Triumph Bonneville Bobber - Fahrbericht

Triumph Bonneville Bobber - Fahrbericht


Das Bollern des Bobbers

Retro, Klassik, Customizing – Triumph hat die drei Säulen der aktuellen Motorradtrends aufgegriffen und mit einem guten Schuss britischer Individualität zur Bonneville Bobber abgemischt. So ungewöhnlich ist lange kein Motorrad mehr aus den weltweiten Werkshallen gerollt.

Madrid – ausgerechnet. Die iberische Metropole hüllt sich Mitte Dezember gerne mal in winterlichen Nebel, garniert mit kräftigen Schauern und skandinavischen Temperaturen, schließlich ist Madrid mit offiziellen 667 Metern überm Meer die höchstgelegene Hauptstadt der Europäischen Union. Hier stellt Triumph also die faszinierende Bonneville Bobber vor, ein urwüchsiges Bike, das achtzig Prozent der Besucher der Mailänder EICMA unbedingt sehen wollten – sagt jedenfalls eine Kundenbefragung der Messegesellschaft. 

Das mag ich wohl glauben, denn mit der Bobber hat Triumph ein Bike auf die Speichenräder gestellt, das völlig aus dem Rahmen fällt und gleichzeitig perfekt ins Programm eines der ältesten Motorradhersteller der Welt passt. Warum? Das erklärt die Geschichtsstunde, die uns die Triumph-Mannen um Brandmanager Miles Perkins fröhlich erteilen: Das Customizing, also der Umbau von Serienmotorrädern in individualisierte Bikes, ist beileibe keine neue Erfindung. Schon im Amerika der Nachkriegsjahre schraubten die coolen Jungs alle unwichtigen Teile ihrer Serienbikes ab, montierten Solositze und eine gerade Lenkstange und kappten die Kotflügel, als „bobbed Fenders“ bezeichnet – was dieser Motorradgattung den Namen gab. Übrigens wird auch die modische Kurzhaarfrisur von Damen aus dem gleichen Grund so bezeichnet: Wer einen „Bob“ trägt, dem wurden die Haare gekappt. Durch die Gewichtsersparnis hofften die Burschen auf Vorteile bei den populären Beschleunigungsrennen aus dem Stand bis zum „Flat out“. Einer der damaligen Hauptdarsteller: Triumph. Die Briten-Bikes waren America’s first choice, weil sie leichter und vor allem kostengünstiger als die Ami-Eisen waren.

An diese Zeit erinnert die Bonneville Bobber, die den Customizing- wie Retro-Trend glaubhaft bedient: Der geduckt-kraftvolle Stil gilt seit damals als Fixpunkt in der Custombike-Szene, die authentische Old-School-Optik rührt von der Bonneville-Basis her. Doch zahlreiche neue Ideen heben die Bobber aus der ziemlich einförmigen Retro-Masse hervor und machen aus ihr ein wirklich ungewöhnliches Motorrad. Allem voran der Einzelsitz im Zusammenspiel mit dem markanten Hardtail-Look, der der Silhouette eine ungewohnte Luftigkeit verleiht – die vorne bullige Triumph wirkt wie nach hinten wie kupiert. Die Lenkerendenspiegel fügen sich nahtlos in dieses Ensemble ein, passgenau unterstützen die Speichenräder den markanten Look, vorne schlank, hinten dagegen dick und fett. Und wie es sich gehört, dominiert dazwischen ein klassisch-britischer Paralleltwin mit Kühlrippen und zwei knackig-kurzen Schalldämpfern die Optik. 

So originalgetreu der Anblick, so modern ist die Technik: Der 1200er-Twin mit Flüssigkeitskühlung stammt aus der Bonneville T120, also mit Drosselklappengehäusen im Amal-Vergaser-Look und einer scheinbar durchgehenden, geraden Auspuffanlage, die in Wirklichkeit in einem Sammler unterm Motor entgiftet wird und von dort aus in Richtung der „Slash-Cut“-Peashooter-Schalldämpfer führt. Das Zündschloss liegt auf der rechten Fahrzeugseite verborgen unterhalb der „Vergaser“, auf Knopfdruck bollert der Twin unmittelbar los und umschmeichelt die Gehörgänge mit einem akustischen Genuss: Den Doppeltöpfen aus gebürstetem Edelstahl entweicht ein begeisternd volltönender Bobber-Sound, der mit jedem Handgelenkdreh wunderbar anschwillt.

Triumph Bonneville Bobber 24

Eigentlich würde ich das gerne stundenlang so tun, nur soll es gleich losgehen – in den iberischen Landregen, der sich direkt hinterm Dach der Hotelauffahrt auf den gut durchweichten Asphalt ergießt. Auf ein solches Motorrad gehört standesgemäße Kleidung, und dazu gehört für mich selbstredend ein offener Jethelm. Und die Kollegen? Haben sich mit wetterfesten Helmen mit Visieren gegen das Sch...wetter gewappnet. Ja bin ich denn der einzige Depp? Beim Blick in die Runde krieg ich große Augen: Ja, scheint so... Selbst der Kollege vom Motorrad-Lifestyle-Magazin, an sich bekannt für stimmungsvolle Bilder in authentischem Ambiente, ist mit wasserdichtem Enduro-Anzug angereist! Dankenswerterweise hat Triumph Eventmanagerin Natasha für Ober-Optimisten wie mich wasserdichtes Überzeugs besorgt – das wirkt nicht sehr attraktiv, aber ein wasserdurchtränkter Lappen auf dem Motorrad sieht auch nicht besser aus. 

Also hock ich mich auf den Einzelsitz und bin überrascht: Selbst mit meinen 174 Lebendzentimetern sitzt es sich durchaus bequem. Die über eine Schiene in Höhe und Neigung verschiebbare Aluminium-Sitzschale lässt die Wahl: Lässig in niedrigen 690 Millimeter cruisen oder 30 Millimeter näher am Lenker und 10 Millimeter höher aktiver agieren, die Einstellung ist mit einem Schraubenschlüssel in wenigen Sekunden vollzogen. Letzteres taugt mir besser und bietet sich für die hinter der Ausfallstraße wartenden kurvigen Strecken an, die durch die umliegenden Berge mit frisch haltenden Temperaturen um die vier Grad führen. Dabei kann sich jeder für die Triumph wegen ihres fahraktiven Charakters erwärmen, den man in dieser Klasse so nicht erwartet hätte. Denn anders als die Heerschar der Custombikes agiert die Bobber erfreulich handlich und trotz des langen Radstands und der hecklastigen Gewichtsverteilung Vertrauen erweckend. Mühelos lässt sich die mit 228 Kilo trocken durchaus leichtgewichtige Britin zur Schräglage überreden, flitzt flott und erstaunlich neutral durch die Ecken. Das liegt nicht zuletzt an den vom britischen Reifenhersteller Avon speziell für dieses Motorrad entwickelten Cobra-Reifen, die mit ihrem geringen Eigengewicht die Agilität zusätzlich fördern. Und den Kurvenspaß hier überhaupt erst möglich machen: Die englischen Rundlinge warten mit einem überragenden Nassgrip auf, der in einem besonders aktiven Falle sogar die Raste über den Boden kratzen lässt – ohne schädliche Nebenwirkungen. Nur gegen die lebensgefährlich glatten weißen Fahrbahnmarkierungen sind auch diese Kleber machtlos. 

Hinter der erfrischenden Agilität braucht sich der überraschend gute Fahrkomfort nicht zu verstecken. Die Gabel und vor allem das Zentralfederbein sprechen sensibel auf Unebenheiten an und bügeln gut abgestimmt ein Großteil der Verwerfungen effektiv glatt, obwohl ihnen mit je 90 Millimeter nicht gerade üppiger Federweg zur Verfügung steht. „Das liegt am Einzelsitz,“ klärt mich Triumph-Fahrwerksentwickler Felipe Lopez auf, „wir brauchten bei der Abstimmung keine große Bandbreite zu berücksichtigen – für die Bobber spielen Soziusbetrieb und Gepäckzuladung keine Rolle. Entsprechend zielgenau konnten wir die Dämpfung und Federung auslegen.“ Schön, wenn’s so einfach ist.

Triumph Bonneville Bobber 07

Wie ein echter Kumpel unterstützt der unkomplizierte Feinripp-Twin das feucht-fröhliche Treiben. Mit Euro 4-Eignung zeichnet der 1200er eine überschaubare Maximalleistung von 77 PS aufs technische Datenblatt, damit galoppieren hier nochmals drei Pferdchen weniger als bei der T120. Dafür bekommt der Bobber-Pilot aber eine drehmomentorientiertere Abstimmung für einen fülligen Drehmomentverlauf: Zwischen 3.000 und 5.000 U/min stehen stets über 100 Nm zur Verfügung, mit denen der Bobber schon ab Standgas und im unteren Drehzahlbereich anständig voran drückt. Auch das maximale Drehmoment von 106 Newtonmeter liegt schon bei niedrigen 4000 Touren an und macht eine schaltfaule, durchzugsorientierte Fahrweise zur ersten Wahl. Wer den Briten-Twin – und sich selbst – über 5000 Touren quält, wird dem Aggregat keinen weiteren Schub abringen; sportive Drehzahlorgien optimieren noch nicht einmal die Akustik. Noch mehr Alltagstauglichkeit bescheren ein langer erster Gang und die äußerst leichtgängige, drehmomentunterstützte Kupplung. Infolge der Ride-by-Wire-Technologie stehen der Bobber als moderne Errungenschaft zwei Fahrmodi zur Verfügung, die beide die volle Leistung, aber ein unterschiedliches Ansprechverhalten bieten: Für ein englisches Motorrad ist der „Rain“-Modus ein Muss, hier geht das Aggregat ziemlich zurückhaltend zu Werke. In den Fluten von Madrid habe ich mich aber bald für den Road-Modus entschieden, da dieser selbst unter schwierigen Bedingungen einen sehr gut dosierbaren Leistungseinsatz bietet.

Eher dem klassischen Ansatz entspricht die Bremsanlage mit der recht zurückhaltenden Wirkung vorn. Hier muss schon mächtig den Anker werfen, wer die Einzelscheibe vorn in den ABS-Regelbereich zwingen möchte. Wer sicher und ordentlich verzögern will, muss den Fußbremshebel traktieren – das deutlich höhere Gewicht auf dem Hinterrad lässt den Bobber wie in den Vereinigten Staaten von Amerika üblich hinten bremsen. Im Gegensatz zur puristischen Erscheinung fällt die Ausstattung der Britin alles andere als spartanisch aus, auch wenn die journalistenfreundlich montierten Heizgriffe der Präsentationsbikes zum Zubehörprogramm gehören. Neben dem ABS gehört eine abschaltbare Traktionskontrolle zum Serienumfang, über einen Schnellverschluss lässt sich die Neigung des kompakten Rundinstruments variieren, eine Taste am linken Lenkerende steuert die Informationen im integrierten LC-Display bis hin zur Drehzahlanzeige. Getreu dem Customizing-Gedanken offeriert Triumph jede Menge Zubehörteile, die den Bobber-Stil weiter verfeinern. Wem dazu partout nichts einfällt, kann sich an den sogenannten Inspiration-Kits orientieren: Das Old School-Kit mit Apehanger-Lenker schiebt die Bobber stärker in Richtung der klassischen Vorbilder, mit dem extra-scharfen Quarter Mile-Kit und Stummellenker ergibt sich die kraftvolle Optik eines historischen Drag Racers.

Doch auch die „normale“ Triumph Bonneville Bobber ist schon ein ganz besonderes Motorrad, das mit individueller Optik, unzähligen feinen Detaillösungen, einem durchzugsstarken Antrieb und agilem Fahrverhalten den nicht gerade günstigen Preis von 12.500 Euro (gilt für Jet Black, in Ironstone und Morello-Red 12.625 und im zweifarbigen Competition Green für 12.800 Euro) mehr als zurück zahlt – selbst bei eher unwürdigen Bedingungen. Hierzulande muss man darauf bis Februar warten, wenn das Wetter hoffentlich besser als in Madrid sein wird. 

Text: Thilo Kozik

Bilder: Barbanti, Barshon, Kirn, Kozik