Aprilia Tuono 1000 R

Aprilia Tuono 1000 R


Thunfisch oder Donnervogel

Das Muscle-Bike auf Basis der aktuellen RSV 1000 ist mit 133 PS eine der stärksten Nackten in der Welt. Trotzdem nennt sie jeder despektierlich nur „Thunfisch“! Zu verwandt klingt ihr Name für mitteleuropäische Ohren nach unserem zweitliebsten Pizzabelag. Dabei heißt Tuono in Wirklichkeit doch Donner. Und das passt tatsächlich viel besser zum aufregenden Zweizylinder-Brenner aus der Österreich-Italien-Connection.

Der Donnervogel macht nämlich gleich nach der, Dank Einspritzung immer kurzen, Startprozedur mit lautem Bollern klar, dass hier richtig Leben in der Bude steckt. Sogar gestandenen Superbikern flößen die robust vibrierenden Lebensäußerungen des Rotax-V2 schon im Stand Respekt ein. Und den braucht es auch. Sowohl der Antritt der Fuhre, als auch ihr Verzögerungsvermögen sind nichts für Grobmotorische. Besonders in den unteren beiden Gängen passiert ein Wheelie schneller, als so manchem lieb sein dürfte.

Wer mit 4.000 Ummis durch die Gegend bummelt und dann unwirsch die Drosselklappen öffnet, sollte sich immer im Klaren darüber sein, dass ein Überschlag nach hinten zwar beim Bodenturnen gute Noten gibt, beim Motorradfahren aber immense Schmerzen und Kosten verursachen kann. Von der üblen Blamage und dem schweren psychischen Schaden ganz zu schweigen. Gleiche Warnmeldung gilt es für die radial montierten goldenen Brembo-Stopper auszusprechen. Aus hohen Geschwindigkeiten sind sie gut dosierbar und mit derart deutlich identifizierbarer Steigerungsrate ausgestattet, dass es nur so eine Freude ist, sie auf der Rennstrecke herauszufordern und die Bremspunkte provokativ spät zu setzen. Bei, durch Unachtsamkeit ausgelösten, Schreck-Bremsungen im Innenstadtgetrödel droht analog der ganz normale Salto vorwärts.

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Landstraßen Rodeo

NEIN, jetzt kommt mir nicht mit ABS und Traktionskontrolle oder Überschlagsensor. So ein Weichspülblödsinn ist vielleicht was für die Formel-1, hat an dieser Diva aber mal rein gar nichts zu suchen. Die Tuono beglückt viel mehr mit ihrem strammen Körper, als dem Bemühen, die langweilige Sucht nach Perfektion zu befriedigen. Die Federelemente sind von Haus aus megastraff. So straff, dass es Dir auf Landstraßen unterster Kategorie mit ordentlichem Buckelbelag fast den Leker aus der Hand schlägt und Du auf dem dünnen Kissen umher hopst, wie ein altersschwacher Jockey beim Rodeo. Da fliegt die Frau Welte auf der hoffnungslos untermotorisierten Pegaso Dank ihrer besseren Bodenhaftung locker vorbei. Das gibt’s doch nicht! Aber jeder ernsthafte Versuch, Gegenmaßnahmen einzuleiten, und die Tuono mit einem beherzten Dreh am Gasgriff inne vorbei zu drücken, würde mit einem Ausflug in die tiefen Straßengräben enden. Und so gut bin ich nur auch nicht versichert. Bei der Reduktion der Federvorspannung kann Dir aber leider auch das Bordwerkzeug nicht helfen. Die entscheidenden Schlüssel fehlen schlicht! Doch was soll’s. Schließlich käme auch niemand auf die Idee, ernsthaft mit dem Trecker auf der Rennstrecke fahren zu wollen. Also führten wir den Thunfisch, sorry, den Donnervogel gleich nach der holperigen Eifeltour auf’s ureigene Geläuf des abgesperrten Rundkurses von Continental.

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Hier galt es, die wahre Gesinnung auszuleben. Die rennverkleideten Artgenossen zu jagen und den Handlingvorteil des breiten Superbike-Lenkes im engen Kurven-Geschlängel sowie die Urgewalt des V2 auszuspielen. Hier ist die Italienerin in ihrem Element. Kann endlich zeigen, dass ihr geiles Fahrwerk doch eher Perfektion als Willkür darstellt. Und hier verführt sie ihren Fahrer nach allen Regeln der Kunst. Egal, in welchem Gang Du aus der Spitzkehre kommst. Der 1000er Rotax zerrt an der Kette, wie ein mit Steroiden vollgepumpter Rottweiler auf Koks. Ruckzuck geht’s über 200 und ohne auch nur ans Bremsen zu denken in die lange Links. Beim Gasaufziehen in leichter Schräglage fängt’s hinten gutmütig an zu pumpen. Aber das reitet man locker mit großem Grinsen in den Backen aus. Die Sitzposition ist einfach genial. Der Lenker liegt locker in der Hand. Leider ist das Überholen bei dieser Art des Rennstreckentrainings nicht erwünscht. Doch ich kann mich ja mal groß und leicht versetzt im Rückspiegel der R1 Yamse vor mir zeigen. Nur so, zum Spaß! Nach dem Motto: „Wenn ich wollte und dürfte, wie die Tuono kann, wär ich jetzt schon lange neben Dir!“ 

Die perfekte Welle

Wir schalten einen runter, legen um nach rechts. Wieder ans Gas. Die Kurve zieht zu. Dann aus der Schrägen anbremsen das gutmütige Aufstellmoment ausnutzen, wieder einen Gang runter, sofort nach links umlegen und gleich wieder ans Gas gehen. Auch dieser Turn zieht mächtig zu. Die Tuono und ihre Michelin Pilot schreien nach mehr. Sollen Sie haben! Selten hab ich mich so gut, so sicher gefühlt. Ich habe alles im Griff, drücke meine linke Schulter weiter in den Kurvenradius und nehm die Tuono mit nach unten. Der Asphalt drückt mir das linke Knie zurück in Richtung Maschine. Den Schenkel ganz nah an die Flanke der heißer röhrenden Italienerin. Ich will, dass diese Kurve nie endet! Donnerwetter - Jetzt weiß ich, wie sich ein Surfer auf der perfekten Welle fühlt. Oder Brat Pit beim Kindermachen mit Lara Croft. Oh nein, Die Kurve macht auf. Muss das jetzt schon sein? Klar! „Auf“ die Drossel-Luke und raus auf die kurze Gerade. Ich habe nur einen Gedanken: So schnell wie möglich wieder zurück zu dieser Kurve zu gelangen. Zum Glück hab ich an diesem Tag noch einige Runden vor mir und eine Tuono, die mich nachdrücklich anschiebt.

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Autobahnqual

Doch auch dieser Tag endet und die letzte Etappe ist der 250 Kilometer Turn von Hannover zurück in den Ruhrpott. Die praktischen Gepäckhaken helfen beim Transport des Turnbeutels auf dem kantig verkleideten Heck. Wer plant, unterwegs eine Anhalterin mitzunehmen, sollte sich vorher Gedanken über die benötigte Anzahl der Sitzplätze machen und den Heckeinsatz auswechseln. Denn das Kissen für die, die mit wollen ist nicht etwa unter dem Plastik verborgen, sondern ein eigenes Bauteil. Dabei fährt die Mitgenommene sogar recht bequem. Jedenfalls sind mir keine Beschwerden zu Ohren gekommen. Was natürlich auch am brachialen Auspuffton gelegen haben kann, der jedes Gezeter von hinten locker übertönt. Wären die Fahrer-Fußrasten doch nur ein bisschen weiter hinten angeschraubt. Dann würde ich fast von einem perfekten Naked-Bike sprechen. So kommt man sich sitzpositionstechnisch ein wenig wir auf dem Bürostuhl vor. Steigt man zum direkten Vergleich auf eine Speed-Triple wird man feststellen, dass man wesentlich sportlicher und aggressiver sitzt. Irgendwie harmonischer. Aber auch der Zubehörhandel soll ja schließlich leben. Und verstellbare Rastenanlagen hat ja fast jeder Hersteller im Programm. Dafür kann die Tuono auch vorne, im Cockpit überzeugen. Es ist übersichtlich strukturiert. Außer dem anlogen Drehzahlmesser informiert das Display über den Betriebs und Gemütszustandes des Bikes. Sogar die Batteriespannung kann per Klickerei an der linken Lenkerarmatur abgefragt werden. Ein vorbildlicher Bordcomputer mit Tripmetern rundet das digitale Bild ab. Vorbildlich ist auch die Verarbeitung der gesamten Apparatur. Da gibt man gern die knapp über 11.000 Euronen an die Aprilianer ab.

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Text: Pabi

Fotos: Franz I.