Aprilia SL 750 Shiver

Aprilia SL 750 Shiver


Shiver, shiver

Aprilia lässt uns im wahrsten Sinne des englischen Wortes einen Schauer über den Rücken fahren. „Nuda Emozione“ lautet zudem das Motto der Pressevorstellung nördlich von Venedig am Fuße der Alpen. Eine grandiose Kulisse wurde mit dem Castel Brando, einer mittelalterlichen Burgfeste auserwählt. „Nuda Emozione“ könnte im übertragenen Sinne allerdings auch nacktes Entsetzen bedeuten. Entsetzt werden nämlich all diejenigen sein, die keine Shiver haben, oder ein Bike herstellen, dass sich mir der 750er aus Noale messen lassen muss.

Warum nicht auch einen Fahrbericht mal von hinten anfangen? Mit dem Ergebnis vorneweg? Hier ist es: Die Aprilia SL 750 Shiver, wie sie mit vollem Namen heißt, ist ein geiles Stück Eisen. Und sollte sofort von jedem für nur 7.995 Euro gekauft werden! Alles klar? Auf zur Theke!

Schnell entschlossen

Ihr braucht Gründe für so ein schnelles Urteil? Warum? Schaut sie euch doch einfach an: Italienisches Design vom Feinsten, eine schlanke Linie, Upside-down Gabel, radial montierte Bremsen der Referenzklasse, Stahlrohr-Gitterrahmen mit Rennsport-Alusschwinge, gehalten von einem seitlich angebrachten Sachs-Federbein. Ein Scheinwerfer wie MV-Brutale, Auspufftüten wie BB-King, nur kleiner, und einen agilen güldenen Superbike-Lenker, um den Schauer bei den Hörnern zu packen. Also los: Kaufen!

Druckvoller Start

Ihr wollt Emozione? Na gut, starten wir wenigstens den Motor. Das Ohr kauft schließlich mit. Auch hier gibt die Shiver alles. Nach dem Druck aufs Startknöpfchen ballert der, von Konzernmutter Piaggio neu entwickelte, 90 Grad V-2 kernig los. Mechanische Motorgeräusche sind nicht wahrzunehmen. Einzig der druckvolle Punch beim Aufreißen (-lassen) der Drosselklappen vibriert über den Rücken des Fahrers unter den Helm ans Trommelfell und von dort direkt ins Glückszentrum des Gehirns. Wie hypnotisiert ziehst Du die leichtgängige Hydraulikkupplung und legst den ersten Gang ein. So ein V-2 macht richtig Meter, wenn man die Kupplung kommen lässt. Da steckt Druck dahinter. Sound und Vortrieb im Einklang der Bewegung. Die Shiver macht einfach glücklich. Wolle jetzt kaufe, Dottore?

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Elektronischer Gasgriff

Für einen 750er schenkt der Motor ordentlich ein. 95 PS bei 9.000 U/min sind ein Wort in der Mittelklasse. Da wird eine SV 650 direkt einpacken können und auch BMWs 800er Twins sind diesem Druck nicht gewachsen. Das Triebwerk stürmt auf den kurzen Bergauf-Geraden zwischen den Serpentinen in den Begrenzer, als wären wir beim Hillclimb-Prototypenrace. Jedoch verspüre ich beim plötzlichen vollen Auf- und beim abrupten Zudrehen des Gashans ein leichte Verzögerung in der Motorreaktion, die den puristisch knackigen Eindruck etwas trübt. Wer fährt mir da in die Parade? Es ist das neue Ride by Wire System, das die mechanischen Gasgriff-Befehle in einer Blackbox hinter dem Lenkkopf in elektronische Daten für die Drosselklappen-Steuerung umsetzt. Es findet mein Tun irgendwie unplausibel. Und weiß alles besser. Dieses ärgert mich ein wenig, hat aber den Vorteil, dass die Drosselklappen unter Berücksichtigung anderer Parameter, wie der Kolbengeschwindigkeit, des eingelegten Ganges, der Temperatur und des Luftdrucks, optimal, und zwar für jeden Zylinder separat, vom Zentralrechner des Motormanagements gesteuert werden können.

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Dies wirkt sich nicht zuletzt positiv aufs Abgasverhalten, den Benzinverbrauch und die Geräuschemission aus. Hinterlässt aber bei Fahrern, die, per Seilzug zwangsgesteuerte Drosselklappen gewohnt sind, zunächst ein etwas ratloses Gesicht. Da gehört schon ein ausgewachsenes Vertrauen in die digitale Welt dazu, um sich nicht irgendwelchen haarsträubenden Szenarien, nicht mehr zu schließender Drosselklappen aufgrund einen Computerabsturzes, hinzugeben. Der verantwortliche Ingenieur versichert, das System sei dreifach abgesichert. Auf jeden Fall besser, als die beiden Drahtgaszüge es jemals sein könnten. Aber Moment, die sind ja auch noch da! Also eigentlich doch ein doppeltes Risiko einer Fehlfunktion.

Steifes Gitter

Das Fahrwerk ist definitiv voll mechanisch und so stabil, dass es auch noch mehr Leistung vertragen könnte. Die Shiver gleitet so aktiv durch die Kurven, wie ein Karving-Ski die Piste hinunter. Sie saugt sich quasi an den Asphalt. Die Federelemente arbeiten perfekt. Auch, oder besser, gerade in sportlicher Gangart. Dunlops Qualifyer passen ganz hervorragend dazu. Die Instrumente informieren in einem Mix aus analogem Drehzahlmesser und digitalem Tacho im Multiinformationsdisplay über alles Wissenswerte auf einen Blick. Verwendete Materialien, Verarbeitung und Finish sind auf höchstem Niveau. Mehr Motorrad gibt’s für diesen Preis selten. Also, kaufen! hab ich doch gleich gesagt.

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Text: Pabi

Fotos: Pabi/Werk