anzahl fein säuberlich aufgereihter Multistrada 1200 Enduro. Natürlich ohne Bekofferung, mit gestutzter Scheibe (sieht übrigens richtig gut aus) und selbstverständlich grobstolliger Bereifung in Form von Pirelli Scorpion Rally. Als Hauptverantwortlicher begrüßt uns Beppe Gualini, den ich von vielen Präsentationen kenne. Dass er an über 60 Rallys, unter anderem auch an der Dakar teilgenommen hat, ist mir neu und lässt meine lausige Endurokenntnis noch kümmerlicher werden.

Die Agenda für die Veranstaltung liest sich sehr gut. Am ersten Tag sind ausführliche Trainingseinheiten vorgesehen, am zweiten eine nicht minder ausführliche Endurotour. Für das Training hat Ducati ein beeindruckendes Gelände parat. In einem von sanft bis steil verlaufenden Hang haben die Profis so ziemlich alles verbaut was man zu einem Endurotraining braucht: steile Auf- und Abfahrten, Slalomkurs, Rüttelstrecke (Tòle ondulèe), Auffahrt über Hindernisse, Fahrwippe, Balance-Balken, Fahrrinnen und ein in die Wiese gemähter Offroad-Track. Leider spielt das Wetter nicht mit und die Agenda ist hinfällig. Das Gelände ist vom Regen noch nass, also wird ein Teil der Trainingsinhalte auf den zweiten Tag geschoben.

Ducati Riding Experience Mulitstrada 1200 Enduro 04

Sicherheitshalber wähle ich eine Maschine mit niedriger Sitzbank, es wird zwar ohnehin immer stehend gefahren, gibt meinem inneren Bedenkenträger aber ein wenig Sicherheit. Wir beginnen mit Slalomfahren auf losem Untergrund. Wenn man die Technik erst einmal raus hat, ist es erstaunlich wie gut sich die Multistrada Enduro bewegen lässt. Weiter geht es Bremsübungen auf losem Untergrund. Im Enduro-Modus ist das ABS am Heck deaktiviert, es gilt also das schlingernde Heck per Gewichtsverlagerung einzufangen. Die ersten Bremsaktionen sind noch sehr zögerlich, aber der unerbittliche Beppe treibt mich und den Rest der Truppe an. Das Vertrauen in die Maschine steigt, die Bremsaktionen werden energischer. Ich lerne viel über stehend fahren und wie man sein Gewicht verlagert, in meinem Fall eher wie man sollte. Und ich muss mir eingestehen das die Multistrada Enduro tatsächlich Enduro kann, zumindest wenn ein Fahrer drauf sitzt der es kann.

Der Tag endet in einer 1-stündigen Endurotour in der näheren Umgebung. Es geht über steinige Feldwege, teilweise enge Pfade und hauptsächlich gänzlich unbefestigte Waldwege. Für echte Enduristen keine Herausforderung, für einen reinen Asphaltjünger durchaus. Der Respekt fährt jederzeit mit, ich sitze immerhin auf knapp 20.000 Euro. Aber die Multi Enduro trägt mich ohne Mucken über Stock und Stein, verzeiht mein zaghaftes Wesen und zieht mich extrem niedertourig die Hänge hoch. Das Fahrwerk steckt selbst gröbere Passagen klaglos weg, trotz des hohen Fahrergewichts schlägt nichts durch. Die Traktion ist hervorragend, der Fahrer wird mutiger und gibt verhalten mehr Gas. Die Waldwege sind allerdings durch den Regen der vergangenen Tage aufgeweicht und oft recht schlammig. Die Duc hält dennoch den Kurs und die Pirellis sorgen für ausreichend Traktion. Der eine oder andere Rutscher bleibt natürlich nicht aus und beunruhigt den Fahrer weit mehr als das Motorrad.

Tag 2: Kaiserwetter! Es geht jetzt auf das bereits erwähnte Trainingsgelände. Als erstes übt unsere Gruppe bergauf- und bergabfahren. Im nächsten Schritt üben wir bergab so langsam wie möglich zu fahren, danach kommen Bremsübungen dazu. Anschließend geht es auf die Rüttelpiste: mit ca. 60 km/h über am Boden befestigte Rundhölzer verschiedener Größen. Es gilt das Vorderrad zu entlasten und die richtige Geschwindigkeit zu finden. Die Multistrada Enduro steckt alles klaglos weg. Mittlerweile ist es recht warm, das Display zeigt 29 Grad und der Schweiß fließt in Strömen. Eine große Herausforderung ist die Fahrt über die Wippe. Ist man zu schnell, schlägt diese samt Fahrer und Motorrad hart auf. Ist man zu langsam, kommt man nicht rüber und riskiert einen Abgang nach hinten. Auf einem in den Boden eingelassenen Balken üben wir gerade fahren. Anfangs noch 20 cm breit verjüngt sich Balken auf 10 cm Breite. Es wird noch wärmer, mir steckt ohnehin noch der Vortag in den Knochen, meine Konzentration geht endgültig flöten und es kommt was wohl kommen musste. Ich würge die Multi bei einem Wendemanöver am Hang ab und lande recht unsanft auf dem toskanischen Boden meiner persönlichen Tatsachen. 

In mir reifen gleich mehrere Erkenntnisse. Ja, die Multistrada 1200 Enduro kann tatsächlich Gelände. Und zwar weit mehr als man denkt bzw. ihr auf den ersten Blick zutraut. Mit kundiger Hand bewegt, meistert die Ducati tatsächlich eine Vielzahl an Offroad-Herausforderungen. Und problemlos mehr als ich vertrage. Ja, ich muss dringend mehr Sport machen. Und nein, aus mir wird in diesem Leben sicher kein Endurist mehr werden. 

Text: Matthias Hirsch

Bilder: Ducati