Moto Guzzi MGX-21 Flying Fortress – Fahrbericht

Moto Guzzi MGX-21 Flying Fortress – Fahrbericht


Der Bagger mit dem italienischen Touch

Moto Guzzi hat den speziell in Amerika sehr beliebten Bagger mit der MGX-21 nicht neu erfunden, aber eine sehr eigenständige Interpretierung des Themas gebracht. Eine wesentliche Rolle spielt natürlich das riesige 21-Zoll-Wagenrad an der Front, aber auch die kantige Verkleidung und die vielen Karbonteile tragen ihren Teil dazu bei. Ob das Vorderrad nur gut aussieht oder sich auch gut fährt, durften wir rund um den Comer See er-fahren.

Als die MGX-21 als Studie auf der EICMA zu sehen war, rieb sich so mancher die Augen. Riesiges Moped, kantiges Design und dann dieses Wagenrad an der Front! So etwas von Moto Guzzi? Mutig, aber trauen die sich ja eh nicht. Und wie die sich trauen! Jetzt steht sie da, will gefahren (und gekauft) werden. Das Genre Bagger hat sie natürlich nicht erfunden, aber sie bereichert es definitiv. Mit einer Harley Street Glide oder einer Indian Chieftain hat die MGX-21 zwar wesentliche Merkmale gemeinsam, aber sie interpretiert diese anders und eigenständig. Zum einen weniger klassisch, so ist die Verkleidung viel kantiger gestaltet, der Scheinwerfer von der California 1400 darin integriert. Zum anderen ist da noch die geradezu verschwenderische Menge von Karbon, alles was nach dem edlen und leichten Material aussieht, ist es auch tatsächlich. Beispiele gefällig? Der komplette Frontfender, die Seitendeckel der Koffer, die seitlichen Verkleidungen des Tanks, das komplette Vorderrad ist damit verkleidet und sogar die Abdeckung des Ölkühlers ist aus dem teuren Werkstoff gefertigt. Wer möchte kann noch mehr Bereiche seiner MGX-21 damit einhüllen. Der Soziussitz lässt sich gegen eine (optionale) Abdeckung aus Karbon tauschen, dann kommt der dicke Hintern noch besser zur Geltung. Der ist zwar durchaus voluminös, hat dennoch überraschend wenig Volumen zu bieten. Zumindest wenn es um den Stauraum der Koffer geht. Die sind nämlich aufgrund der Stereofederbeine viel schmalbrüstiger geraten als es von außen aussieht. Ein Helm passt da nur dann rein, wenn man ihn vorher in 2 Hälften schneidet. Und selbst dann könnte es noch knapp werden.

Soviel Motorrad hat natürlich seinen Preis. Moto Guzzi hängt an die MGX-21 ein Preisschild auf dem 23.000 Euro stehen. Auf den ersten Blick eine ganze Menge Geld, allerdings kostet die Street Glide 26.065 Euro und die Chieftain sogar 27.550. Dabei ist die Guzzi wirklich komplett ausgestattet. Im Preis sind 3 Fahrmodi und eine 3-stufige Traktionskontrolle enthalten. Dazu kommen noch der Tempomat und das sehr ausgeklügelte Entertainment-System. Dieses verbindet sich per Bluetooth mit dem Smartphone und bietet über die Guzzi-eigene App eine Vielzahl an Möglichkeiten. So lassen sich beispielsweise Fahrdaten aufzeichnen und auswerten. Man kann natürlich auch ganz schnöde Radio hören oder spielt seine Playlists vom Smartphone ab. Das System koppelt aber auch Kommunikationssysteme für Fahrer und Beifahrer. Da diese nicht direkt sondern über das Motorrad verbunden werden, müssen sie nicht einmal miteinander kompatibel sein. Schaut man dann noch wieviel Karbon verbaut ist, geht der Preis mehr als in Ordnung.

Antrieb Moto Guzzi MGX-21 – viel Power mit breitem nutzbaren Drehzahlbereich

Der quer zur Fahrtrichtung eingebaute V2 ist grundsätzlich aus der California 1400 bekannt, im Fall der MGX allerdings bereits nach Euro 4 homologiert. Die 1.380 Kubik leisten 96 PS bei niedrigen 6.500 Umdrehungen. Das maximale Drehmoment von 121 NM liegt bereits bei 3.000 an. Geschaltet wird über ein 6-Gang-Getriebe, die Kraft gelangt per Kardan ans Hinterrad. Die Elektronik bietet 3 Fahrmodi: Veloce ist dabei die dynamischste Variante, Turismo bietet ein etwas sanfteres Ansprechverhalten und Pioggia übt sich für regnerische Fahrten in Zurückhaltung. Turismo ist für den täglichen Einsatz bestens geeignet, weitgehend lastwechselfrei geht die MGX-21 ans Gas und sorgt für gute Dosierbarkeit. Etwas forscher, aber ebenfalls problemlos ist Veloce.

Moto Guzzi MGX-21 Flying Fortress 07

Bereits ab Standgas nimmt die Guzzi ohne Beschwerden Fahrt auf und zieht sauber durch. Trotz des hohen Gewichts schiebt die MGX mächtig an. Die Motorcharakteristik ist wie gemacht für schaltfaules Fahren, selbst im  3. Gang deutlich unterhalb von 40 km/h erledigt der V2 seine Arbeit sehr gelassen. Dabei kann er auch anders, denn er legt bis zur Nenndrehzahl stetig an Leistung zu. Eine solche Drehfreude hätte man dem dicken Brummer nicht zugetraut. Allerdings kann man maximal von höheren und nicht wirklich hohen Drehzahlen sprechen. Wir reden hier von vielleicht 5.000 Umdrehungen, wenn man es mal krachen lässt.

Damit lässt sich die MGX-21 sehr souverän bewegen und das passt hervorragend zum Charakter des Motorrads. Was aus Fahrersicht etwas fehlt, ist das Sounderlebnis. Zwar bläst die Guzzi ihren typischen Sound wohl vernehmbar aus den beiden langen Endtöpfen, der Fahrer bekommt jedoch reichlich wenig mit. Dafür sind die Laufgeräusche des Kardanantriebs umso präsenter. Moto Guzzi bietet zwar optional eine etwas lautere Anlage, die dürfte dann allerdings deutlich weniger nachbarschaftskompatibel sein. 

Fahreindrücke MGX-21 – der dynamischste Bagger am Markt

Wieso Moto Guzzi der MGX-21 den martialischen Beinamen Flying Fortress verpasst hat, ist uns leider verborgen geblieben. Vielleicht liegt es an ihrer wuchtigen Erscheinung, wieso man dann allerdings den Namen eines Bombers aus dem 2. Weltkrieg nimmt – da kann man schon mal die Stirn runzeln. Wuchtig bleibt die Guzzi auch bei der ersten Sitzprobe. Die Sitzhöhe fällt mit 740 mm höher aus als man es bei einem Bagger vermutet. Wenn man das Motorrad vom Seitenständer nimmt, sind die vielen Pfunde schon zu spüren. Der Fahrersitz ist komfortabel, das Soziuskissen gibt dem Rücken auf Dauer etwas Halt. Die Fußrasten sind nicht zu weit vorne montiert, der Lenker kommt dem Fahrer ein gutes Stück entgegen. Aufgrund des ausladenden Tanks sitzt es sich zwar breitbeinig aber durchaus bequem und natürlich lässig auf der MGX-21. Die Instrumente sind hübsch gestaltet und lassen sich gut ablesen. Die Bedienbarkeit hat aber so ihre italienischen Tücken. Das man beispielweise die Fahrmodi über den Starterknopf verstellt, ist ohne Handbuch oder Einweisung (am besten beides) nicht erkennbar. Um den Fahrmodus zu wechseln, muss allerdings der Motor laufen. Dafür lassen sie sich auch während der Fahrt ändern. Dafür lässt sich die Traktionskontrolle nur im Stand verändern. Man kann aber auch alles so lassen wie es ist und einfach losfahren.

Moto Guzzi MGX-21 Flying Fortress 02

Das führt dann aber auf den ersten Metern zu einem Aha-Effekt. Denn dann kommt der große 21-Zöller an der Front fahrtechnisch ins Spiel. Bei langsamer Fahrt verlangt der in Kombination mit dem verbauten Lenkungsdämpfer ungewohnt hohe Lenkkräfte. Da muss man schon ordentlich drücken um die Fuhre zum Richtungswechsel zu überreden. Entsprechend wackelig ist man anfangs unterwegs. Die gute Nachricht: nach kurzer Eingewöhnung verschwindet dieser Effekt komplett. Dann fädelt man sich mit der MGX-21 genauso durch den Stadtverkehr wie mit jedem anderen Motorrad. Leichtfüßigkeit sollte man allerdings nicht erwarten, es braucht immer eine gute Portion Unterstützung seitens des Fahrers. Im Gegenzug verwöhnt sie mit einer brauchbaren Fahrstabilität und durchaus dynamischen Qualitäten. Alles wohl gemerkt im Rahmen und unter Gesichtspunkten der Fahrzeugkategorie. Aufgrund des großen Vorderrades braucht es die bereits erwähnte Mithilfe des Piloten, zusätzlich will die MGX noch in Schräglage gehalten werden. Schnelle Wechselkurven sind daher nicht ihre Stärken. Kurven allerdings grundsätzlich schon, gerne auch enge. Denn zum einen zeigt sie erstaunlich viel Schräglagenfreiheit, zum anderen zählt das Fahrwerk zu der besser gedämpften Sorte. Natürlich setzt auch die Guzzi irgendwann mit den Fußrasten auf, wenig später folgt dann sogar der Auspuff. Aber dann befindet man sich mit dem Motorrad in einem Winkel in dem sich die Konkurrenz schon längst ausgehebelt hätte. Das Fahrwerk zeigt sich erstaunlich schluckfreudig und gut gedämpft. Trotz knapper 80 mm Federweg hinten ging die Hinterhand auf schlechten Straßen weder auf den Bock noch gab sie die Unebenheiten an der Fahrer weiter. Auch die Gabel macht ihre Arbeit erstaunlich gut, hält gut Bodenkontakt und trampelt nicht über schlechte Straßen. Die Erwartungen an Lenkpräzision sollte man allerdings nicht hoch ansetzen, Feedback vom Vorderrad erhält man im Stand am Luftdruckprüfer.

So lässt es sich beschwingt um die Ecken biegen. Am besten passt ein flüssiger Fahrstil ohne hektische Bremsmanöver und mit leichtem Zug um die Kurve. Der große V2 erledigt einen Großteil der Arbeit im gleichen Gang, normalerweise im 4., ab und an im 3. und nur bei ganz engen Stellen in Stufe 2. Und wenn es noch enger wird, helfen die guten Bremsen. Die Stopper machen ihre Arbeit trotz des hohen Gewichts wirklich gut. Und dass die Fuhre vorne nicht einsackt, zeigt nochmal wie gut die Gabel arbeitet. Kurve folgt auch Kurve, wir schrauben uns aus den umliegenden Bergen nach unten Richtung Comer See. Mit so viel Fahrspaß hatte im Grund keiner gerechnet. Die schmale Straße windet sich am Hang entlang, geht durch enge und dunkle Tunnel. In den engen Kehren lässt sich die MGX-21 gut einlenken, lediglich rechts herum muss man etwas weiter ausholen und stark einlenken. Dann werden bei kleineren Fahrern die Arme sehr lang. Die haben auch den besten Windschutz, denn die Verkleidung ist knapp geschnitten und schützt maximal den Oberkörper, Schultern und Kopf liegen voll im Wind. Dafür hat man nicht mit Verwirbelungen zu kämpfen.

Text: Matthias Hirsch

Bilder: Moto Guzzi