Kawasaki Versys-X 300

Kawasaki Versys-X 300


Grüner Stoppelhopser für alle

Kawasaki bringt die Vielseitigkeit der Versys-Baureihe in die untere Mittelklasse und schließt mit der 40 PS starken Versys-X 300 eine Leistungs-Lücke bei den Reiseenduros.

Leute aufgepasst, hier kommt ein Geheimtipp für alle, die genug haben von übergewichtigen Dickschiffen à la BMW GS und Ducati Multistrada, die aber dennoch aufrecht und bisweilen engagiert durch die Lande tingeln möchten: Die Versys-X 300 aus dem Hause Kawasaki ist ein passabler Gegenentwurf, der das reisige Enduro-Thema ins 300er-Segment bringt und damit für Führerschein A2-Besitzer öffnet.

Kawasaki Versys-X 300 05

Erwachsener Anblick

Dabei sieht die Grüne auf den ersten Blick nicht aus wie zu heiß gewaschen oder lieblos zusammen gefriemelt, noch nicht einmal den kleinen Hubraum sieht man ihr an. Mit ihren ausgewachsenen Dimensionen – in der Länge ist sie bei 2170 mm sogar noch fünf Millimeter länger als die 650er Versys – und gelungenen Proportionen passt sie voll in die Zeit. Im großzügigen Ergonomie-Dreieck aus Sitzbank, Lenker und Fußrasten finden selbst Piloten mit Gardemaß ein lässiges Plätzchen mit viel Platz vor. In der tiefen Sitzmulde ergeben sich dank der immer noch artgerechten 845 Millimeter Höhe total entspannte Kniewinkel bei aufrecht zum Lenker hin orientiertem Oberkörper. Tourenfreunde sind von dem Vorbau mit der aufragenden, nicht einstellbaren Scheibe sogar begeistert, die einen richtig guten Schutz vor Wind und Wetter bieten kann. So präpariert könnte man es locker einen ganzen Tag lang aushalten, wenn, ja wenn die breite Sitzbank nicht einfach zu hart gepolstert wäre, nicht nur für verwöhnte Hinterteile. 

Funktionalität im Fokus

Im Instrumentarium herrscht puristischer Pragmatismus, aber in bestem Sinne. Unter der Scheibe bietet die 300er sehr gut ablesbare Anzeigen, die neben dem zentralen Analog-Drehzahlmesser den eingelegten Gang signalisieren. Und das ist auch gut so, denn der aus der leider die Euro 4-Hürde gerissenen Ninja 300 abgeleitete Reihenzweizylinder gibt akustisch wie schubmäßig wenig von sich preis: Der Vierventiler mit dem kleinen Hubraum von 296 Kubikzentimeter rollt ohne zu Mucken gemütlich im sechsten Gang durchs Dorf und nimmt nach dem Abbiegen im dritten Gang fast aus dem Stand flüssig und ruckellos wieder Fahrt auf. Dahinter steckt die gegenüber der 300er-Ninja deutlich kürzere Endübersetzung, die der Fahrbarkeit zugute kommt. So braucht es in der Praxis die ersten drei Gänge lediglich zum Anfahren, mit einer geübten Hand an der unheimlich leichtgängigen Kupplung bewegt sich die Kawa sogar im dritten Gang problemlos vom Fleck weg. 

Kawasaki Versys-X 300 01


Drehorgel ohne Druckbereich

Doch die fünfstelligen Nenndrehzahlen für Leistung und Drehmoment machen aber auch klar: Soll es vorwärts gehen, will der Twin mächtig gedreht werden. Dabei entwickelt der Zweizylinder seine Kraft von 40 PS bei 11.500 Touren und knapp 26 Newtonmeter bei 10.000/min alles andere als hinterlistig, vielmehr sehr harmonisch und nachvollziehbar. Bis 7000 Touren trotz kurzer Übersetzung fast zaghaft, erst darüber legt der Motor spürbar an Schub zu. Versierte Biker vermissen einen Bereich, in dem die Post abgeht. Doch diese harmlose Charakteristik macht für nicht für Einsteiger Sinn, wer sich im losen Gelände bewegt, wird die sanftmütige Kraftentfaltung mit guter Kontrolle des Leistungseinsatzes zu schätzen wissen.

Kawasaki Versys-X 300 09

Basis-Fahrwerk

Wie der Antrieb, so ist auch das neu entwickelte Fahrwerk auf größtmögliche Praktikabilität und Vielseitigkeit ausgelegt. Deshalb dominiert hier Bewährtes, was zugleich die Kosten senkt: Ein herkömmlicher Backbone-Rahmen aus Stahl nimmt den Motor starr auf und gibt der Grünen Halt. Speichenräder in den für asphaltorientierte Reiseenduros üblichen Dimensionen rollen im Format 19 Zoll vorn und 17 hinten, damit ist der Versys-X eine große Reifenauswahl bis hin zum extremen Grobstoller garantiert. Mit ihren extraschmalen Reifen legt die Versys-X ein erfrischendes Fahrverhalten an den Tag, das ohne Hang zur Überhandlichkeit einen höchst Vertrauen erweckenden und dennoch agilen Eindruck macht. Das verdankt die 300er ihrer moderaten Fahrwerksgeometrie mit langem Radstand. Allenfalls mittellange Federwege von 130 Millimetern vorn und 148 mm hinten schränken den Geländeeinsatz ein, machen auf Asphalt aber ein tadelloses, stabilitätsorientiertes Fahrverhalten mit hohen Tempi bis zu 155 km/h auf der Autobahn möglich.

Den Federelementen merkt man die preisorientierte Fertigung fast ohne Verstellmöglichkeiten an – nur am Federbein ist die Vorspannung einstellbar. Auf unebenem Untergrund agieren Gabel wie Federbein unangenehm hart und auch das Ansprechen könnte sensibler sein. Einmal beim kritisieren bekommt die Serienbereifung vom Typ IRC Trail Winner ihr Fett weg: Dem artgerechten Profil und durchaus ordentlichen Grip hinkt das Feedback hinterher, der reifen fährt sich ziemlich indifferent. 

Eingeschränkt geländetauglich

Wer mit der Kawa tatsächlich offroad unterwegs sein möchte, muss mit 180 Millimeter Bodenfreiheit auskommen und einen nur wenig geschützten Motor in Kauf nehmen. Dafür fördert der große Lenkeinschlag von 40 Grad die Handhabung und erlaubt das Wenden selbst auf einspurigen Sträßchen. Auf losem Untergrund und für wenig Erfahrene macht auch die defensive Auslegung der Bremsen Sinn. Wer lieber eine klare, effektive Verzögerung bevorzugt, findet den Nissin-Schwimmsattel im Vorderrad zu stumpf – man muss schon fest reinlangen, um das Bosch-ABS zum Eingreifen zu zwingen.