BMW G 310 R – Fahrbericht

BMW G 310 R – Fahrbericht


Baby-Beamer

Mit dem Einzylinder-Roadster G 310 R begibt sich BMW in eine Hubraumklasse, die zuletzt im Jahr 1966 von den Münchenern besetzt war. Offensichtlich hält man in München die Zeit für reif, neue Wege zu gehen, um neue Zielgruppen zu erreichen. Wir sind die G 310 R bereits gefahren – da geht was!

Für Stephan Schaller, Leiter BMW Motorrad, ist die G 310 R seine „Kleine”, die ihren Teil dazu beitragen soll, dass die Münchener bis zum Jahr 2020 die Zielvorgabe von jährlich 200.000 verkauften Motorrädern erreichen. Gleichzeitig betont der Manager anlässlich der Fahr-Präsentation in München das es sich bei der kleinsten Maschine im BMW-Modellprogramm keineswegs um ein Spielzeug handele, sondern ein richtiges Motorrad. „Die G 310 R ist eine Botschafterin, die uns neue Kunden bringen soll”, sagt Schaller, um in einem Atemzug nachzuschieben, dass man hubraummäßig aber nicht noch weiter nach unten gehen werde. Die BMW R 27 war 1966 das letzte Einzylinder-Motorrad unter 500 Kubikzentimeter Hubraum, das die Bayern produziert haben. Mit der F 650 in den 1990er-Jahren feierte der Einzylinder zwar eine Auferstehung, allerdings in einer Hubraumklasse, die sich eher an den großvolumigen Modellen der Marke orientierte. Die Tradition kleinerer Hubräume lässt BMW nun durch die G 310 R wieder aufleben. Als leichter, fahrdynamischer Roadster konzipiert, soll sie sportliche Talente mit soliden Komforteigenschaften vereinen und dank eines geringen Gewichts von knapp 160 kg und einfacher Beherrschbarkeit das Motorrad für alle Tage darstellen.

BMW G 310 R 06

Neue Konzepte verlangen offensichtlich auch nach neuen Wegen bei der Entwicklung und vor allem bei der Preispolitik. So wird der Mini-Roadster nicht im Zweiradwerk in Berlin-Spandau gefertigt, sondern in Kooperation mit dem indischen Zwei- und Dreiradhersteller TVS in Bangalore. Die TVS Motor Company ist mit etwa drei Millionen produzierten Fahrzeugen der drittgrößte Zweirad-Hersteller in Indien. Offensichtlich gab es auch bei BMW Befürchtungen, das Experiment könnte sich im indischen Dschungel verirren. Negativ-Beispiele wie die in Indien produzierte Harley-Davidson 750 kennt man aus letzter Zeit. „Es hat schon einige Überzeugungsarbeit bedeutet, den Indern den BMW-Spirit zu verinnerlichen”, erzählt Andreas Müller, der für BMW in den vergangenen drei Jahren die Kooperation mit TVS leitete. „Aber sobald sie begriffen hatten, was wir wollten, standen sie zu 100 Prozent hinter dem Projekt.” Immerhin kommen rund 80 Prozent der Bauteile von TVS bzw. von indischen Zulieferern. Dazu gehören u.a. der Stahlrohrrahmen, die Bremsen, die Verkleidungsteile und die Sitzbank. Bei anderen Komponenten vertraute man dagegen bewährten Zulieferen wie Kayaba bei der Upside-down-Gabel und dem Zentralfederbein, Continental beim einwandfrei regelnden Zweikanal-ABS und Michelin als Erstausrüster bei den Reifen. Herauskommen sollte auf jeden Fall „eine richtige BMW” wie Stephan Schaller betont.

Antrieb BMW G 310 R - quirliger und bekömmlicher Eintopf

Herzstück der neuen G 310 R ist ein komplett neu entwickelter, flüssigkeitsgekühlter Einzylinder-Viertaktmotor mit 313 kubik, Vierventiltechnik und zwei obenliegenden Nockenwellen. Mit einer Leistung von 34 PS (25 kW) bei 9500/min und einem maximalen Drehmoment von 28 Nm bei 7500/min spielt der Roadster in einer Liga mit der Kawasaki Z300 (39 PS) und der Yamaha MT-03 (42 PS). Entgegen herkömmlichen Einzylinder-Konzepten bietet der BMW-Motor eine Reihe außergewöhnlicher Lösungen. Allen voran fällt das Triebwerk durch den nach hinten geneigten Zylinder sowie den um 180 Grad gedrehten Zylinderkopf auf. Der Einlasstrakt befindet sich in Fahrtrichtung gesehen vorn, der Auslass hinten. Den Zündfunken liefert eine zentral im Brennraum platzierte Zündkerze. Die Kraftübertragung erfolgt über eine Mehrscheiben-Kupplung im Ölbad auf ein klauengeschaltetes Sechsganggetriebe. Das lässt sich zwar problemlos schalten, fühlt sich allerdings unausgewogen an. Außerdem erfordert die Suche nach dem Leerlauf etwas Feingefühl. Die Ganganzeige im von Conti zugelieferten Digital-Cockpit erleichtert aber die Wahl des richtigen Gangs.

Schaltfaul sollte man ohnehin nicht sein, um den Roadster sportlich über kurvige Landstraßen zu treiben. So richtig spritzig präsentiert sich der Einzylinder erst ab einer Drehzahl oberhalb von 5000/min. Die sollte man auch beim Durchfahren enger Kurven beibehalten, um danach nicht in ein Drehzahlloch zu fallen und den Anschluss an leistungsstärkere Bikes zu verlieren. Dann fallen auch trotz Ausgleichswelle die Vibrationen an den Oberschenkeln und am Kupplungshebel nicht mehr so auf wie beim Anfahren oder im Stopp-and-go-Verkehr. Ausgestattet mit einem geregelten Katalysator, der Einstritzanlage BMS-E2 sowie einem Sekundärluftsystem stellt die Einhaltung der neuen Euro-4-Abgasnorm kein Problem dar.

Fahreindrück G 310 R - wieselflink und dennoch stattlich

Trotz der maximal 34 PS hält die G 310 R durchaus mit größeren Maschinen mit und spielt vor allem in schnell aufeinander folgenden Kurvenpassagen ihre Wendigkeit aus. Das große Plus des Roadsters ist das ausgezeichnet abgestimmte Fahrwerk. Geradezu spielerisch klappt er in Schräglage, bleibt dabei stets neutral und berechenbar. Spurstabil meistert er alle Fahrsituationen ohne auch bei unebener, löchriger Fahrbahndecke den Fahrkomfort vermissen zu lassen. Einen wesentlichen Anteil an der hohen Neutralität hat die mit 650 Millimetern Länge üppig bemessene Alu-Hinterradschwinge, die Lastwechselreaktionen nahezu eliminiert.

BMW G 310 R 04

Trotz ihrer Kompaktheit mit einem Radstand von 1374 mm und zwei Metern Länge wirkt die G 310 R durchaus wie ein ausgewachsenes Motorrad. Selbst Fahrer mit Gardemaß über 1,85 m fühlen sich auf Anhieb gut platziert und überhaupt nicht eingeengt. Der Lenker liegt perfekt in der Hand, alle Schalter der Armaturen sind gut zu erreichen und einfach zu bedienen. Die sonst bei BMW vertrauten Einstellrädchen sowie Info- und Mode-Bedienelemente werden überhaupt nicht vermisst - ganz im Gegenteil. Wünschen würde man sich nur einstellbare Brems- und Kupplungshebel. Aber die kann man ja nachrüsten, genauso wie den nicht zum Serienumfang gehörenden Hauptständer.

BMW bietet die G 310 R in drei Farbvarianten an: Schwarz, Blau und das für 50 Euro Aufpreis angebotene Weiß mit Sport-Graphics in Blau und Rot. Als Sonderzubehör gibt es zudem eine niedrigere bzw. höhere Sitzbank für das serienmäßig in 785 mm Höhe angebrachte Sitzpolster, dazu eine Gepäckbrücke, ein 29 Liter fassendes Topcase mit Halteplatte, LED-Blinker, einen 12-Volt-Anschluss sowie Heizgriffe. Bei einem Einstandspreis ab 4750 Euro wird man die zusätzlichen Kosten verschmerzen können und sich an einem echten BMW-Motorrad erfreuen. Die „Kleine” ist ein echtes Spaßmobil nicht nur für kleine Jungs und Mädels.